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6 Apr

Vöslauer unterstützt das UNICEF Programm „Wasser für Syrien“- ein Interview mit Andreas Knapp.

Die unvorstellbare Zerstörung, die der Krieg in Syrien verursacht hat, ist für die Bewohner eine Katastrophe. Allen voran für die Kinder, die in dem mittlerweile sieben Jahre andauernden Krieg, eben diesen zu ihrem Alltag zählen und traumatische Erfahrungen gemacht haben. Ihnen und ihren Familien zu helfen, ist das oberste Ziel von UNICEF, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNO).

Der gebürtige Tiroler Andreas Knapp leitet seit über einem Jahr die UNICEF Wasserprogramme in Syrien und arbeitet daran, die einstige Millionenstadt wieder mit sauberem Trinkwasser zu versorgen. Dass Knapp direkt nach dem Abzug der Truppen aus der Stadt auch wieder Kinderlachen hörte, berührte ihn genauso sehr wie das große Bedürfnis der jungen Stadtbewohner nach Bildung und gemeinsamen Spielen – ermöglicht durch die „kinderfreundlichen Zonen“ von UNICEF.

Vöslauer arbeitet als Kooperationspartner gemeinsam mit UNICEF daran, die Schulen wieder mit fließendem Wasser und Sanitäranlagen auszustatten und hat Andreas Knapp zu einem Rundgang durch das Vöslauer Werk eingeladen.

Herr Knapp, welche Aufgaben übernimmt UNICEF vor Ort?

Andreas Knapp: Wasserversorgung, Bildung und Gesundheit – die Uraufgaben von UNICEF – die auch als wenig kontroversiell von den Konfliktparteien gesehen werden. Ich bin mit meinem Team für Wasserbau und Siedlungshygiene zuständig. In Partnerschaft mit dem österreichischen Nationalkomitee leite ich ein spezifisches Projekt in Aleppo und arbeitet mit dem Education Team zusammen. Hier sind unmittelbar nach Ende der Kampfhandlungen, die Child Friendly Spaces (kinderfreundliche Zonen) – oft in verwaisten Geschäftslokalen, weil Schulen und Kindergärten zerstört wurden – entstanden. Damit können die Eltern nicht nur für ein paar Stunden entlastet werden, sondern die Kinder werden auch in Bezug auf Traumata beobachtet, um ihnen gegebenenfalls eine nachfolgende Therapie zukommen zu lassen. Zudem versuchen wir hier Mindeststandards herzustellen, um Sanitäranlagen und Zugang zu Wasser zu ermöglichen. Mein anderes Projekt ist, die Wasserversorgung für Aleppo wieder auf Vordermann zu bringen, was eine große Herausforderung ist.

 

Foto: UNICEF

 

Wie sieht der Alltag der Kinder in Aleppo aus?

Andreas Knapp: Da muss man unterscheiden, wie der Alltag während des Konflikts ausgesehen hat und wie er jetzt nach dem Ende der unmittelbaren Kampfhandlungen aussieht. Während des Konflikts hatten die Kinder weiterhin die Motivation, Schulbildung und Zugang zur Ausbildung zu haben, waren dadurch aber enormen Risiken ausgesetzt. Die Kinder konnten am Schulweg Opfer von Heckenschützen, Granaten oder Minen werden. Generell ist Bildung in Syrien sehr wichtig. Es ist kein Entwicklungsland, sondern ein Land mittleren Einkommens. In Zeiten des schwelenden Waffenstillstands hat der Unterricht zwar noch stark improvisiert stattgefunden, in Gegenden, die vom IS belagert wurden, gab es aber jahrelang gar keinen Unterricht.

 

„Die Wahrscheinlichkeit, dass die Rechte eines Kindes maßgeblich verletzt werden, ist viel höher, wenn es nicht zur Schule gehen kann. UNICEF gibt den Kindern die Chance auf Bildung.“

 

Welche langfristigen Folgen kann es geben, wenn Kinder nicht in die Schule gehen können?

Andreas Knapp: Das ist ein großes Problem und nimmt einer ganzen Generation die Zukunft. Oft ist es Startpunkt für eine Abwärtsspirale. Wenn ein Kind nicht in die Schule geht, ist das Risiko groß, dass es später keinen Job hat und auf der Straße landet. Weiters erhöht es die Wahrscheinlichkeit, dass sie durch Kinderarbeit ausgebeutet werden, Kinderehen oder sexuelle Ausbeutung erfahren. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Rechte eines Kindes maßgeblich verletzt werden, ist viel höher, wenn es nicht zur Schule gehen kann. UNICEF gibt den Kindern die Chance auf Bildung. Syrien hat vor der Krise auch kaum Probleme mit Hygiene gehabt, aber da viele Kinder während des Krieges geboren worden sind, kennen sie diesen Standard nicht mehr. Die Eltern, die mit ihnen auf der Flucht sind, konnten ihnen diese Hygienestandards nicht beibringen.

 

Musik im Video: ©hartwigmedia.de

 

Welche prägendsten Erlebnisse hatten Sie vor Ort?

Andreas Knapp: Es war mein erster Besuch. Aleppo wurde damals im Jänner 2017 gerade für uns zugänglich. Einen Monat später wurden die ersten Child Friendly Spaces (kinderfreundliche Zonen) die auch von Österreich unterstützt werden, eröffnet. Vorher haben wir die Altstadt gesehen, die UNESCO Weltkulturerbe war und komplett zerstört wurde. Das zu sehen war für mich sehr bedrückend. Anschließend allerdings den Kindern zu begegnen, die uns begrüßt haben, war überwältigend. Diese Energie und die unglaubliche Lebensfreude – beeindruckend. Die Kinder waren in einer ehemaligen Verkaufshalle untergebracht, alles improvisiert. Aber sie haben Schach gespielt, gebastelt oder Gruppenspiele gemacht. Als ich mit einzelnen Kinder gesprochen habe, war ich fasziniert, wie gerne sie da waren. Es ist unglaublich, wie groß ihr Bedürfnis ist, in diese Child Friendly Spaces zu kommen.

 

 

„Top-Priorität ist die Basisversorgung. 20 Liter sauberes Trinkwasser pro Tag sollte jeder Mensch in Syrien zur Verfügung haben.“

 

Was umfasst die „WASH Strategie“ von UNICEF?

Andreas Knapp: Das kann man von einer übergeordneten Ebene bis zu den Schulen herunter brechen. Top-Priorität ist die Basisversorgung. 20 Liter sauberes Trinkwasser pro Tag sollte jeder Mensch in Syrien zur Verfügung haben. Anfangs haben wir es im Rahmen der Live Saving Emergency mit Wassertankfahrzeugen gemacht, die wir auf Dauer aber nicht nutzen können, weil sie nicht nachhaltig sind. Wenn es andere Möglichkeiten gibt, sind Brunnen unsere Priorität, um eine humanitäre Basis zu gewährleisten. Das Problem ist, dass sich der Konflikt im Land bewegt und in den letzten Jahren nicht mehr in den Erhalt und die Wartung der Wassersysteme investiert wurde. Wir stellen als UNICEF sicher, dass es Desinfektionsmittel für die Wasserversorgung gibt. Wir sind auch sehr stolz darauf, dass es bis jetzt in den sieben Jahren Krieg zu keiner Choleraepidemie gekommen ist, wie in anderen Krisenherden. Aber auch deswegen, weil wir gezielt arbeiten.

Wie konnte UNICEF das verhindern? 

Andreas Knapp: Sodium Hypochlorit, welches statt dem Chlorgas eingesetzt wird, macht dies beispielsweise möglich. Chlorgas, das man auch als Waffe verwenden kann, scheidet aus. Doch Sodium Hyperchlorit muss nur sehr niedrig dosiert werden, deswegen ist es für kriegerische Konflikte ungefährlich. Wegen der Wirtschaftssanktionen gegen Syrien ist das Sodium Hyperchlorit aber nicht importierbar. Mit unserem UN-Mandat konnte es das UNICEF WASH Team aber mit Konvois ins Land holen, um die Wasserversorgung sicher zu stellen.

 

Christa Laimer (rechts) von UNICEF Österreich war ebenfalls bei der Werksführung mit dabei.


Welche Probleme entstehen in der Infrastruktur?

Andreas Knapp: Innerhalb von Syrien gibt es kaum große Flüchtlingslager. Die Binnenflüchtlinge werden von ihren Landsleuten aufgenommen. Aber auch diese sind vor eine große Herausforderung gestellt. Viele können sich die Wassertarife nicht mehr leisten, dadurch werden die Services immer schlechter. Dies müssen wir stoppen und das ist genauso wichtig, wie die unmittelbare Nothilfe, denn das Land muss langfristig stabilisiert werden.

Wie kann man langfristig die Trinkwasserversorgung herstellen?

Andreas Knapp: Wir versuchen dies mit einer umfassenden Strategie. Bei der ersten Nothilfe geht es um lebensrettende Maßnahmen. Der andere Teil ist die Grundversorgung. Dabei soll keine kurzfristige Infrastruktur entstehen, sondern die zuständigen, bestehenden Wasserwerke wieder gestärkt werden. In Aleppo arbeiten wir mit dem Aleppo Water Establishment zusammen, investieren in Ausbildung und Ausrüstung, die im Krieg oft zerstört wurde. Zumindest das Minimum soll da sein, damit wieder eine selbstständige Wasserversorgung entstehen kann.

Was kann man tun, um zu helfen?

Andreas Knapp: Indem man im Freundes- und Bekanntenkreis darauf hinweist und über die Website spendet.

 

UNICEF WASH-Chief Andreas Knapp im Vöslauer Werk

 

Freuen Sie sich, dass Vöslauer thematisch so gut zu Ihrem Anliegen passt und als Partner dabei ist?

Andreas Knapp: Absolut! Ich habe Wasserwirtschaft studiert. Ich finde es sehr schön, dass hier das Unternehmen sowohl im sozialen als auch ökologischen Bereich auf Nachhaltigkeit setzt. Ich freue ich mich, dass wir da dabei sind.

Und welches Wasser bevorzugen Sie persönlich? Darf es „prickelnd“ oder „ohne“ sein?

Andreas Knapp: Da setze ich ganz auf prickelnd. [lacht]

 

 

Christa Laimer (UNICEF Österreich) und Alfred Hudler (Vorstand Vöslauer) Copyright Christian Husar

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