Belvis Soler: „Nachhaltig zu sein, ist schon jetzt zwingend notwendig“

Belvis Soler ist Co-Gründerin des Berliner Luxus-Modemagazins Luxiders. Dabei versteht sich Luxiders als Medium, das nachhaltige Modemarken aus dem Luxusbereich präsentiert. War Anfangs in diesem Bereich noch nicht viel los, verzeichnete das Magazin binnen kürzester Zeit hohe Zuwachsraten. Der Grund: Viele Konsumenten und Konsumentinnen suchen verstärkt nach Informationen über nachhaltige Mode, wie Belvis Soler feststellt. Darüber hinaus etablieren sich immer mehr Labels, die mit Materialinnovationen herkömmliche Produktionsweisen völlig auf den Kopf stellen. „Nachhaltig zu sein, ist schon jetzt zwingend notwendig“, ist die Blattmacherin überzeugt. Mit ihr hat das #jungbleiben Magazin über aktuelle Entwicklungen, neue Denkweisen in der Krise und globale Veränderungen gesprochen.fnachh

 

Die aktuelle Situation hat die Modeindustrie auf neue Wege gebracht. Ist das eine beständige Entwicklung, die über die nächsten Jahre weitergehen wird oder ist bald wieder alles beim Alten? 

Belvis Soler: „Das Mode-Business ist ein Geschäft, das stark von Covid-19 getroffen wurde. Viele Marken konnten nicht mehr neue Kollektionen designen, weil ihnen einfach die Stoffe, die sie dafür brauchten, gefehlt haben. Sie konnten auch nicht die Lieferzeiten einhalten, weil die Grenzen geschlossen waren. Mode-Events, wie Fashion-Shows oder Modemessen musste abgesagt werden, so konnten Modemarken nicht ihre Frühling/Sommer-Kollektionen für nächstes Jahr präsentieren. Ebenso haben die Stores rund um den Globus geschlossen, die eigentlich die Frühlingskollektionen gerade bekommen hatten. Also: Jeder, aber wirklich jeder, musste sich selbst neu erfinden. Die Big Players haben sich für virtuelle oder Hybrid-Shows entschieden. Modehäuser haben zudem schnell realisiert, wie wichtig ein Online-Store ist. Um in Zukunft weiter zu bestehen, müssen Fashion Stores neu designt und für den Kunden persönlicher denn je werden. In den nächsten Monaten werden wir viele neue Ideen hierzu sehen können. Neue Business-Modelle werden entstehen, die die Welt der Mode für immer verändern wird. Eines ist aber sicher: Die Mode wird überleben.“

Modemarken müssen den sozialen und ökologischen Wandel leiten.“

Was muss passieren, damit die Mode nachhaltiger wird? 

Belvis Soler: „Das Wort nachhaltig ist sehr schwer zu definieren. Ich denke, dass alle Experten in diesem Bereich an einer Definition arbeiten. Viele sprechen deswegen über ‚ethisch Mode‘, ‚verantwortungsvolle Mode‘, ‚Slow Fashion‘ und ‚Fair Fashion‘. Das sind alles Subkategorien von Nachhaltigkeit. Aber ja, wir können sagen, dass auf vielen Ebenen Nachhaltigkeit definiert und passieren muss. Für uns, als Luxiders Magazin, ist nachhaltige Mode diejenige, die wir nach unseren Kriterien auswählen. So zum Beispiel, wie die Arbeiterrechte aussehen, wie der Planet behandelt wird. Wenn eine Marke also respektvolle Mode macht, dann können wir auf dieser Ebene über Nachhaltigkeit sprechen. Viele Marken sprechen von Transparenz. Eine Brand kann zwar transparent sein, aber immer noch mit giftigen Stoffen arbeiten, die Umwelt und Gesundheit schaden. Ich möchte betonen, dass Transparenz nicht mit Nachhaltigkeit Hand in Hand geht. Das ist nicht genug!“

Welche Rolle spielen Marken und Modehäuser? 

Belvis Soler: „Modemarken müssen den sozialen und ökologischen Wandel leiten. Dazu müssen sie folgende Punkte treffen: 1. Mit ökologischen und Recycling-Material arbeiten. Oder die Materialien sind kompostierbar. 2. Der Produktionskreis muss geographisch so klein wie möglich sein. 3. Respekt für die Arbeiter, die mit den landesüblichen Löhnen entlohnt werden. 4. Keine Tierqual. 5. Zero Waste Production.“

Was gibt es darüber hinaus? 

Belvis Soler: „Miet-Mode und Secondhand-Mode ist das einzige Business, das wir zu 100 Prozent für nachhaltig erachten.“

Wie können wir als Konsumenten unseren Modekonsum überdenken? 

Belvis Soler: „Zu allererst müssen Konsumenten zweimal darüber nachdenken bevor sie neue Dinge kaufen: ‚Brauche ich das wirklich?‘, ‚Fühle ich mich darin gut?‘, ‚Werde ich es oft anziehen?‘. Konsumenten müssen auch endlich die Waschzettel an der Innenseite der Kleidung ansehen bevor sie diese kaufen. Sie müssen verstehen, wo die Dinge herkommen, wie sie gemacht sind und wie sie damit die Umwelt beeinflussen. Es gilt immer ‚Qualität über Quantität‘. Das ist der Schlüssel.“

Nach Jahren in denen Fast Fashion immer schneller und schneller wurde – gibt es hier einen Breaking Point oder kann es noch schneller werden? 

Belvis Soler: „Ich mag diese Frage. Sie ist aber schwer zu beantworten. Ehrlich gesagt, gibt es hier zwei Strömungen. Auf der einen Seite, die Hyper-Fast-Fashion, die nach Covid-19 wieder ihre Lebensfähigkeit mit erhöhter Produktion und finanziellem Druck auf die Lieferanten erlangen möchte. Davon bin ich überzeugt. Die Nachhaltige Brands werden aber bald die Bewegung weiter pushen und für einen größeren Kundenkreis zugänglich machen. Hier werden Luxusmarken mehr Nachhaltigkeit in ihren Businessplan einbringen; junge Designer, die sich mit einer starken Design-DNA dafür einsetzen und andere Mainstream-Brands, die auf den Nachhaltigkeitszug aufspringen, wissen: ‚Nachhaltigkeit ist ein großer Trend!'“

Luxiders ist ein nachhaltiges Luxus-Mode-Magazin. Was hat sich in dieser Nische in den letzten Jahren getan?  

Belvis Soler: „Vieles. Als wir vor drei Jahren Luxiders gestartet haben, war es zwar nicht schwierig nachhaltige Modemarken zu finden, aber man musste viel Research dazu machen. Viele der Marken waren auch nicht besonders stylish, um ehrlich zu sein. Deswegen hat unsere Kuratierung für das Magazin viel Zeit verschlungen. Heute erhalten wir jeden Tag viele Emails von neuen, einzigartigen Modemarken, die ihre Reise mit unserem Magazin starten möchten. Es ist eindrucksvoll, wie schnell die Entwicklung dieses Markts vorangeht. Das geht in Halbjahresschritten! Dazu intensivieren die etablierten Luxushäuser immer mehr ihre Nachhaltigkeitsziele.“

Was bedeutet Nachhaltigkeit für die Modezukunft? 

Belvis Soler: „Nachhaltig zu sein, ist schon jetzt zwingend notwendig. Wir von Luxiders Magazin sehen das als einen positiven Trend und es wird auch stark nachgefragt. Unsere Leserschaft hat sich in einem Jahr verdreifacht und wir haben jetzt Zuwachsraten von 50 Prozent pro Monat. Das zeigt, dass immer mehr Konsumenten an Nachhaltigkeit interessiert sind und sich darüber informieren wollen.“

Welche Modebrands sollte jeder kennen? 

Belvis Soler: „Von den großen Modemarken: Vivienne Westwood und Viktor & Rolf. Darüber hinaus bin ich erklärter Fan von kleinen, unabhängigen Labels, die natürlich nachhaltig arbeiten. Für mich sind sie jene Träger der Mode, die wir brauchen werden und die ich wertschätze. In diesem Sinne möchte ich auch ein paar Marken erwähnen, die ich bewundere: Sylvia Calvo BCN verarbeitet alte Kaffeesäcke zu chicer, femininer Womenswear, Avasan kreiert exklusive Kimonos aus Stoffen, die in verlassenen Fabriken zurückbleiben. Bei Schuhen empfehle ich Nat-2. Die erste Marke, die aus Natursteinen Sneakers macht, ebenso fertigen sie aus Rosenblüten. Einfach fantastisch!“

 

Fotos: Cecilia Gaeta

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