Featured by Forward >> Warum Mirko Borsche nicht an Brainstorming glaubt

Als einer der bedeutendsten Grafikdesigner Deutschlands inspirierst du sicherlich viele Menschen. Wo liegt da für dich die Grenze zwischen Inspiration und Kopie?

Schwierig. Ich denke es kann sich um eine Kopie handeln, wenn du merkst, dass etwas deiner Idee sehr ähnlich sieht, aber vollkommen inhaltslos ist und der Person nur die Optik gut gefallen hat. Dann stellt man sich auf jeden Fall die Frage. 

Eine Inspirationsquelle ist zurzeit für viele sicherlich Instagram. Das war nicht immer so. Orientierst du dich überhaupt an Instagram?

Wir orientieren uns stark an Instagram, wenn wir nach neuen Talenten für verschiedene Projekte suchen,

wie zum Beispiel für Superpaper, oder auch in Städten, wo wir niemanden kennen. Vor allem für Illustratoren und Fotografen.

Und die kontaktiert ihr dann auch direkt über Instagram?

Ja, das machen wir tatsächlich über Instagram.

 

 

Man spricht bei diesem endlose Scrollen oft von information overload. Kann es auch so etwas wie inspiration overload geben?

Ich bin tatsächlich nur gezielt auf Instagram. Nie, wenn ich mich langweile, sondern nur, wenn ich nach irgendetwas Bestimmten suche. So kommst du nie in diesen overload, denn sobald du gefunden hast wonach du suchst, hörst du sofort auf. Wie wenn du ein unordentliches Zimmer hast: Selbst da findest du irgendwann den Gegenstand, den du brauchst, und dann hörst du auf.

Das klingt genauso gezielt, wie deine Forderung einer klaren Arbeitsatmosphäre. Was bedeutet das für dich, eine klare Arbeitsatmosphäre?

Ich finde, man muss für sich selbst klären, wie, wo und wie viel man arbeiten möchte, und ab wann man seine Freunde, Familie und Bekannten nervt, indem man ihnen seine beruflichen Themen und Probleme aufdrängt. Das Hauptproblem ist, dass Leute – vor allem im kreativen Bereich – oft denken, dass ihre Probleme wahnsinnig wichtig sind. Sie fangen dann an mit anderen über irgendwelche konzeptionellen oder grafischen Ideen zu sprechen und ihnen fällt gar nicht auf, dass sie die Leute total langweilen. Ich glaube das kann man hin und wieder mal anbringen, aber generell sollte man versuchen es möglichst zu trennen.

Ist das auch etwas, das du selbst für dich gelernt hast seitdem du eine Familie hast? War das früher anders?

Bei mir hat das irgendwann mal aufgehört, als mein bester Freund nicht mehr mit mir geredet hat. Er ist vom Tisch aufgestanden und meinte, dass er jetzt genug hat und wenn ich irgendwann mal wieder etwas Normales mit ihm quatschen will, dann soll ich ihn wieder anrufen. Also das war wirklich knallhart. Ich musste es nicht vorsichtig herausfinden, er hat es mir einfach direkt ins Gesicht gesagt.

 

 

Du meintest auch mal, Brainstorming wäre sinnlose Zeitverschwendung. Wie wird das denn sonst bei euch angegangen, wenn ihr für Kunden Ideen sammelt? Wie funktioniert das?

Jeder setzt sich hin und arbeitet erstmal für sich selber konzentriert an Ideen. Beim Brainstorming ist es oft so, dass nur zwei Leute reden und die anderen hören zu. Doch diese zwei Leute, die sagen oft sowas wie, „Ich sag jetzt mal was…ich weiß das klingt jetzt blöd…aber vielleicht.“ Und sobald man seinen Satz mit “Das klingt jetzt blöd” anfängt, müsste einem auch schon klar sein, dass man nicht mehr weitermachen sollte.

Es muss also zuerst eine konkrete Idee da sein, die man ausgearbeitet hat, damit man sie anspricht?

Genau. Also ich glaube, dass viele Leute Brainstorming einfach nur nutzen, um ihre Arbeitszeit totzuschlagen. Für ein anständiges Brainstorming müsstest du dir ein paar Stunden Zeit nehmen, dir drei Herzensideen aufschreiben und diese dann vor allen Leuten pitchen und hoffen, dass eine davon genommen wird.

Die Leute bereiten sich aber nicht vor und denken, dass ihnen eine geniale Idee aufpoppt, wenn sie dann zusammensitzen. Ich glaube nicht an dieses “Ping-Pong Spiel von Ideen”.

Diese Überzeugung scheint bei euch sehr präsent zu sein. Ihr lasst euch nicht verbiegen, auch nicht von Kunden. Kommt einem das auch manchmal in den Weg? Oder braucht es genau diese Überzeugung, damit man etwas Gutes schaffen kann?

Ich glaube, du brauchst vor allem eine gute Idee. Dann kannst du deinen Kunden erklären, warum diese inhaltlich Sinn macht, auch wenn sie optisch nicht den Eindruck macht, den sie sich gewünscht hätten. Wenn du natürlich sagst “Ich hab’s gemacht, weil grün mir besser gefällt”, bist du halt in der Diskussion, wo der andere sagt “Ja, aber mir gefällt blau besser und ich zahle”.

Wenn wir da nicht vorbereitet sind, dann werden uns die Sachen auch um die Ohren gehauen. Das passiert uns nicht oft, aber schon immer mal wieder.

 

 

Das erfordert auch einiges an Überzeugungskraft, Selbstbewusstsein, Argumentationsfähigkeit. Ist das eine Anforderung, um in dem Bereich gut zu arbeiten oder bei euch zu arbeiten?

Die Hauptanforderung ist es einigermaßen intelligent zu sein und vor allem unglaublich schnell Sachen aufzunehmen und diese dann so einfach und so schnell wie möglich zu kommunizieren.

Ein aktuelles Thema ist auch Nachhaltigkeit. Im Bereich Grafikdesign ist es vielleicht schwieriger über Nachhaltigkeit zu sprechen, aber du arbeitest ja auch für die Modebranche. Wie siehst du das?

Bei uns im Beruf ist Nachhaltigkeit schon auch ein großes Thema und man kann natürlich darauf achten in Bezug auf Materialien, Produktionsart, Farben, Papiersorten oder Veredelungen.

Ich finde man kann Kunden auch dazu raten, ein bisschen mehr zu investieren, besonders bei Printobjekten. Viele Leute sagen, Print verliere an Bedeutung. Das stimmt aber nur dann, wenn du ein Billigprodukt machst. Denn wenn du etwas Hochwertiges herstellt, wo der Kunde sich denkt “das kann ich eigentlich gar nicht wegschmeißen, sondern das heb ich auf”, dann hast du zumindest einen Mehrwert für das Objekt selber geschaffen.

Bei der Mode ist es natürlich in Zeiten von Amazon Prime und E-Commerce absolut Thema Nummer eins. Wenn du nur wegen der Lieferung schon so einen großen carbon footprint hast, gibt es überhaupt kein Argument mehr, nicht auf Nachhaltigkeit zu achten.

Achtet ihr da im Bereich Print zum Beispiel selbst darauf, dass ihr so etwas vorschlägt oder nur wenn die Kunden sich das wünschen?

Nein, wir machen das immer, es gibt da keine andere Alternative. Es wird nur so vorgeschlagen, dass es auch tatsächlich voll recyclebar ist.

Zum Schluss habe ich mir gedacht stelle nicht ich die Frage, sondern was wäre eine Frage, die du dir selbst oft stellst?

Das ist ne gute Frage, lautet die Antwort.

Illustration von Daniel Triendl 

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