Featured by Forward >> Ein Feuerwerk der Sinne mit Bompas & Parr

Ein Feuerwerk erleuchtet den Himmel Londons und die Stadt wird in Wolken von Erdbeergeschmack getaucht. Klingt erfunden, ist aber tatsächlich das Werk von Bompas & Parr, einem Studio für multi-sensory experience design. Sam Bompas and Harry Parr vereinen Lebensmittel mit verschiedensten kreativen Disziplinen und schaffen so Kunstwerke und Erlebnisse für alle Sinne.

 

Wie würdet ihr eure Arbeit einem Kind erklären?

Wir machen Jelly.

 

“Wonka-esque” wie Willy Wonka in Charlie und die Schokoladenfabrik, und “Mad-Hatterish” wie der verrückte Hutmacher in Alice im Wunderland: Sind das Labels, mit denen ihr gerne in Verbindung gebracht werdet?

Sie sind ziemlich schmeichelhaft. Ich habe neulich mal wieder Charlie und die Schokoladenfabrik gelesen, und das Spektrum an fantastischen Lebensmitteln darin ist visionär. Mein erstes Kochbuch war Dahls Revolting Recipes, gefüllt mit Rezepten wie Mr Twit’s beard made of chip und stick-jaw toffee for talkative parents. Es ist großartig, jetzt als Erwachsener tatsächlich Schokoladenfabriken wie Mars besuchen zu können und mit Dahl an verschiedenen Projekten zu arbeiten.

 

 

Kann es je zu schräg werden?

Schräg sein, nur um schräg zu sein, ist lästig, aber es kann zu einem Gefühl von etwas noch nie Gesehenem führen.

Es kann jedoch nie zu viel Freude in der Welt geben. Wir sind von ganzem Herzen bestrebt zur Summe der menschlichen Freude beizutragen.

 

„Wenn du es dir vorstellen kannst, kannst du es auch tun.“ Wie sieht es mit dem finanziellen Aspekt dabei aus?

Wenn es eine wirklich gute Idee ist, wird jemand, oder werden viele Leute, dafür bezahlen.

Meine Lieblings-Graffiti befinden sich in den Toiletten der Royal Academy. Jemand hat dort in eine Kabine geschrieben:  ‚£3.00 für eine Tasse Tee, wollt ihr überhaupt Künstler unterstützen?’ Darunter kontert jemand: „Bist du nicht gut genug darin Kunst zu schaffen?”

 

Ihr sagt „hart zu arbeiten und sehr naiv zu sein“ hat eurer Karriere geholfen. Wie kommt das?

Anfangs lagen einige der Dinge, die wir vorgeschlagen haben, unverschämt weit außerhalb unseres Erfahrungsbereichs. Wir hatten keine Ahnung, wie schwierig es sein könnte, funktionierende Schokoladenwasserfälle und Silvesterfeuerwerke für ganz London zu gestalten oder das Dach von Selfridges zu überfluten. Die harte Arbeit hat uns neben der umsichtigen Zusammenstellung von Expertenteams über die Runden gebracht. Das Ergebnis war der rasche Aufbau eines anständigen Portfolios.

 

Woher nehmt ihr eure Inspiration?

Die Inspiration kommt aus der Soyer-Gedächtnisbibliothek des Studios. Die Bücherregale reichen von Trinkgeschichte, über den Tod, Weltausstellungen, Feuerwerk, magische Kräuter, Lust und Chemie.

 

 

Ihr sagt eure besten Ideen kommen oft von einem massiven Streit miteinander. Warum ist das so?

Meinungsverschiedenheiten sind ein wirksames Werkzeug. Die Verteidigung eines Konzepts deckt seine Schwächen auf. Letztlich sind unsere Interessen aufeinander abgestimmt; den Menschen die beste oder zweitbeste Nacht ihres Lebens zu bescheren.

 

Ist alltägliches Essen eine Form der Inspiration für euch oder gibt es da sozusagen eine Work-Life-Balance?

Ich kann mir nicht vorstellen, auf meinem Sterbebett zu liegen und zu denken: „Ich wünschte, ich hätte weniger gearbeitet“.

Bompas & Parr ist ein Brunnen der Träume. Nicht an anregenden Projekten zu arbeiten, wäre eine Verschwendung. Gordon Selfridge sagte: „Es gibt keinen Spaß wie Arbeit“, da stimmen wir von ganzem Herzen zu.

 

Ihr wart gerade Jurymitglieder bei einem Designwettbewerb. Würdet ihr sagen, dass ihr euch aktiv in der kreativen Gemeinschaft engagiert?

Wir neigen dazu, Satelliten in der äußeren Umlaufbahn zahlreicher kreativer Gemeinschaften zu sein – Essen und Trinken, Design, Architektur, Marketing, Museen und Attraktionen. Das hat beträchtliche Vorteile, denn so überträgt man das, was man in einer Disziplin gelernt hat, effektiv auf andere und kann so mutierte Hybriden schaffen. Unser erster Erfolg war also der Einsatz von Architektur bei Lebensmitteln, insbesondere bei Jelly. Auf diese Weise lösen wir alle möglichen Probleme.

 

 

Ist Nachhaltigkeit ein Thema, das ihr in eurer Arbeit berücksichtigt?

Wir veranstalten Events in großen Dimensionen, daher ist Nachhaltigkeit ein entscheidender Schwerpunkt. Zum Glück hatten die frühen Projekte des Studios nur ein mikroskopisch kleines Budget, sodass wir schon früh daran gewöhnt waren, sparsam zu sein und Material wiederzuverwenden, anstatt es in den Müll zu werfen. Es gibt ein Stück Holz im Studio, das Teil von mindestens sechs Installationen war, was ziemlich befriedigend ist. Es lohnt sich jedes Mal auf’s Neue, wenn wir es in einer anderen Konfiguration verwenden.

 

Ihr habt erwähnt, dass ihr im Laufe eures Lebens in ernsthaftere Bereiche vordringen werdet. Welchen Unterschied macht Alter bei Kreativität?

Ich habe gehört, dass die Kreativität eines Menschen mit 34 ihren Höhepunkt erreicht, und Harry und ich sind darüber hinaus.

Aber das Studio ist eine gewagte Mischung aus zwanzig Vollzeitmitarbeiter*innen und einer Vielzahl von Partner*innen, Auftragnehmer*innen, Wissenschaftler*innen, Ingenieur*innen und Freiberufler*innen.  Es ist Teamwork, und dank des gebündelten Fachwissens kann mehr erreicht werden, und zwar schneller und mit mehr Elan als in unserer Anfangszeit. Man verliert vielleicht die „Vision Gottes“ früherer Jahre, aber das Fachwissen, die Zuversicht und die Kompetenz des Alters ist ein Segen.

 

Illustration (c) Daniel Triendl.

Fotos (c) Bompas Parr, Addie Chinwebb, Nathan Ceddia.

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