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8 Nov

Alexandra Stanic: Von der utopischen Idee zur Wiener Girl Gang

Moderatorin, Fotografin und Journalistin Alexandra Stanic schreibt auf ihrem Blog über gesellschaftskritische und soziale Themen. Ihr Wunsch unterschiedliche Frauen in den Medien zu sehen, hat sie gleich zur Tat schreiten lassen. Über das Fotoprojekt #GRLPWR lässt sie Frauen zu Wort kommen und von ihren Ängsten und Hoffnungen erzählen.

#jungbleiben hat Alexandra Stanic interviewt:

 

Girlpower ist ein viel zitiertes Schlagwort, das in den letzten Jahren auch von Unternehmen für Werbezwecke genutzt wurde. Was bedeutet es für dich und warum hast du es für deine Serie gewählt? 

Alexandra Stanic: Grundsätzlich finde ich es gut, dass Girl Power im Trend liegt, aber natürlich stehe ich gewissen Unternehmen auch kritisch gegenüber. Wenn z.B. ein Fast-Fashion Konzern T-Shirts mit Sprüchen wie „Support your local girl gang“ abdruckt und ihre ArbeiterInnen aber nicht fair bezahlt und sie unmöglichen Arbeitsbedingungen aussetzt, frage ich mich schon, wie glaubhaft der Girlpower-Gedanke ist. Ich habe “#GRLPWR – support your local girl gang“ als Namen für meine erste Fotostrecke gewählt, weil ich die utopische Idee hatte, eine riesige Girl Gang in Wien zu gründen, die für ein modernes Frauenbild steht, zeigt, dass Frauen, alles können, was Männer tun (während wir bluten!) und Frauen viel sind, aber sicher nicht das schwache Geschlecht.
Da hat der Name ganz gut gepasst und ich hab beim Start der Fotostrecke im Herbst 2016 schon gemerkt, dass Girl Power gerade total im Kommen ist. Girl Power steht für mich für Solidarität, Selbstliebe, Stärke, Tabus brechen und für seine Rechte einstehen.

 

Alexandra Stanic

 

#GRLPWR vereint die unterschiedlichsten Charaktere. Wie wählst du sie aus? 

Alexandra Stanic: Anfangs war es noch so, dass ich Frauen aktiv angesprochen oder angeschrieben habe. Das waren meist Frauen, die mir mit ihrer Stärke, ihrem Mut oder ihrer Hilfsbereitschaft aufgefallen sind. Mir war sehr wichtig, möglichst divers zu sein, sei es wenn es um das Religionsbekenntnis, die Hautfarbe, den Bildungsgrad, die Kleidergröße, den Job oder die sexuelle Orientierung geht. Im Grunde muss sich jede Teilnehmerin mit Girl Power identifizieren, das war’s. Mittlerweile kriege ich viele Anfragen, da fällt es mir oft gar nicht so leicht, auszusuchen.

Rund um das Empowerment von Frauen hat sich in den letzten Jahren viel getan. Was ist für dich die bemerkbarste Entwicklung und wo hinkt es immer noch? 
Alexandra Stanic: Es gibt noch sehr viel zu tun, bis zur Gleichstellung von Mann und Frau wird es laut dem Weltwirtschaftsforum noch etwa 170 Jahre dauern, wenn sich nicht schnell etwas ändert. Vom Gefühl her würde ich sagen, dass Frauen jetzt eher als noch vor einigen Jahren offen über Probleme sprechen, das macht sich z.B. bei der #metoo-Bewegung bemerkbar. Und ich finde es klasse, dass es das Frauenvolksbegehren in Österreich gibt und sich da eine Gruppe an Menschen zusammentut, die wirklich etwas verändern möchte. Es hinkt aber sonst quasi überall: Frauen kriegen bei gleichen Kompetenzen weniger bezahlt. Jede fünfte Frau in Österreich ist sexueller oder körperlicher Gewalt ausgesetzt – die Dunkelziffer ist weitaus höher. Frauen werden nicht nach ihrer Leistung sondern nach ihrem Aussehen bewertet. Jungen Mädchen wird von Klein auf ein völlig falsches Schönheitsideal vermittelt. Die Menstruation ist noch immer ein Tabuthema, zur weiblichen Sexualität wird ebenfalls geschwiegen. In Österreich gab es noch nie eine Bundeskanzlerin oder eine Bundespräsident, Stichwort gläserne Decke. Frauen, die in Medien arbeiten oder sich im öffentlichen Raum bewegen, sind Hass im Netz stärker ausgesetzt als ihre männlichen Kollegen. Alleinerziehende Mütter werden nicht gut genug unterstützt, selbständige Frauen, die eine Familie gründen möchten, auch nicht. Es gibt Länder, in denen Abtreibungen verboten sind. Damit nimmt man Frauen das Selbstbestimmungsrecht und macht sie zu Kriminellen. Wie schon gesagt: Es muss noch sehr, sehr, sehr viel passieren.

Das Internet gibt vielen Frauen Plattform und Stimme, die erst dadurch Aufmerksamkeit erlangt haben und von klassischen Medien aufgegriffen werden. Wie siehst du die Entwicklung in dieser Hinsicht? 
Alexandra Stanic: Das Internet ist mächtig und ich finde es begrüßenswert, wenn Frauen ihre Stimme nutzen können und ihnen eine Plattform geboten wird, in welcher Form auch immer. Wenn klassische Medien Beiträge erst dann aufgreifen, wenn sie viral gehen, ist das schade, weil es sicher auch wichtige Videos, Texte und Aufrufe gibt, die untergehen. Gleichzeitig ist es aber gut, wenn große Tageszeitungen, Radio- oder TV-Sender darüber berichten, weil so die vielleicht nicht so internetaffine breite Masse erreicht wird. Außerdem läuft man im Internet ja auch Gefahr, sich nur in seiner eigenen Filterblase zu bewegen. Jemand, der eher ein rechtes Gedankengut vertritt, wird einen feministischen Beitrag vielleicht gar nicht erst in seiner Timeline finden oder aber in einem falschen Kontext gesetzt. Plattformen wie Facebook filtern, wer was sieht und meint zu wissen, wer was sehen möchte. Dem muss man kritisch gegenüber stehen. Sieht man was im Fernsehen oder liest es in einer seriösen Zeitung, empfindet man das vielleicht auch eher als wichtig. Frauen werden oft mundtot gemacht und große Social Media-Kanäle geben uns die Möglichkeit, laut zu werden und auf Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen.

 

Fotos: Alexandra Stanic

 

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