„Alles außer gewöhnlich“: Miss Anna Stomosis

Als „Fat Bitch who loves Fashion“ findet man Anna Stomosis auf Instagram. Mit starker Stimme macht die Wiener Powerlifterin Mut, gesellschaftliche Normen in Frage zu stellen. Das #jungbleiben Magazin hat mit Anna über Body Positivity und ihre Tipps für die Akzeptanz des eigenen Körpers gesprochen.

 

Wie würdest du deinen Instagram Channel für jemanden beschreiben, der oder die ihn noch nie gesehen hat?

Getarnt als Plus Size Fashion Page, geht es mehr um Radical Fat Acceptance, Powerlifting, Frauenrechte sowie Anti Racism Content und natürlich auch um Mode. In erster Linie soll mein Account ermutigen, Stereotype aufzubrechen, ein Tagebuch meiner eigenen Entwicklung sein und zur Reflektion aufzurufen.

 

Was bedeutet Social Media für dich und wie nutzt du es?

Ich glaube, so viele negative Seiten Social Media hat, so viele positive hat es auch. Wir können uns über alle Grenzen hinweg vernetzen. Ich nutze Social Media nicht nur als persönliches Tagebuch, in dem festgehalten wird, woher ich komme, sondern auch in welchem Verhältnis ich zu meinem Körper stehe. Ich glaube, dass ich durch meine Offenheit und Verletzlichkeit andere dazu bewegen kann, endlich zu hinterfragen, warum sie ihre Körper so verabscheuen.

 

Welches Feedback bekommst du von deinen Follower*innen und wie beeinflusst es dich?

Zu einem immens großen Anteil positives Feedback, was mich natürlich manchmal echt staunen lässt, was „reicht“, um Menschen dazu zu bewegen, ihre Körper neutraler zu sehen und liebevoller zu behandeln.

 

Body Positivity hat sich in den letzten Jahren als Bewegung etabliert, die gängige Schönheitsideale hinterfragt. Was möchtest du all jenen sagen, die mit ihrem Aussehen unzufrieden sind?

Body Positivity entstammt der Radical Fat Acceptance Bewegung. Das, was sich heute etabliert hat, ist leider ein sehr weichgewaschener, massentauglicher Ableger. Nichtsdestotrotz ist es natürlich gut, dass zumindest – in einem gesellschaftlich tolerierten Ausmaß – Ideale hinterfragt werden.

 

Das Wichtigste ist zu erkennen, dass das eigene Äußere keinen Zusammenhang mit dem Respekt haben soll, den man entgegengebracht bekommt.

 

Es ist als dicker oder fetter Mensch ein wahnsinnig befreiender Moment, wenn man versteht, dass die Traumen, die man durch seine Körpergröße erfahren hat, nicht auf einen selbst zurückzuführen sind, sondern auf die Gesellschaft. Diese hat noch nicht gelernt, dass fette Körper normal und wertig sind. Es ist eine Gesellschaft, die „Fettsein“ nach wie vor zum Abschuss freigegeben hat.

 

Kritische Stimmen meinen, dass die Body Positivity Bewegung auch alles auf den Körper reduziert und damit nur eine Diskussion über Schönheitsideale entsteht – aber den Menschen nicht außerhalb dieses Rahmens sieht. Was meinst du dazu?

Es ist nicht möglich, „the high road“ bei Themen zu nehmen, die über viele Jahrzehnte so eingebrannte Verhaltensmuster hervorgerufen haben. Wir leben in einer Gesellschaft, in der das Äußere als Spiegelbild menschlicher Attribute gesehen wird. Natürlich MUSS ich mich dann mit dem Körper beschäftigen und beginnen Stereotype aufzubrechen. Die Ansicht, dass der Mensch dahinter zu kurz kommt, ist in meinen Augen wahnsinnig ignorant und lenkt vom tatsächlichen Problem ab.

 

Es ist ein täglicher – oft lebenslanger – Kampf gegen Diskriminierung und strukturelle Benachteiligung.

 

Es wird laufend vergessen, wie viel ein fetter Mensch im Laufe seines Lebens ertragen muss. Für jemanden, dem ein Leben lang nicht einmal ein Mindestmaß an Respekt und Menschlichkeit entgegengebracht wurde, ist es ein Schlag ins Gesicht zu sagen, dass man jetzt nicht die Körperlichkeit thematisieren darf. Es steuert absolut nichts zur Lösung bei.

 

„Alles außer gewöhnlich“: Muss man heute Außergewöhnliches machen, um erfolgreich zu sein?

Außergewöhnlich ist für mich ein relativer Begriff. Wir leben in einer sehr normierten Welt. Alles, was davon abweicht – und da reichen kleinste Attribute, wie Sommersprossen oder eine zu große Nase, um beim Aussehen zu bleiben, ist natürlich interessant.

 

Ich glaube, die Angst – die in den meisten von uns eingebrannt ist – aus der „Norm“ zu fallen, hält uns davon ab, wir selbst zu sein.

 

Deshalb haben Menschen, die ‚außergewöhnlicher‘ sind, oft mehr Erfolg in Sozialen Medien, weil sie uns vorleben, was wir nicht wagen würden.

 


In unserer neuen Serie „Alles außer gewöhnlich“ stellen wir Menschen und ihre Projekte vor, die uns inspirieren.

Fotos: Felix Erler

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