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6 Jun

Daniela Emminger, Autorin: Zwischen Kirgisistan und Braunau

Daniela Emmingers „infektuöser“ (Kurier) neuer Roman, „Kafka mit Flügeln“, führte die Autorin bis nach Kirgisistan. Warum das Schreiben und Reisen für ihre Werke grundlegend ist und was sie gerade in einem Affenkostüm in Braunau macht, hat sie dem #jungbleiben-Blog erzählt.

Wenn du an deine bisherigen Romane denkst: Was haben alle Hauptfiguren gemeinsam?

Daniela Emminger (Foto: Nina Keinrath)

Hmm. Ich würde sagen, meine ProtagonistInnen straucheln, holpern und stolpern allesamt irgendwie durchs Leben. Im Roman „Schwund“ (Ritter Verlag, 2014) beispielsweise verliert die zwanzigjährige Anni König ihre Mutter, entführt diese im Diabetes-Endstadium aus dem Krankenhaus und begibt sich mit ihr auf eine letzte skurrile und versöhnliche Reise. In „Die Vergebung muss noch warten“ (Czernin Verlag, 2015) leidet die junge Kilb Lauber an einem Wutproblem, ärgert sich über die allgegenwärtige Ungerechtigkeit und Willkür auf der Welt und trifft dabei auf die nicht minder krisengebeutelten Zeitgenossen Hürm (ein Obdachloser) und Rum (sein Bernhardinerhund, der in Wirklichkeit gar kein Hund ist). Dann wären da noch Agatha aus der für den Österreichischen Buchpreis nominierten Novelle „Gemischter Satz“, die – auch sprachlich – mit der Liebe abrechnet und im jüngsten Fall „Kafka mit Flügeln“ die beiden Hauptfiguren Samat und Sibylle, die in einem Strudel des Suchens, Findens und Verlorenseins gefangen sind. Alles schwere Themen: Liebe, Trauer, Verlust, Freundschaft, Identitätssuche, Wahnsinn und Wirklichkeit und also letztendlich auch (Gefühls)Zustände, die alle Menschen, auch mich, bewegen. Mit rosa Zuckerwatte, buntem Nudelsalat und Friede-Freude-Eierkuchen habe ich es persönlich nicht so – metaphorisch gesehen freilich. Und dann gibt es da noch etwas anderes, das meine Figuren gemein haben: Sie tragen etwas seltsame Namen, sind etwa nach österreichischen Orten benannt (Kilb, Hürm und Rum) oder „Dillemädchen und Kerbeljunge“ – was daran liegt, dass mir Namen sehr wichtig sind. Ein Name sagt aus, woher man kommt, wer man ist, man hört ihn ja quasi Tag für Tag.

In den Romanen geht es neben der geographischen Reise immer um eine Reise zu sich selbst. Ist die Bewegung als Metapher auch als Zeichen unserer Zeit zu sehen – die ständige Flucht vor irgendetwas, nur um ja nicht am gleichen Fleck zu bleiben, und etwas zu verpassen?

Das ist sehr treffend formuliert. Ich glaube in der Tat, dass eine tatsächliche Reise auch im Innersten etwas bewegt, neue Perspektiven ermöglicht, den Blickwinkel weitet und gefühlstechnisch etwas in Bewegung setzt. Orte verändern. Genau wie die Tatsache, Vertrautes (Menschen, eine Stadt, eine Wohnung, ein Land) hinter sich zu lassen und an einem unbekannten Ort wieder neu anzufangen, sich selbst neu zu entdecken und erfinden. Mich haben auch die vielen Monate in Kirgistan zu einem anderen Menschen gemacht. Da die Protagonistin Sybille (das Dillemädchen) aus „Kafka mit Flügeln“ alles verliert, dachte ich, auch ich als Schriftstellerin muss mich in eine Situation begeben, in der ich mich komplett verloren fühle. Sonst kann man das ja gar nicht wirklich nachvollziehen. Darum das gefühlte andere Ende der Welt: Kirgistan, wo ich keine Menschenseele kannte, die Sprache nicht beherrschte und sozusagen total „lost in translation“ war. Kirgistan ist ein sehr armer, sehr widersprüchlicher junger Staat, da merkt man dann wieder, wie wenig (Materielles) es braucht, um zufrieden oder gar glücklich zu sein. Oder wie unwichtig mitunter die eigenen Befindlichkeiten, der eigene Egoismus sind, man ist ja nur ein winziges Pünktchen in der unendlichen Weite.

Für mich ist Reise etwas Positives, der Wille, Neues zuzulassen, Festgefahrenes zu hinterfragen, sich völlig frei zu machen von Erwartungen, Routinen, Sicherheiten.

Einzig mit der Definition von Reise als „Flucht“ oder Angst „etwas zu verpassen“ bin ich nicht ganz d´accord. Auf mich trifft das so nicht zu. Man kann ja ohnehin nicht vor seinen eigenen Problemen und Unzulänglichkeiten davonrennen, die holen einen immer ein. Für mich ist Reise etwas Positives, der Wille, Neues zuzulassen, Festgefahrenes zu hinterfragen, sich völlig frei zu machen von Erwartungen, Routinen, Sicherheiten. Das ist toll und bereichernd, aber auch unheimlich anstrengend, weil man dabei ja auch das eigene Lebenskonzept in Frage stellt. Ich habe nicht das Gefühl etwas zu verpassen. Im Gegenteil, es passiert ja immer und überall zu viel. Da ist es schön, einfach mal stehen zu bleiben, am gleichen Fleck zu verharren – egal wo dieser Fleck dann ist.

Die Romane werden an den ungewöhnlichsten Orten geschrieben: Vom Stiftskloster bis Kirgisistan. „Funktioniert“ das Schreiben in den eigenen vier Wänden nicht?

Da muss ich kurz lachen, denn das ist echt schon auffällig bei mir. Ich habe schon ein Arbeitszimmer in meiner Wohnung in Wien und schreibe auch da. Aber am Anfang einer Geschichte, wenn alles noch ganz neu, abstrakt, ungeordnet ist und es darum geht, die Figuren, Charaktere, Handlungen und Stimmungen einzufangen, muss ich alleine sein. Das geht bei mir nicht anders. Es ist ja mit jedem Buch ein bisschen so, als würde man sich selbst gebären, jeder Einfluss von außen wäre da irritierend und störend. Ich bin dann ganz mit meinen Gedanken und Figuren allein, sozusagen in einer Phantasiewelt versunken. In Kirgistan kam außerdem dazu, dass ich vor Ort recherchieren musste – es gibt ja ganz wenig aktuelle Infos über das gesellschaftliche und politische Leben dort.

Ich suche mir diese Einsamkeit, diese Orte in dem Sinne ja nicht aus, es geht für mich einfach nicht anders.

Momentan sitze ich in einem Affenkostüm in einem kleinen Hotelzimmer in Braunau und arbeite an einem Theaterprosastück über das Hitlerhaus. Das klingt jetzt vielleicht ein wenig schräg, aber diese zweite, künstliche Haut hilft mir dabei, den braunen Braunauer Wahnsinn einzufangen. Diese ganzen Gedanken müssen ja wohin – und ich dachte mir einfach, dass sie so ganz gut aufgehoben sind. Das fühlt sich heiß und kratzig, stickig und unbequem an – nicht die unpassendsten Rahmenbedingungen für einen Text über Rechtsradikalismus wie ich finde. Ich suche mir diese Einsamkeit, diese Orte in dem Sinne ja nicht aus, es geht für mich einfach nicht anders.

Im neuesten Emminger „Kafka mit Flügeln“ geht es um Sybille Specht, die sich auf die Suche nach ihrem Jugendfreund macht und nach einem Suizidversuch nach Kirgisistan fährt. Was kann man von ihr lernen?

Daniela Emminger in Kirgisistan (Foto: Privat)

Jede Menge! Dass es nie zu spät ist, ein neues Leben anzufangen. Dass man sich immer (die Protagonistin ist Ende 30) neu erfinden kann. Dass sich Mut und Überwindung auszahlen, weil man am Ende dafür belohnt wird – mit neuen Erkenntnissen, überraschenden Wendungen, schicksalshaften Begegnungen. Dass echte Freundschaft niemals aufhört, auch wenn das manchmal zwischenzeitlich so aussieht. Dass man sich vom Leben nicht in die Knie zwingen lassen darf, sondern immer wieder aufstehen, weitermachen, kämpfen muss; selbst in scheinbar ausweglosen Situationen stellen sich immer wieder auch schöne Momente ein. Dass die Welt groß und weit und bunt ist und nicht nur den Flecken Erde und Sozialisation definiert, auf dem man sich gerade befindet. Dass das Lernen, Beobachten, Sich-Verändern ewig weitergeht. Dass Veränderung, auch wenn es oft nicht so ausschaut, sich nicht so anfühlt, etwas Gutes ist.

Gibt es einen Moment, in dem man als Autorin/Autor weiß „Das ist jetzt der letzte Satz des Romans!“ und dann hört man auf? Wie fühlt sich das an?

Daniela Emminger bei einer Lesung für ihren neuesten Roman „Kafka mit Flügeln“

Ich fühle das Romanende wirklich kommen. Also vielleicht nicht dezitiert den letzten Satz, sondern ich merke dann, dass alles gesagt und erzählt ist und ich mich quasi im letzten Kapitel befinde. Da bin ich dann total aufgeregt und muss mich ein wenig ermahnen, ruhig und konzentriert zu bleiben, den Worten und Zeilen ihren natürlichen Lauf zu lassen. An „Kafka mit Flügeln“ habe ich ja ganze drei Jahre lang intensiv gearbeitet, das ist schon eine lange Zeit mit allen Höhen und Tiefen. Manchmal glaubt man ja, der Berg an Arbeit ist unüberwindbar, die vielen Handlungsstränge, Dialoge, Dramabögen finden nie zu einem für einen selbst geglückten Ende. Bei einem 500 Seiten Roman schreibt man ja nicht mehr einfach so vor sich hin, wenn einen gerade die Muße küsst, das ist echt harte Arbeit. Und wenn man es dann geschafft hat, dann stellt sich ein totales Gefühl der Beseeltheit ein, wie man es auch empfindet, wenn man ein gutes Buch gelesen hat, auf der letzten Seite angekommen ist und den Deckel zuschlägt. Das kann schon was. Ich selbst liebe bei Büchern ja die erste und die letzte Seite, ich finde Anfänge und Enden zentral. Es ist das erste, das einem begegnet. Und das letzte, das bleibt. „Es hatte ja ausgerechnet ein Kirgise sein müssen, also ein halber, und dann war er auch noch verschwunden einfach so.“ Das ist mein Anfang aus „Kafka mit Flügeln“ – ich merke gerade, ich kann ihn auswendig, grins. Und das Ende lautet: „Mir nichts, dir nichts ging das, schwuppdiwupp, als ob nicht das Geringste geschehen wäre. Und so war es ja auch. Zeit, nach Hause zu gehen.“

Sollte jemals „ein Emminger“ verfilmt werden, wer dürfte Regie führen?

Oh, ich würde auch mit jemand Unbekannten arbeiten, wenn er/sie passt, also die Geschichte, die Figuren versteht, eine ähnliche Vorstellung von Worten, Bildern, Besetzung und Musik hat wie ich. Es geht ja letztendlich darum, eine Geschichte zu erzählen, und das auf eine Art und Weise, die den Kopf rattern lässt und das Herz zum (Höher)Schlagen bringt. Aber wenn ich es mir aussuchen könnte, dann gerne ein Wim Wenders, Wes Anderson – in diesen Filmen ist alles so herrlich leise, skurril und verschroben. Oder wenn wir in Österreich bleiben, eine Mirjam Unger, Kathrin Resetarits oder ein Wolfgang Murnauer.

 


Daniela Emmingers Bücher sind im Czernin Verlag erschienen. 2016 war sie mit „Gemischter Satz“ auf der Longlist des Österreichischen Buchpreises.

Auf ihrer Facebook Page erfährt man alle Termine zu aktuellen Lesungen. Daniela Emminger wird am 26.6.2018 bei „Kirgisistan im Doppelpack“ in Wien lesen.

 

Titelfoto: Nina Keinrath

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