Diese Frauen denken Österreichs Hotels neu

Katrin, Maria und Sabrina Steindl vom Unterwirt – die Mutigen

Im Tiroler Ebbs nahe Kufstein steht seit 1490 ein großes, weißes Haus – der Unterwirt. Das denkmalgeschützte Ensemble aus Hauptgebäude, Hof und Gärten belebt heute ein buntes Familienbusiness an deren Spitze die Schwestern Sabrina, Maria und Katrin Steindl stehen. Sie sind die drei Unterwirtinnen. Im Dreiergespann haben sie das Hotel ihrer Eltern übernommen und mit Gastrogen und ordentlich Power ausgestattet ein idyllisches Genussplatzerl mit Charakter daraus gemacht.

Den Unterwirt nennen Sabrina, Maria und Katrin ihr „kleines Gourmethotel“. Seit 1991 trägt das Restaurant im Hotel eine Gault Millau Haube. Der bezaubernde Gastgarten macht im Sommer Platz für Open-Air-Kino-Abende und Feste. Dann stehen lange Tafeln weiß gedeckt zwischen Bäumen im Grünen, es wird viel gelacht und viel genossen.
Herzstück des Hauses ist das ehrlich smarte Sister-Trio, das die alten Mauern mit jungem Leben befüllt. Das Rezept der Unterwirtinnen: mutig sein, hinterfragen, spontan bleiben und Dinge tun, deren Ausgang auch mal ungewiss ist.

Was war bisher eure größte Mutprobe im Unterwirt?

Das Mutigste überhaupt ist bestimmt, als Schwestern-Trio den elterlichen Betrieb zu übernehmen.

 

Wo denkt ihr ganz anders als eure Eltern?

Wir entwickeln unsere eigene, ganz persönliche Vorstellung zeitgenössischer Gastgeber*innenschaft. Wir begegnen unseren Gästen auf Augenhöhe. Für uns geht es nicht darum, möglichst alles anbieten zu können, sondern das anzubieten, was wir selber richtig gut finden und wärmstens empfehlen.

 

Was ist das genau? Und wo wollt ihr in Zukunft noch mutiger sein?

Dem wollen wir ein Zitat von Frithjof Bergmann voranstellen: “Tue das, was du wirklich, wirklich willst“.

Noch stärker soll der Unterwirt unsere eigene Lebensphilosophie widerspiegeln und ein Ort des Genusses und des Freiraumes für unsere Gäste sein.

Deshalb müssen wir uns noch stärker von tradierten Erwartungs- und Wertehaltungen befreien. Die stringente Umsetzung der eigenen Philosophie erfordert viel Mut und Durchsetzungskraft.

 

 

Mit welcher Philosophie denkt ihr Tourismus neu?

Wir sind überzeugt davon, dass tatsächlich empathischer, sanfter Tourismus kein Nischenprodukt bleiben wird. Schon unsere Eltern haben sich damals von Tiroler Massentourismus abgewandt und auf diesem Weg werden wir bleiben. Aber eine neue Generation von Gastgeber*innen sucht eine neue Generation von Gästen, und umgekehrt. Das Bewusstsein für ehrlichen Genuss, Qualität und Aufrichtigkeit steigt. Wir bieten unseren Gästen kein starres Wochenprogramm, sondern persönliche Tipps für individuelle Geschmäcker und Gemüter.

 

Wie verleiht ihr einem historischen Haus wie dem Unterwirt eine so lebendige Atmosphäre?

Indem wir das historisch Gewachsene mit zeitgenössischen Akzenten bereichern. Zum Beispiel tragen wir kein Dirndl, weil das weder zu uns noch zu unserem Selbstverständnis moderner Gastgeber*innenschaft passt.

Wir legen jene Musik auf, die wir selber gerne hören und leben nur jene Traditionen, die auch unsere sind. Denn lebendig ist, was gelebt wird.

Hierfür muss das Haus aber auch nach und nach von einigen „Verschandelungen“ der letzten Jahrzehnte befreit werden. Dem begegnen wir mit unserer ausgeprägten Leidenschaft für Kunst und Design.

 

Drei starke Frauen, drei eigene Köpfe, eine Menge Ideen und Gegensätze. Braucht ein gutes Hotel viele unterschiedliche Energien?

Ja, auf jeden Fall. Wichtig ist, diese gezielt einzusetzen und in die richtigen Bereiche fließen zu lassen. So ergänzen wir uns in unseren Stärken und federn Schwächen besser ab.

Wir erleben unsere Teamarbeit als wertvolle Ressource und wichtiges Kapital.

Natürlich gibt es Konflikte und Meinungsverschiedenheiten, aber gerade diese beflügeln uns. Und oft erreichen unsere erdachten Konzepte durch die Auseinandersetzung noch mehr Tiefe.

 

Mit welchen neuen Inputs verändert ihr den Unterwirt gerade nachhaltig?

Der Unterwirt soll ein Ort für Individualist*innen, Freigeister und Ästhet*innen sein. Wir lieben Feinsinn und gestalten sowohl im Hotel als auch im Garten Räume, in denen sich Menschen entfalten können. Unsere Gäste sind eingeladen diese Handlungsfreiräume für die ganz persönlichen Genussmomente anzueignen.

 

Ihr sagt: „Das wirklich Gute wird Bestand haben“. Wo finden wir das wirklich Gute im Unterwirt?

Das wirklich Gute ist wohl spürbar, es findet sich im Moment der authentischen Gastgeber*innenschaft, der besonderen Atmosphäre unserer Räume und Möglichkeiten. Es steckt in unserer preisgekrönten Küchenkunst, dem makellosen Handwerk und leidenschaftlichen Genuss. Bei uns wird das Beste ohne schlechtes Gewissen genossen.

Es darf auch mal hedonistisch zugehen, im authentischen Luxus des Einfachen.

 

Womit setzt ihr gerade ein Zeichen zu mehr Nachhaltigkeit?

Schon seit Jahrzehnten setzten wir auf Slow Food, die biologische Vielfalt der heimischen Lebensmittelproduktion und die Qualität heimischen Handwerks.

Wir sind überzeugt von der fruchtbaren Einheit nachhaltiger Gast- und Landwirtschaft. Wir verwenden Kosmetika der Apotheke Saint Charles, servieren unser Brot in Leinentaschen von GoodGoods und eine soziale Werkstätte fertigt die schönsten Teller für uns. Daraus ist ein stabiles Netzwerk gewachsen, das wir weiter ausbauen. Nicht zuletzt in unserem naturnahen Garten mit altem Baumbestand und wilden Beeten ist unsere tief verwurzelte Naturverbundenheit zu spüren.

 

Und mit welchen Ideen wollt ihr euer Hotel in Zukunft noch grüner machen?

Unsere Vision ist, unseren Unterwirt schon bald zur Gänze als Biobetrieb zu führen.

In unserem Garten machen wir das schon lange so: Was sich wohl fühlt, das wurzelt, wächst und gedeiht. Unser Anspruch ist es, unser Hotel auch im Hinblick auf Energieaufwand und Abfallwirtschaft enkeltauglich zu machen. Bewusst definieren wir den Begriff Wellnessbereich als Handlungsfreiraum für Genuss und Wohltat, als Freiraum sich zu entfalten.

 

Welchen Stellenwert hat Jungsein in eurem Alltag als Hotel-Chefinnen?

Vielleicht muss man ab und zu beharrlicher sein, um sich Gehör zu verschaffen. Aber im Allgemeinen ist Jugend selten von Nachteil, so haben wir Mut, Ausdauer und Schaffenskraft unsere Visionen in Zielen umzusetzen und auch zu erarbeiten. Bestimmt können wir auch durch unser selbstbestimmtes, offenes Auftreten überzeugen.

Als Gastgeber*innen begegnen wir unseren Gästen stets auf Augenhöhe und diese ist bekanntlich alterslos.

 

 

Entscheidungen fällt ihr auch Mal spontan aus dem Bauch. Ist Flexibilität ein Geheimrezept von euch?

Definitiv. Aus dieser Stärke heraus, können wir überhaupt erst auf die Individualität unserer Gäste eingehen. Und das ist immerhin eines unserer Kernanliegen. Auch die Entwicklungen der letzten Monate bestärken uns in dem Bestreben, unseren Gästen keine Schablone anzubieten, sondern das Erlebnis selbst. Und so macht Gastgeberschaft auch Spaß! Wir nehmen gerne Tische, Vasen und Wiesenblumen in die Hand, um ein unvergessliches Fest in der alten Scheune auszurichten.

 

Durch Corona kam auch eine neue Zielgruppe in euer Haus, ihr habt neue Konzepte entwickelt. Welche waren das genau und was nehmt ihr aus dieser Zeit mit in die Zukunft?

Jede Krise birgt ihre Chancen. Manchmal braucht es den Mut, diese nicht nur zu ergreifen, sondern selbst zu entwickeln. Um Abstand zu unseren Gästen zu halten, ohne auf Distanz zu gehen, haben wir zum Beispiel einen kontaktlosen Check-in ermöglicht, eine Besteckkassette und ein Servierpaddel entwickelt. Das regionale Bio-Frühstück servieren wir für jeden Gast individuell zusammengestellt, direkt am Tisch. Wir finden das wunderbar, denn obwohl es mehr Aufwand ist, müssen wir seitdem viel weniger Lebensmittel wegwerfen.

 

2020 war auch das Jahr, in dem ihr euch verstärkt mit Kolleg*innen verknüpft habt. Wie wollt ihr diese Begegnungen in Zukunft stärken?

Wir meinen, der brancheninterne Austausch und Zusammenhalt muss sich im Tourismus noch stark entwickeln.

Traditionellerweise ist das Konkurrenzdenken unter den einzelnen Betrieben hoch. Wir aber sind überzeugt davon, dass die konstruktive Zusammenarbeit und der Wissensaustausch wichtige Instrumente für die Zukunft sind. Die Initiative „New Generation“ wurde ins Leben gerufen. Ziel ist es, gemeinsam mit kreativen Junghotelliers und Gastronom*innen eine zukunftsfähige, touristische Vision für die Urlaubsregion Kufsteinerland zu entwickeln.

 

 

Was sind eure konkreten Ideen zum Thema Social Media in Zukunft?

Neben Beiträgen, die in Zusammenarbeit mit einer Agentur entstehen, teilen wir Postings meist spontan – aus gegebenem Anlass oder schönem Zufall. Oft entstehen die schönsten Bilder und Momente eben außerhalb des geplanten Rahmens. Wir finden es schön, diese Neuigkeiten, Bilder und Gedanken dann zu teilen.

 

Welche Innovationen, die ihr bis 2031 realisiert haben werdet, spinnen euch derzeit im Kopf herum?

Wir werden dann ein exzellenter Biobetrieb sein mit Biopool, Gemüsegarten, Obst- und Nussbeständen. Schritt für Schritt werden wir bauliche Vorhaben umsetzen, wie die Neugestaltung der Bar oder die Überarbeitung des Zimmerkonzeptes.

Ein Haus dieses Alters ist nie fertig. Und uns gefällt diese Tatsache.

 

Aus dem Bauch

Achtsamkeit oder Dynamik? Achtsamkeit

Ideen planen oder verwirklichen? Ideen verwirklichen

Einzel- oder Doppelzimmer? Doppelzimmer

 

Fotocredits (c) Der Unterwirt, Vanmey Photography, Dietmar Tollerien, Andreas Mittermaier, Dominik Zwerger.

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