Anna Riess: Körpernahes Material und politischer Ton

Anna Riess‚ Werke muss man gesehen haben. Egal ob Kunst- oder Gebrauchsgegenstände: Vasen, Tittitasse oder Boob Pot, Ohrringe oder Schalen – die skulpturalen Arbeiten haben bucklige Oberflächen, widerspenstige Formen und streben gegen jede Form von Einordnung. Als dekorative Objekte, die zum Nachdenken oder Schmunzeln anregen, schaffen sie sich ihren eigenen Raum und individuelle Bedeutung. Riess, die in der Wiener Leopoldstadt ihr Atelier (Ausstellungsstraße 3 / IV) hat, zeigt übrigens ihre Werke beim nächsten OPEN STUDIO am 4. September 2021 zwischen 15.00 und 20.00

 

Woher kommen die Inspirationen?

Anna Riess: „Für mich ist der weibliche Körper – mein Körper – eine andauernde Quelle der Faszination. Welche Veränderungen dieser durchläuft, sei es durch eine Schwangerschaft, die Stillzeit, meine Periode, meine Sexualität, meine Haut in der ich stecke. Hinzu kommt die Arbeit großer Künstler*Innen die mich ermutigt und antreibt. Zum Beispiel die Abgüsse von Rachel Whiteread, die Skulpturen von Louise Bourgeois oder Fotografiearbeiten von Birgit Jürgenssen. Aktuell begleitet mich das Buch ‚Das Unwohlsein der modernen Mutter‘ von Mareice Kaiser und hilft mir dabei für meine Arbeit genügend Zeit einzufordern – ohne schlechtes Gewissen.“

Was macht die Faszination von Keramik aus?

Anna Riess: „Ich habe für mein Diplom in Schmuckdesign 2018 das Thema ‚Fett und Falten‘ bearbeitet und landete wieder beim Ton. Das zerbrechliche, fragile und körpernahe Material fordert mich heraus und ich liebe es die Grenzen der Materialeigenschaften zu pushen. Weicher Ton reagiert direkt auf die Bewegung meiner Hände und formt in der Sekunde – anders als Metall aus dem ich Schmuck herstelle. Zur Zeit fertige ich Lampen und freue mich, dass sich dieses neue Feld aufgetan hat. Sie sind roh und nach dem ersten Brand bereits reizvoll. Alles ist mit Ton möglich – sogar mit Gold on top. Außerdem versuche ich mich vom Maßstab des Brennofens zu lösen und groß zu denken. Ein faszinierendes Beispiel hierfür ist die Arbeit ‚Meerohr‘ von Marie Janssen.“

Anna Riess

Deine Arbeiten kennen keine Grenzen. Mal sind sie Gebrauchsgegenstände, mal Skulpturen. Entsteht das während „work in progress“ oder steht schon vorher fest, was es werden soll?

Anna Riess: „Das ist ganz unterschiedlich. Oft begleitet mich eine Idee, wie das Lampenfieber und ich möchte wissen, was möglich ist. Oft habe ich zuvor eine Form im Kopf, die ich skizziere, beim Zeichnen weiterdenke und dann in Form bringe. Manchmal mache ich mir bewusst Raum um zu Spielen und schaue wohin mich meine Hände führen. Dabei entsteht das Gefühl, dass der Ton mitbestimmt und gerne auf eine spezielle Weise geformt werden möchte. Das prozessorientierte Arbeiten ist oft sehr spannend und darauf nehme ich in meinen Workshops Rücksicht. Ich möchte gerne mal an einer Residency teilnehmen um größere Skulpturen formen zu können.“

Weibliche Formen, wie zum Beispiel der Nippel, sind wiederkehrende Motive. Wie kam es dazu?

Anna Riess: „Angefangen habe ich mit dem Nippel als Ornament nach der Geburt unserer Tochter 2013. Das Stillen als ’24h Milchbar‘ hat viele praktische und wunderschöne Momente mit sich gebracht und doch war ich nicht vorbereitet auf das plötzliche Teilen meines Körpers. Die physische Abhängigkeit, die notwendige Geduld, keine Zeit mehr alleine zu finden und on top den Wunsch eine gleichberechtigte Beziehung führen zu wollen, verlangte viel ab. Diese Metamorphose von einer modernen Frau zur Mutter, die sich plötzlich von alten Mutterklischees befreien möchte, ist in unserer Gesellschaft kaum öffentlich Thema. Frauen tauschen sich meistens nur untereinander aus. Verletzlichkeit zu zeigen, sich zu unterstützen, ist mir wichtig und meine fragilen Objekte sollen im Alltag sichtbar sein – egal ob Mutter oder nicht. Frauen soll mehr Respekt entgegen gebracht werden. Es ist wichtig sie zu unterstützen bzw. gleichberechtigt wie Männer zu behandeln. Das heißt auch gleich zu bezahlen, ihnen zuzuhören und sie in Führungspositionen einzustellen. Das Private ist politisch und daher dreht sich meine Arbeit um diese Themen, die mich als Frau, Mutter und Partnerin betreffen.“

Anna Riess

Die Arbeiten kann man zwar im Shop kaufen, aber gibt es Stücke von denen das Trennen unmöglich ist?

Anna Riess: „Ja, klar. Ich würde mein Diplom nicht verkaufen. Dazu habe ich meinen Bauch in Aluminium gegossen und mag diesen ‚belly bacon‘ sehr gern. Er wird irgendwann im Museum gezeigt – welches darf ich noch nicht verraten. Aber danach würde ich ihn gerne wieder in meiner Nähe haben. Eine der ersten Lampen hängt nun auch bei uns Zuhause und die möchte ich nicht verkaufen. Ich freu mich auch sehr, wenn Familie, Freundinnen und Freunde meine Arbeiten kaufen und ich sie öfter sehe.“

 

 

 

Produkfotos: Maria Ritsch, Porträt: Helga Traxler | Photosalon Helga

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