Inclusify your mind feed: Interview mit Christl Clear

Wenn eine in der österreichischen Blogger-Szene dafür bekannt ist Klartext zu reden, ist meistens von Christl Clear die Rede. Die Wienerin hat in den letzten Wochen eine „Achterbahn der Gefühle“ erlebt, wie sie uns im Interview erzählt. Ihr Instagram-Video, in dem sie über Rassismus und ihre persönlichen Erfahrungen spricht, ist viral gegangen. Viele Gespräche und tausende Kommentare später, hat sie das #jungbleiben Magazin gebeten diese Zeit Revue passieren zu lassen.

Zur Erklärung der im Interview verwendeten Abkürzung BIPOC: Damit sind „Black, Indigenous, and People of Color“ gemeint.

 

Durch Social Media haben sich in den letzten Wochen neue Dynamiken ergeben, rund um die Welt gehen Menschen auf die Straße und demonstrieren. Wie hast du die Zeit erlebt?

Christl Clear: „Für mich war das eine wahnsinnig intensive Zeit. Es war eine Achterbahn der Gefühle, weil sehr viel Rückenwind und sehr viel Solidarität gekommen ist. Gruppierungen, die – so blöd es klingt – gewohnt sind, diskriminiert zu werden, sind enger zusammen gerückt. Und dann waren da auch noch die 50.000 Menschen in Wien, die zusammengekommen sind … das war so schön und so toll. Auf der anderen Seite sind mit dem Thema Traumata wieder hervorgerufen worden, weil man vermehrt über Vorfälle erzählt hat. Es war also schon sehr, sehr emotional und es hat auch weh getan. Aber es hat auch die Erkenntnis gebracht, dass viel mehr Leute das Problem erkannt haben.“

Hast du das Gefühl, dass sich in der Debatte – im Gegensatz zu den letzten Jahren – durch die aktuellen Ereignisse etwas verändert hat?

Christl Clear: „Ich finde diese Debatte ist so gespalten wie noch nie. So wie das meiste, wird es durch Social Media extrem hoch geschaukelt, das es schwer ist sachlich zu kommunizieren. Und so ist es auch mit der Anti-Rassismus-Debatte passiert, wobei es mehr als verständlich ist, dass bei dem Thema die Emotionen hochkochen. Es ist aber wahnsinnig schön zu sehen, wie viele Menschen bereit sind für Veränderungen zu sorgen und Sachen zu tun oder zu sagen, die sie sonst nicht getan oder gesagt hätten. Was man aber auch sagen kann, ist dass die Debatte nicht sofort durch das viele Aktivwerden auf Social Media unter den Teppich gekehrt werden konnte. Der Tod von George Floyd ist ja bei weitem nicht der erste Fall. Da gibt es ja noch viel mehr Taten von Polizeigewalt – auch hier in Österreich. Natürlich ist wie erwartet die Welle abgeflacht. Jetzt geht es aber an die richtige Arbeit. Das Thema ist noch lange nicht vom Tisch und das ist wichtig.“

Tahir Della von der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland meinte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung: „Rassismus braucht keine Intention.“ Welche Intention ist aber notwendig, um ihn zu bekämpfen?

Christl Clear: „Die Intention, die dahinter stehen sollte ist, dass man sich wünscht in einer Welt zu leben, in der alle Menschen gleich behandelt werden und die gleichen Rechte haben. Egal wie sie aussehen, egal wie viel Geld sie verdienen, welche Sexualität oder Geschlecht sie haben, woran sie glauben etc. Dafür muss man aber verstehen, dass man selber nichts aufgeben muss – nicht weniger verdienen wird oder weniger Aufmerksamkeit bekommt – nur weil jetzt andere gerade mehr Aufmerksamkeit bekommen. Das eine schließt das andere nicht aus und wir sollten einfach danach streben, dass jeder die gleichen Rechte und eine positive Lebensqualität hat.“

 

In meinem Video bin ich emotional geworden, weil es mich betrifft und mir Rassismus oft widerfahren ist. Ich habe meine Brüder und Cousins vor Augen gehabt und versucht zu erklären, warum es den Menschen in Amerika einfach reicht und es wichtig ist, dass sie sich zu Wort melden.

 

Dein Instagram-Video mit dem Titel „Rassismus“ ging viral. Bis heute hat es über 283.000 Aufrufe. Wie ist es dazu gekommen? Wann hast du beschlossen „Darüber muss ich reden?“ und wie empfindest du das Feedback darauf?

Christl Clear: „Ich kann mich erinnern, dass es an einem Samstag war, als dieses Video entstanden ist. Ich bin auf dem Sofa gesessen und habe durch Instagram gescrollt und weiß noch, dass ich diese George Floyd Geschichte schon ein paar Tage länger am Radar hatte. Die Berichterstattung war in Österreich noch klein, aber unter einem Posting ist bereits gestanden: ‚Jetzt gehen die auf die Straße und machen ihre eigene Stadt kaputt, nur weil ein Typ bei einem Polizeieinsatz gestorben ist und dann fällt das gleich unter Rassismus.‘ Dieses Kommentar hat sehr viel Zustimmung erhalten. Da habe ich mir gedacht, dass die Leute einfach nicht verstehen, worum es geht und ich wollte das aus meiner Perspektive erklären. Denn George Floyd war nicht der erste, der gestorben ist, sondern der erste, dessen Tod im Juni viral gegangen ist! Das passiert in Amerika viel öfter, aber es kommt nur selten zu uns nach Europa. Im Fall von Floyd war es diesmal anders. In meinem Video bin ich emotional geworden, weil es mich betrifft und mir Rassismus oft widerfahren ist. Ich habe meine Brüder und Cousins vor Augen gehabt und versucht zu erklären, warum es den Menschen in Amerika einfach reicht und es wichtig ist, dass sie sich zu Wort melden. Ich habe es vorher noch meinem Mann gezeigt und dann online gestellt, hatte aber nicht erwartet, dass das Video so oft angeschaut wird. Und dann haben mein Video so viele Menschen angesehen und geteilt und es gab so viele Kommentare, die so überwältigend und toll waren … Zum ersten mal in 37 Jahren in denen ich über Rassismus gesprochen habe, hatte ich das Gefühl, dass mein Gegenüber, dem noch nie Rassismus widerfahren ist, verstehen könnte worum es geht.“

Rassismus ist in vielen Strukturen verflochten und betrifft alle Bereiche unserer Gesellschaft. Was muss getan werden, um diese Strukturen hinter sich zu lassen?

Christl Clear: „Führungspositionen müssen viel diverser besetzt werden und Unternehmen brauchen viel mehr Inklusion, damit gewisse Dinge nicht mehr passieren und der gesellschaftliche Horizont erweitert wird. Viele Menschen müssen auch verstehen, dass nicht jeder, der etwas rassistisches sagt oder denkt, automatisch ein Rassist ist. Was man erlernt hat, kann man auch wieder neu lernen. Man muss dafür nur bereit sein. Generell muss aber das ganze System aufgebrochen und neu besetzt werden. Das betrifft natürlich auch die Repräsentation mit und von People of Color.“

Viele nicht betroffene Menschen haben durch die Proteste und die mediale Aufmerksamkeit Neuland betreten und möchten sich weiter informieren. Welche Bücher, YouTube-Channels oder Podcasts kannst du dazu empfehlen?

Christl Clear: „Das Buch von Alice Hasters, das heißt ‚Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten‘, ‚Exit Racism‘ von Tupoka Ugette, ‚White Fragility‘ von Robin Diangelo oder ‚Why I’m No Longer Talking to White People About Race‘ von Reni Eddo-Lodge. Auf Netflix gibt es Dokus, wie ‚Der 13.‘ oder die Mini-Serie ‚When they see us‘, die auf wahren Begebenheiten beruht. Auch die Serie ‚Little Fires Everywhere‘ zeigt sehr gut die Dynamik von Microagressions. Bei der Show ‚Patriot Act‘ gibt es auch einige sehr gute Folgen zu dem Thema. Weitere Filme: ‚Get Out‘, ‚Blackkklansman‘, ‚Loving‘ und ‚Twelve Years A Slave‘ sind auch gute Filme. Bitte nur nicht ‚Green Book‘, hier wird der Rassist langsam aber sicher zum Helden und somit zum Gewinner des Films und der Maincharacter der Geschichte fällt immer mehr in den Hintergrund. Das war im echten Leben nicht so und sollte so auch nicht verbreitet werden.“

 

Das Aufbrechen von Strukturen ist auch deshalb so wichtig, damit es die nächste Generation besser hat und Kinder sich sicher fühlen.

 

Wenn du noch eine Frage selber stellen könntest, welche wäre es ….

Christl Clear: „… die Frage: ‚Was wünschen Sich BIPOC von weißen Menschen?‘ Ich wünsche mir von weißen Menschen Einsicht und Verständnis für die Situation. Das geht aber nur, wenn man offen ist zu lernen, seine Fehler einzugestehen und offen ist korrigiert und verbessert zu werden. Ich kann von niemandem verlangen, dass man von heute auf morgen ein Antirassist wird, wenn man damit erst im Jahre 2020 anfängt zu realisieren, dass Rassismus sozialisiert, strukturiert und seit Jahrhunderten im Alltag verflochten ist. Viele Menschen bekommen es auch einfach nicht mit, dass sie rassistische Sachen machen und tun. Ich wünsche mir, dass Menschen diese Dinge einsehen und bereit sind etwas zu verändern – auch mit kleinen, alltäglichen Gesten. Und das ist auch eine Sache, die von beiden Seiten verlangt das Ego beiseite zu schieben. Wobei es für die Non-BIPOC wesentlich mehr Arbeit abverlangt. Im Zeitalter von Google, wo Informationen frei zugänglich sind, ist es aber nicht die Pflicht von BIPOC aufzuklären und weißen Menschen diese Dinge beizubringen. Und wenn wir schon dabei sind: Das Aufbrechen von Strukturen ist auch deshalb so wichtig, damit es die nächste Generation besser hat und Kinder sich sicher fühlen. In der Zukunft werden Familienstrukturen anders aussehen, Familien werden immer mehr Ethnien aufweisen, weil die Welt eben auch immer mehr Ethnien aufweist und dieses sich eben vermischen. Es kann schnell passieren, dass man mit jemanden verwandt ist, dem Rassismus widerfährt und dieser Person möchte man ja dann auch helfen können. Dieses Thema unter den Teppich zu kehren, darf einfach nicht mehr passieren, dafür ist in der Vergangenheit zu viel geschehen, als dass wir jetzt wieder wegschauen sollten.“

 

 

Fotos: Christl Clear

15. Juli 2020
Der Beauty-Trend in diesem Sommer: Lip Oils
20. Juli 2020
„Alles außer gewöhnlich“: Agnes Aistleitner

Kommentieren

Die E-Mail Adresse wird auf der Website nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet und müssen ausgefüllt werden.