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5 Sep

Künstler Revkin über seinen Zugang zum Flow: „Inspiration is for amateurs.“

Sascha Vernik kommt aus Wien und arbeitet unter dem Künstlernamen Revkin als Illustrator, Maler, Storyboarder und Animator. Wir durften ihn in seinem Wohnatelier im 4. Wiener Gemeindebezirk besuchen und mit ihm über seine vielfältigen Interessen, seine Arbeiten und den Flow in einem künstlerischen Umfeld reden.

Was gefällt dir besonders an deinem Job?

Mir gefällt in erster Linie die Abwechslung in meiner Arbeit. Ich arbeite mit den verschiedensten Menschen zusammen, mit Filmschaffenden, Malern, Architekten, Designern und unter meinen Kunden finden sich Menschen verschiedenster Berufsbilder. Deren unterschiedliche Ausgangspunkte, in Bezug auf die von mir gewünschten Leistungen, stellen mich vor neue Herausforderungen. Gleichzeitig sehe ich einen (vielleicht nicht allzu offensichtlichen) roten Faden zwischen den verschiedenen Disziplinen.

Und was stresst dich besonders?

Was mich besonders stresst ist mein Wille, alles auf einmal machen zu wollen. Mich interessiert so vieles und der Tag hat leider nur 24 Stunden.

Du hast an der Universität für angewandte Kunst Malerei studiert, wann hast du dich dazu entschieden?

Es war eine ziemlich lineare Entwicklung – ich habe schon immer gerne gezeichnet und gemalt und wollte besser werden. Ich wollte verstehen, wie die alten Meister ihre Werke erschaffen konnten und welche Prozesse dafür nötig waren. Abkürzungen haben mich selten interessiert, ich wollte verstehen, welche Prinzipien den Entscheidungen zugrunde liegen. Daher lag es nahe, auch Malerei studieren zu wollen. Das Studium hat mein Interesse für die Kunst noch ausgeweitet und nun finde ich mich eben in der Position wieder, alles auf einmal machen zu wollen: Illustrationen, Ölgemälde, Murals, Graphic Novels, Animationsfilme, etc. Das geht leider nur bedingt, aber ich gebe mein Bestes.

Weißt du was ein Flow ist und kennst du das Gefühlt auch von deiner Arbeit?

Absolut, jedes Mal. Sobald ich mich wirklich auf eine Arbeit einlasse, bin ich drinnen. Quasi nach dem Motto „inspiration is for amateurs“ von Chuck Close. Das soll nicht heißen, dass ich sofort für jedes Projekt Feuer und Flamme bin. Ganz und gar nicht. Es gibt wenige Projekte, die ohne gute Idee oder sorgfältige Recherche meinerseits oder seitens der Auftraggeber funktionieren. In diesen Fällen muss man noch etwas Nachhilfe leisten, aber ich bin davon überzeugt, dass es für die meisten Fälle einen Ansatz geben kann, der interessant genug ist, um als Motivator zu dienen. Sobald dieser gefunden ist, kann alles Weitere daraus blühen.

Wie sieht ein Arbeitsprozess nach der Ideenfindung aus, welche Rahmenbedingen müssen da sein, damit du in deiner Arbeit vollkommen aufgehen kannst?

Nehmen wir als Beispiel meine Deckenmalerei im „rien“, dem Nachfolgelokal des Griensteidls am Michaelerplatz in Wien – dort schwebt (oder schwimmt) jetzt ein lebensgroßer Wal an der Decke. Zuerst musste ich mich auf die enorme Länge des Motivs einstellen (etwa 16 Meter). Die ersten Malversuche der Silhouette waren durchzogen von kleinen Wölbungen – ein Indiz dafür, dass ich mir den Wal in meinem Kopf einfach nicht groß genug vorgestellt hatte. Nachdem ich mich also an das Format herangetastet hatte, indem ich diese mehr oder weniger fehlerhafte Vorzeichnung an die Decke malte, konnte ich reinkippen und bekam schnell ein gutes Gefühl für die Größe.

Kannst du überhaupt abschalten, wenn du riesige Wandmalereien machst und immer wieder Menschen im Raum sind?

Ich habe kein Problem damit, wenn mir andere Menschen bei der Arbeit zusehen. Ich würde eher sagen, dass ich davon profitiere. Ich interessiere mich für die Meinungen der Betrachter, sie geben mir ein Gefühl für die Bandbreite der verschiedenen Wahrnehmungen meiner Arbeiten. Oft entdecke ich gewisse Details oder Zusammenhänge erst durch den Dialog mit dem Betrachter. Geschieht dieser Dialog während des Entstehungsprozesses, so kann ich die daraus gewonnenen Erkenntnisse auf die Arbeit Einfluss nehmen lassen, wenn ich will.

Welche Voraussetzungen sind unabkömmlich für dich, um dich mit deiner Arbeit wohl zu fühlen und in einen Flow zu kommen?

Ich muss einen Bezug zu der Arbeit haben, auch wenn er marginal ist. Das Malen eines Bildes ist ein Auf und Ab der Gefühle – absolute Überzeugung und totale Unzufriedenheit können ohne Weiteres aufeinander folgen. Da muss man einfach dranbleiben und aufhören, wenn man ungefähr in der Mitte angelangt ist.

Kennst den Flow auch aus einem anderen Zusammenhang?

Vom Brazilian Jiu-Jitsu. Da gibt es sogar die Bezeichnung „flow rolling“, die eine Sparring Runde beschreibt, in der die Kämpfer quasi von Position zu Position, von Submission zu Submission „flowen“. Die Intention einer solchen Runde ist eine andere als beispielsweise in einem Wettkampf: es geht in erster Linie nicht darum, den Partner zur Aufgabe zu zwingen, sondern darum, Zusammenhänge zwischen den einzelnen Bewegungsabläufen zu erkennen und sich in einem größeren Kontext zu bewegen. Das ermöglicht dem Kämpfer auch, sein A-Game beiseite zu lassen und neue Wege zu erkunden. Eine wirklich passende Analogie dessen zur Malerei habe ich bisher noch nicht gefunden – vielleicht wäre es die Idee, dass man sich nicht auf einen Stil oder eine Art zu arbeiten konzentriert, sondern stets forscht, lernt und offenbleibt, damit sich der eigene Zugang frisch anfühlt.

 

Alle Fotos: Karolin Pernegger

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