Clean Business: Der Wiener Fahrradfensterputzer

Pascal Kellermayr machte aus der Not eine Tugend: Als er am Start seines Wiener Fensterputzer-Business nicht das nötige Budget hatte, um sich ein Firmenauto zuzulegen, radelte er darauf los. Und das hat sich auch Jahre später nicht geändert. Kellermayr hat als „Fahrradfensterputzer“ die wohl – im wahrsten Sinn des Wortes – saubersten Fenster Wiens im Angebot. Dass man dafür nicht nur Idealismus, sondern trotz dem Verzicht aufs Auto auch einiges investieren muss, um den Job in luftigen Höhen durchzuführen, erzählt der nachhaltige Unternehmer im Interview mit dem #jungbleiben Magazin.

 

Wie kam es dazu als Unternehmen „per Rad“ durchzustarten?

Pascal Kellermayr: „Ich habe mich fast ohne Startkapital selbständig gemacht. Da ich mir davor bereits einen Fahrradanhänger fürs Transportieren von Brennholz gebaut hatte, habe ich es einmal damit versucht, und es hat nicht so schlecht funktioniert. Ich habe die in der Anfangsphase noch reichliche Freizeit gleich einmal für den Bau eines wasserdichten Anhängerklappdaches und von Leiterträgern genützt. Das hat gut ausgesehen, ich war stolz drauf und so konnte ich mich von diesem Konzept nicht mehr trennen.“

Die Fahrradfensterputzer sind mit eigenen Cargo-Rädern unterwegs – wie lange hat es gebraucht bis diese entwickelt und gebaut waren?

Pascal Kellermayr: „Das Fahrrad-Anhänger-Gespann, mit dem ich derzeit unterwegs bin, ist bereits die fünfte Entwicklungsstufe und hat mich ca. 8.000 Euro an Materialeinsatz und hunderte Stunden Handarbeit gekostet. Das gerade in Bau befindliche wird diesen Aufwand noch übersteigen. Beide konnte und kann ich nur nebenher fertigen, daher sind dafür je ca. 3 Jahre von Planungsbeginn bis Fertigstellung zu rechnen. Das dänische Lastenrad für meinen Mitarbeiter hat mich ca. 3.500 Euro und 50 Stunden gekostet.“

Wo liegen die Herausforderungen im Alltag? Es gibt ja schließlich viel Equipment, das man transportieren muss, oder?

Wir haben besonders viel Equipment, aber die Anhänger haben so viel Platz wie ein Van und das Rad meines Mitarbeiters wie ein Auto. Fordernd sind steile Strassen, da wir keinen Elektromotor verwenden. Unterm Strich ist das trotzdem besser, weil ein Elektromotor auch Zuwendung braucht und die Fahrtzeiten bei uns anteilig an den übrigen Arbeitszeiten gering sind, da wir die Strecken optimieren und gleich beim Kunden des nächsten Tages parken, statt mit dem Lastenrad heim zu fahren. Das kann die U-Bahn besser.

Gab es jemals die Überlegung „Jetzt steigen wir doch aufs Auto um“?

Pascal Kellermayr: „Ja, im zweiten und dritten Jahr, also 2003 und 2004. Ich kann mich leider nicht erinnern, warum genau ich mich dann doch dagegen entschieden habe. Damals war ich mir des enormen Unterschiedes in Sachen Ressourcenverbrauch und Klimabilanz noch nicht so bewusst.“

Nach neuesten Studien legen immer mehr Konsumenten wert auf nachhaltige Produkte und Dienstleistungen – spiegelt das auch die Realität in der Erfahrung der Fahrradfensterputzer wieder? Wie sieht das Kunden-Feedback dazu aus?

Pascal Kellermayr: „Nachhaltigkeit wird immer noch zu 100% geredet und zu 3% gelebt. Ich bekomme oft positives Feedback aus allen möglichen Richtungen, aber das sind Worte. Kein Handwerksbetrieb hat das bis jetzt nachgemacht, und für meine Kunden stehen auch die Leistung und der Preis im Vordergrund. Nachhaltigkeit ist ein beliebtes Schlagwort, aber es fehlt überall an vollständigem Wissen und Bildung dazu, beispielsweise in diesem Zusammenhang, dass Elektromobilität nicht nachhaltiger ist als fossile, nicht einmal, wenn man nur das Thema Erderwärmung betrachtet.“

Wien liegt im Vergleich zu anderen europäischen Hauptstädten bei der Nutzung von Fahrrad im hinteren Feld. Welche Anreize braucht das, um dies zu ändern?

Pascal Kellermayr: „Es gibt nur einen begrenzten Teil der Bevölkerung, der aus Überzeugung oder Sparsamkeit bereit ist, mit dem Rad zu fahren. Die grüne Verkehrspolitik ist sehr hilfreich, um dieses Potential zur Gänze auszuschöpfen. Der größere Rest aber kann nur durch generationenüberschreitende Kostenwahrheit dazu motiviert werden, z. B. durch eine ehrliche CO2-Steuer. Es wird noch viele Jahre dauern, bis allgemeiner Konsens ist, dass sich die künftigen Gefahren nicht einfach nur mit Technik bannen lassen, sondern dass auch Verbrauchsverzicht ein Teil sein muss. Dieser wird irgendwann so normal sein, wie heute das Sackerl für den Hundekot – das war auch ein langer Lernprozess.“

 

Fotos: Fahrradfensterputzer
24. Oktober 2019
‚Green Furniture‘? Yes, there is!
12. November 2019
Der Schwimmende Salon zum Hören – Caroline Peters

Kommentieren

Die E-Mail Adresse wird auf der Website nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet und müssen ausgefüllt werden.