Featured by Forward >>“Keine Angst vorm Machen haben”

Wenn man Jule Waibel nach ihrem Beruf fragt, sagt sie nur: “Ich falte”. Ein ziemliches Understatement: Denn die Künstlerin faltet seit einigen Jahren sehr erfolgreich aus verschiedensten Materialien ihre ganz eigene Design-Welt – von Teppichen und Couches bis zu Kleidern und Regenschirmen. Wir haben Jule Waibel interviewt während sie, natürlich, gerade gefaltet hat.

 

 

Wie bist du auf die Idee gekommen, Dinge zu falten?

An meinem College in London hatten wir ein Projekt, “Minimum & Maximum.” Da ging es um die Dimensionen in der Design-Welt und jeder konnte sie selbst interpretieren. Und dadurch kam ich auf das Falten.

Meine Oma Irmel hat für uns Enkel immer schon das Weihnachtsgeld in kleinen selbst gefalteten Papier-Boxen verteilt.

Während ich mir das Falten am College selbst beigebracht habe, hat sie mir auch den wertvollen Tipp gegeben, mir auf Youtube ein bestimmtes Tutorial dazu anzuschauen. Das war die Grundlage, durch die ich dann das Experimentieren mit neuen Formen und Materialien begonnen habe.

Doch meine erste Figur, der Origami-Ball meiner Oma, hat mich immer begleitet: Mein runder, gefalteter Sitz, zum Beispiel, ist davon abgeleitet.

 

Wie bist du aufgewachsen?

Ich hatte das Glück in einer sehr idyllischen und kreativen Umgebung aufzuwachsen, geschaffen durch meine Eltern. Mein Papa ist von Beruf Lehrer, unter anderem für Technisches Werken und privat ein Selbermacher und Erschaffer.

Wir vier Kinder hatten in unserem Spielzimmer eine echte Werkbank; da haben wir alle Techniken von Tonen über den Umgang mit Holz vom Vogelhausbau bis zu Linolschnitt erlernt. Dabei gab es kein Richtig und Falsch, so Waldorf-mäßig. Wichtig war, dass man keine Angst hat vorm Machen.

 

Einfach mal loslegen und probieren. Und dann wurde das Resultat gewürdigt, egal ob krumm oder schief.

 

 

Was brauchst du, um Kreativität fließen zu lassen?

Natur. Und eine entspannte Base, in der ich walten kann. Ich bin oft auf der Insel Bali, wo ich mein zweites Studio in einem traditionellen indonesischen Häuschen habe.

Das Malen ist meine Meditation.

Dann sitze ich in der Froschhocke auf dem Veranda-Boden, mit Blick über den Dschungel und fange an, meine Leinwand mit Ölfarben zu bemalen.

Und ganz automatisch fängt mein Kopf an zu denken. Zur Inspiration brauche ich weniger Bücher oder Ausstellungen – das lenkt mich eher ab. Ich muss etwas Meditatives tun, dann kommen die Ideen.

 

Wie startest du für gewöhnlich in den Tag?

Zuallererst nehme ich mir meine eineinhalb Stunden für mich selbst. Ich brauche das langsame Ankommen in den Morgen. Wenn ich diese ruhige Zeit in der Früh habe, bin ich tiefenentspannt, voller Energie und gut aufgestellt, egal was noch an diesem Tag passieren wird.

Außerdem ist Yoga am Morgen mein ein und alles.

Wenn ich es mal für ein paar Tage auslasse, merke ich schon in den Gliedern und im Kopf, wie es mir fehlt. Ich bin ein athletischer Mensch und immer in Bewegung. Auch meine Arbeit im Studio betätige ich stehend, es gibt nur ganz wenig Sitzen bei mir.

 

Ich habe gelesen, dass du süchtig nach Karotten bist.

Das stimmt! Die Sucht hat auch damals in London angefangen. Ich esse sicher ein halbes Kilo auf den Tag verteilt, wie ein Hase. Aber ich habe das auch schon gegoogelt: Vollkommen ungefährlich. Außer, dass die Handinnenflächen, im Vergleich zu anderen, orange Nuancen aufweisen.

In erster Linie liebe ich Karotten, weil sie so lecker knacken und wegen ihres Geschmacks, aber sie haben auch einen Nebeneffekt: Carotin ist ein natürlicher UV-Hautschutz und verlangsamt deshalb die Hautalterung.

 

 

Wie hast du dir nach dem Studium dein Business aufgebaut?

Ich wollte mich eigentlich nie selbstständig machen. Ich dachte, ich werde Produktdesignerin und arbeite in einem kleinen Büro. Ich bin in das Unternehmerin-Sein irgendwie reingerutscht. Nachdem ich meinen Master in Produktdesign hatte, dachte ich, jetzt wird’s ernst und ich fange in meinem ersten fixen Job an.

Aber dann kamen schon die ersten Anfragen von Magazinen und Blogs, die ersten Aufträge und die Bestätigung von außen, dass das interessant ist, was ich da mache.

Irgendwann, als ich dann auch ein eigenes Studio gemietet hatte, musste ich mir selbst eingestehen, dass das jetzt mein echter Job ist, den ich Full-Time mache und mit dem ich meinen Lebensunterhalt verdiene.

 

Gab es Momente, in denen du an dir gezweifelt hast?

Ja, natürlich. Für einen meiner ersten großen Falt-Aufträge sollte ichfür Svarowski ein riesengroßes Möbelstück als Raumtrenner aus Filz falten. Der Filz und die zu bespannenden Flächen wurde mir damals extra nach London geliefert und ich habe wochenlang dafür gefaltet.

Kurz vor der finalen Abgabe kam dann im E-Mail Verlauf heraus, dass es eine Farbänderung, schon Wochen davor, gegeben hatte: Das Möbelstück sollte nicht mehr weinrot, sondern beige sein. Diese Nachricht hatte ich übersehen und musste in kürzester Zeit alles neu machen.

Das war mein erstes Worst-Case-Szenario.

Ich habe dann alles umgekrempelt, den Oster-Urlaub zu Hause in Deutschland gecancelt, mir einen Mitarbeiter geholt und das neue Teil binnen einer Woche fertiggestellt. Die Auftraggeber waren happy, ich dagegen urlaubsreif und die Sache hatte auch etwas Gutes:

Die Reststücke des weinroten Stoffs haben mich ein Jahr später zu meinen gefalteten Teppichen inspiriert, die heute ein wichtiger Teil meiner Arbeit sind. Das hab ich dieser Geschichte zu verdanken.

 

Illustration von Daniel Triendl 

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