Featured by Forward >> Von Kategorien und kreativer Freiheit mit Sarah Illenberger

Sarah Illenberger gibt alltäglichen Dingen eine neue Bedeutung. Die Künstlerin, Illustratorin und Designerin erforscht mit ihrer Bildsprache Bereiche, für die es so keine einheitliche Berufsbezeichnung gibt. Sie findet immer wieder neue Ausdrucksformen für ihre Illustrationen und erzählt uns warum Italiener mit dieser kreativen Freiheit besser klarkommen als Deutsche.

 

 

Du bist bekannt für deine außergewöhnlichen Ideen. Wie hältst du diese fest?

Ich habe viele Skizzenbücher. Ich brauche immer diesen Moment, wo ich den Stift auf Papier ablege. Wenn ich für Kunden arbeite, baue ich in InDesign Collagen. Da kann ich mit der Google Image Suche schon ziemlich genaue Collagen anfertigen, die in echt meistens gar nicht mehr groß von der Skizze abweichen. Nur so kann ich dann den Einkauf planen, damit ich nicht so viel Überflüssiges besorge.

 

Für deine Arbeiten brauchst du immer wieder unterschiedliche Materialien. Versuchst du dabei nachhaltig zu arbeiten?

Ich arbeite schon viel mit Obst und Gemüse – das esse ich danach oder stelle es in eine Vase. Für Kunststoff-Materialien hab ich ein Materialarchiv, wo ich Sachen aufbewahre und so oft wie möglich wiederverwende. In den letzten Jahren bin ich aber eher auf natürliche Materialien umgestiegen, nicht nur weil sie mehr Spaß machen, sondern weil sie unberechenbarer sind. Ich merke auch Veränderung bei Kunden, die mehr darauf achten, dass Material wiederverwertbar ist.

 

Als McDonalds dich buchen wollte, hast du abgelehnt unter dem Motto „stick to your values“. Welches Werte sind das? 

Es ist mir wichtig, dass sauber produziert wird und ethisch eine Idee dahinter steht. McDonalds war definitiv ein Beispiel, das ich nicht vertreten konnte, besonders weil ich gerade vor der Anfrage mit meiner Arbeit die Abholzung im Regenwald kritisiert habe. Ich möchte mir selbst nicht widersprechen müssen, nur um finanziell gut auszusteigen. Bei Nike habe ich einmal zugesagt und etwas geschaffen, das mir am Ende gut gefallen hat. Man kann nicht immer 100 prozentig konsequent zu sein, aber man muss bei Kunden generell Maßstäbe setzen, damit sich etwas verändert.

 

Deine Bildsprache hängt sehr damit zusammen, dass du nicht in Schubladen denkst, sondern verschiedene Dinge kombinierst. Wo in der Welt wäre diese Art zu denken noch von Nutzen?

Es wäre schön, wenn in meiner Welt respektiert wird, dass man unterschiedliche Dinge macht und in denen auch gleich gut sein kann. Ich wünschte, in Deutschland wäre es akzeptierter, dass man vielseitig und abwechslungsreich ist. Dadurch entsteht ja immer wieder ein neuer Ansatz und ein frischer Gedanke. Ich finde es normal, dass man unterschiedliche Farben und Formen findet, um sich auszudrücken. In Deutschland ist das vor allem so ein Sicherheitsdenken. Wenn man etwas in eine Schublade steckt, ist es kontrollierbar. In anderen Ländern ist das akzeptierter. In der Renaissance wurden Menschen wie Da Vinci dafür bewundert, dass sie in verschiedenen Bereichen genial waren.

 

Woher kommt das besonders in Deutschland? 

Ich denke, der Deutsche ist so ein sicherheitsliebender Mensch, der gut darin ist, Regeln aufzustellen. Vielleicht hängt das geschichtlich damit zusammen, dass wir gesellschaftlich total zerrüttelt waren, sehr verunsichert durch die Konsequenzen des Zweiten Weltkrieges und dadurch irgendwie ängstlicher. Wir sind ein Volk, das sich ganz schwer damit tut, anderen etwas zu gönnen. Im Gegensatz zu Amerika, wo sich die Leute in ihrem Land einfach untereinander pushen oder unterstützten. In Deutschland ist man da eher kritisch und skeptisch, so unter dem Motto “die Leute ja nicht groß werden lassen”. Da tu ich mir in meinem kleine Studio in Italien echt leicht, wo der künstlerische Schaffensprozess irgendwie mehr geschätzt wird.

 

Apropos Italien. Wie war das so während Corona ganz ohne Reisen?

Das war eine Herausforderung, aber Einschränkung macht erfinderisch. Plötzlich war alles ruhig und still, die Augen waren klarer und neugieriger. Ich habe viel in den Straßen von Berlin fotografiert, gesammelt und gebaut. Dabei ist eine ganze Sammlung von Objekten entstanden. Der Prozess des Objektebauens hat mich gut abgelenkt und war meine Form der Verarbeitung der Unsicherheit.

 

Googelst du etwas, um zu wissen, ob es schon gemacht wurde?

Ja, natürlich. Gerade wenn man so arbeitet wie ich und versucht zeitliche Relevanz mit einzubringen, ist es nicht auszuschließen, dass sich irgendwo jemand anderes mit demselben Thema beschäftigt. Manchmal google ich ganz direkt, um sicherzugehen, dass das nicht schon irgendwo prominent präsentiert oder veröffentlicht wurde. Dann lasse ich es gleich sein, sonst macht’s keinen Spaß mehr.

 

Being copied is a good sign. Inwiefern?

Man muss es irgendwie positiv sehen, sonst verzweifelt man, denn es ist schwierig, eine Entschädigung zu bekommen. Wenn ich denke wie oft diese Melone kopiert wurde. Man muss einfach schauen, dass man schneller ist und eine neue Idee in derselben Größenordnung rausbringt.

 

Denkst du deine Art die Dinge zu sehen kann erlernt werden?

Ja, ich merke das bei meiner Tochter. Sie ist acht Jahre alt, und sagt im Alltag oft “Mama das sieht aus wie das und das, oder das könnte ja auch das und das sein”. Sie ist eine gute Assistentin. Sobald man das erlernt hat, bekommt es allerdings eine Berechenbarkeit. Spannend ist es, wenn es wirklich spontan entsteht, wenn sich zwei Elemente verbinden und diesen kurzen Zündmoment auslösen. Dafür muss man immer aufmerksam durchs Leben gehen. Manchmal hat man Glück, manchmal kommt lange gar nichts. Es ist ein bisschen wie Sternschnuppen am Himmel beobachten.

 

 

Du hast Grafikdesign studiert. Wie hat sich deine Bildsprache zu dem entwickelt, was sie heute ist?

Während des Studiums habe ich gemerkt, dass ich etwas mit den Händen machen möchte. Für das, was ich mache, gab es aber noch keinen Studiengang, weswegen Illustration für mich am nächsten lag. Dann habe ich gemerkt, dass ich aus der Alltagskultur am meisten Inspiration ziehe. Das Naheliegende, was uns alle umgibt, ist meine beste Inspirations- und Materialquelle. Damals entstand eine Art Bewegung, angeheizt durch das gestalten Magazin, und plötzlich kamen neue Begrifflichkeiten wie tactile design oder tangible design auf den Markt. Die Engländer waren der Sache voraus und haben erkannt, dass man Illustration mit Szenebildnerischem verbinden kann und dass man nicht nur umsetzen muss, sondern auch die Idee dazu haben darf.

 

Man muss etwas wohl irgendwo sehen, um zu wissen, dass man das tatsächlich machen kann.

Total. Das hatte ich in London mit Independent Magazinen wie Dazed&Confused und in Deutschland mit dem SZ Magazin, das Journalismus mit visuellem Storytelling verbindet. In deren Supplements hatte man auch mal 10 Seiten Platz für eine Fotostrecke.

 

Was wären Bereiche, die du in Zukunft noch gerne erforschen möchtest?

Generell möchte ich Stabilität darin erreichen, ganz frei und ohne Auftrag zu arbeiten. Über meinen Shop verkaufe ich nun schon seit 10 Jahren meine Arbeiten und jetzt auch vermehrt die Originale. Künstlerische Arbeit spielt also eine immer größere Rolle. Das ist mit mehr Risiko verbunden, weil man alles vorfinanzieren und sich selbst stärker strukturieren muss. Momentan beschäftige ich mich mit Sprache und Lyrik, und habe gemerkt, dass meine Arbeiten oft wie ein kleines Gedicht sind, also befasse ich mich damit, wie man seine eigenen Gedanken noch nuancierter zum Ausdruck bringt, ohne zu plakativ zu sein.

 

Illustration (c) Daniel Triendl

Fotos (c) Sarah Illenberger

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