Featured by Forward >> Zwischen Analog und Digital mit Eike König

Grafiker, Künstler und Professor, Vater, Partner und vor allem Mensch; das ist Eike König. Im Deutschland der 70er Jahre groß geworden, durchlebte er spannende Ären, aber auch emotionale Höhen und Tiefen haben ihn geprägt. Sprachlich ist Eike König absolut in seinem Element und bewundert die Ästhetik und die Kunst des Sports.

 

Du bist mitten im Deutschland der “wilden 70er” groß geworden. Gibt es etwas aus dieser Zeit was dich besonders geprägt hat und woran du dich gerne erinnerst?

Geprägt hat mich vieles… Auf der einen Seite habe ich einen Großteil meiner Freizeit geturnt. Von 3 – 17 Jahre waren meine Nachmittage strikt organisiert. Da bleibt wenig Raum für visionäre Gedanken oder wilde Selbsterfahrungen. Und doch lag der Mantel der Angst, dank der nuklearen Bedrohung des Kalten Krieges, permanent auf meiner “Emotionscouch”. All das nicht-ge-oder erlebte weckte eine innere Unruhe die ich bis heute verspüre. Eine Art Antrieb, in meiner begrenzten Daseinszeit – as much as possible zu leben. In allen Nuancen und Extremen.

Parallel pubertierte ich unsicher vor mich hin. So viele aufkommende musikalische und modische Strömungen und Gruppierungen denen ich mich zugehörig fühlte ohne wirklich dabei sein zu wollen. Und gleichzeitig spürte ich die Abgrenzung die ich nicht nachvollziehen konnte. Warum wurden die Positionen so ’ausschließlich’ formuliert? in dieser Erfahrung liegt wohl auch ein Charakterzug von mir begründet: Ich kann mit recht vielen unterschiedlichen Persönlichkeiten, Interessen und Meinungen umgehen und möchte mich nicht ausschließlich mit meinesgleichen umgeben. Mich interessiert der Mensch und seine Geschichte grundsätzlich.

 

Deine Werke beschäftigen sich mit sehr aktuellen und gesellschaftspolitischen Themen. Sie sind sehr “junggeblieben” und state of the art, fühlst du dich persönlich auch so?

Vielen Dank für das Kompliment. Gesellschaft, Gemeinschaft, Verantwortung, Freiheit, Haltung, Meinung, Umwelt … das waren schon immer Themen mit denen ich mich auseinandergesetzt habe. Das endet auch nicht mit … 25 … wird gefühlt sogar, seit der Geburt unseres Sohnes, noch intensiver.

 

In meinen künstlerischen Arbeiten, beschäftige ich mich mit Sprache, De- und Kontextualisierung und den entstehenden Deutungsräumen.

 

Sprache ist ein sehr machtvolles Tool, mit deren Hilfe  wir unsere innere und äußere Wirklichkeit beschreiben und manchmal auch unsere Gefühle.

 

 

 

Du bist selbständiger Grafiker, hast dein florierendes Grafikbüro in Berlin und unterrichtest nebenbei an der Hochschule der Künste, HfG Offenbach. Was ist dein persönlicher Ausgleich und hat sich seit der Geburt deines Sohnes etwas daran geändert?

Ich habe mich so organisiert, dass ich all die unterschiedlichen beruflichen Bereiche mit Ernsthaftigkeit, Freude und Energie bestreiten kann. Sie bereichern sich gegenseitig. Die Geburt unseres Sohnes kam einem Urknall in meinem Leben gleich. Man kann sich einfach nicht vorstellen, wie es ist, ein Kind zu haben. Ich war vollkommen naiv. Da werden die Planeten deines Universums noch mal neu geordnet. Viele etablierte Positionen mussten neu verhandelt werden, die EIGENE Zeit bekommt eine neue intensive Bedeutung, die mir vorher nicht so bewusst war. Und das EGO fängt auch an zu schaukeln.

 

Würdest du dich selbst eher als Künstler oder doch als Grafikdesigner bezeichnen?

Ich mache da persönlich keinen Unterschied. Ich habe Grafikdesign studiert, mein Wissen und meine Fähigkeiten über einen sehr langen Zeitraum Firmen und Institutionen angeboten und gemeinsam mit großartigen Menschen tolle Identitäten entwickelt und gestaltet.

Ich bin zuallererst ein Mensch. Dann ein Bürger, ein Vater, ein Geliebter und Partner, ein Freund. Wenn wir dann noch den Grafiker, den Künstler und den Professor dazu nehmen beschreiben wir ein wenig mich.

 

Du arbeitest sehr viel mit grafischen Elementen und Schrift, entstehen diese Werke eher digital oder analog?

Sie entstehen zuallererst in Gedanken. Davor sammle ich sehr viel in meinen digitalen Notizen die ich jeden Tag anfertige, anschließend suche ich nach Potential und mache die ersten Entwürfe digital. Ganz am Anfang habe ich sie direkt analog und händisch auf Papier gedruckt.

 

 

Wie unterscheidest du wann du per Hand arbeitest und wann du auf digitale Hilfsmittel zurück greifst?

Ausgebildet wurde ich analog, zu dieser Zeit gab es noch gar keine Computer an der Uni. Meine freien Arbeiten entstehen im Moment analog händisch. Ich versuche so gut wie es geht alles selbst zu machen, denn jedes Material und jede Methode gibt mir die Möglichkeit etwas zu lernen und wird so zu einem wichtigen Teil meiner künstlerischen Praxis.

 

 

Einer der größten internationalen Kunden mit denen Hort arbeitet ist Nike. Inwieweit kannst du dich mit der Marke und diesem healthy/sporty Lifestyle identifizieren?

Ich mag Sport sehr, er begeistert mich vor allem in seiner Perfektion und im Detail. Diese scheinbare Leichtigkeit ist in Wirklichkeit ein hochkomplexer und kontrollierter Bewegungsablauf. Bei Nike fing es damals mit Basketball an, als wir für LeBron James eine Schuhverpackung und danach den Visual Center gestaltet hatten. Basketball ist ein faszinierender Teamsport mit zwei Kräften: Der Angriff und die Verteidigung. Sehr schnell, dynamisch, akrobatisch, kraftvoll und taktisch. Wenn ich das so schreibe, dann kommen mir doch sofort grafische Übersetzungen in den Sinn: Schrift, Grafik, Farbe, Kontraste… Damit kann ich mich identifizieren.

Marken wie Nike wissen, dass der Kunde heute mehr will als nur ein Produkt. Er will Teil einer Geschichte sein und die hat auch viel mit Werten und Ethik zu tun.

 

Als Art Direktor bei Logic Records hattest du den Start deiner Karriere in der Techno Szene und warst beim Beginn einer neuen Ära dabei. Würdest du eine solch einschneidende Erfahrung auch jetzt noch einmal gerne wieder erfahren?

Klar. Das war schon etwas besonderes. Ein neues Genre von Anfang an zu erleben und teilweise auch mitzugestalten hat schon etwas berauschendes.

 

Du hast vor ein paar Jahren das Praxisstipendium der Villa Massimo in Italien bekommen und dort über deine weiteren Schritte nachgedacht und an Kunstwerken unter deinem eigenen Namen gearbeitet. Was hast du aus dieser Zeit mitgenommen, was deinen aktuellen Lebensstil und Arbeitsalltag immer noch prägt?

Für mich war es allem voran eine wundervolle Auszeichnung, eine Würdigung meiner persönlichen Arbeit und die meines Studios. Die Villa Massimo ist eigentlich für die ’Säulen der Kultur’ reserviert, worunter bildende Kunst, Architektur, klassische Komposition und Literatur fallen. Leider wird das angewandte Grafikdesign, Produktdesign, Mode, Interfaces, Popkultur etc. immer noch belächelt.

 

Ich bin mit der Idee nach Rom gegangen, eine existentiellen Erfahrung zu wiederholen. Mit 30 hatte ich ein Burnout, konnte ein halbes Jahr nicht arbeiten, die Ansprüche an mich selbst waren zu hoch und die Anerkennung zu schnell. Ich hatte Angst zu versagen oder etwas zu verlieren. Aus dieser Erfahrung heraus habe ich angefangen mit teils jüngeren und in gewissen Bereichen besseren Gestalter*innen zusammenzuarbeiten und im Team zu denken und zu gestalten. Das hat mich persönlich über all die Jahre am meisten gelehrt und der Erfolg von HORT liegt darin begründet.

Mit der Zeit etabliert man Netzwerke in denen man sich sicher bewegt. Diese Sicherheit wollte ich prüfen und meine eigenen Fragen in Rom finden. Der Aufenthalt war dann an sich nicht ganz so existentiell, aber ein dennoch wichtiger Schritt.

Mein Lebensstil hat sich durch den Aufenthalt nicht verändert, mein Arbeitsalltag schon. Die in Rom entwickelte Methode der Übersetzung von inneren Monologen in original Druckwerke, begleitet mich auch heute noch, wenn ich in mein Atelier gehe.

 

 

Als Professor der Hochschule der Künste HfG Offenbach arbeitest du mit den unterschiedlichsten und meist sehr begabten Studenten zusammen, ist dir jemals ein Schüler/Schülerin besonders in Erinnerung geblieben und hat dich in deiner weiteren Arbeit inspiriert?

Ich bin umgeben von jungen talentierten und interessierten Menschen, das ist ein spannender Dialog. Ab und an trifft man auch jemanden, dessen Arbeit einen tief fasziniert. Inspiration finde ich in jedem Gespräch und auch im Prozess. In den letzten neun Jahren habe ich einige sehr spannende Studierende und ihre Prozesse begleitet und verfolge auch heute noch ihren Werdegang. Manche sind sogar Freunde geworden.

 

Gibt es einen Rat den du deinen Studenten und Jungdesignern mitgeben würdest wenn sie gerade noch am Beginn ihrer Karriere stehen?

Ich bin sehr schlecht mit Ratschlägen. Ich sage immer zu Beginn des Kurses zu den Studierenden “Ich kann euch jetzt schon alle Scheine geben, die sollten nicht eure Motivation sein.

Ich will, dass ein Feuer in euch entfacht wird, ein tiefgehendes Interesse für die Disziplin und der einhergehenden Verantwortung. Wenn ihr euch in die Typografie verliebt, dann seid ihr auf dem richtigen Weg.”

 

Besteht für dich ein Zusammenhang zwischen Inspiration und Produktivität?

Inspiration klingt nach einem magischen Moment in dem plötzlich die Unschärfe verschwindet und ein Weg sichtbar wird.

Es gibt ein großes Missverständnis was Produktivität angeht. Wir sind da auf dem falschen Weg, wenn nur dann produziert wird, wenn etwas physisches entsteht. Das Produkt ist das Ergebnis eines Prozesses. Und in dem Fall gibt es dann wohl auch einen Zusammenhang zwischen ’Inspiration’ und Produktivität.

 

 

Was macht dich so erfolgreich und hattest du als Kind jemals den Traum erfolgreich zu werden?

Ja, ich wollte erfolgreich sein und wurde auch schon sehr früh darauf programmiert. In meinem Abnablungskampf von meinem Vater entwickelte ich ein gewisses Bedürfnis ihm zu zeigen, dass ich erfolgreicher sein werde als er, ohne aber richtigen Erfolg vor Augen zu haben. Ich habe nicht angefangen Grafikdesign zu praktizieren, mit der Idee dahinter bekannt zu werden. Damals gab es noch kein Internet und der Wirkungskreis und die Sichtbarkeit deiner Arbeit war sehr begrenzt. Ich sah in meiner Selbstständigkeit eher einen Ausdruck meiner selbst, selbstbestimmt und frei. Heute kann ich jedenfalls erfolgreich damit meinen Lebensunterhalt bestreiten.

 

Womit hast du die letzten Monate verbracht?

Wie wir alle … mit der Pandemie. Die Zeit werden wir jetzt immer mit VOR und NACH COVID benennen. Ich habe extrem viel Zeit mit meiner jungen Familie verbracht. Meinen Sohn beim Laufenlernen beobachtet und bewundert, gemeinsam gekocht, gespielt, gelernt und gelacht. Viel nachgedacht und reflektiert. Ein paar Projekte ins Leben gerufen wie mein 50/50, ein digitales Semester durchlebt, ein paar freie Arbeiten entwickelt…

 

Illustration (c) Daniel Triendl.

Fotos (c) Eike König.

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