Heute sich selbst schon auf die Schulter geklopft?

2020 ist für viele eine herausforderndes Jahr. Das #jungbleiben Magazin hat mit der Psychologin Mag. Nina Wilfing über Challenges gesprochen und wie man sie meistern kann. Dabei ist es der Psychologin auch besonders wichtig auf körperliche Signale zu achten, die man normalerweise nicht mit dem seelischen Befinden in Zusammenhang bringen würde sowie die richtige Kommunikation in angespannten Situationen.

 

Wie können Stressreaktionen auf die derzeitige Situation aussehen, die man vielleicht nicht sofort merkt? 

Mag. Nina Wilfing: „Dies kann sehr unterschiedlich sein. Auf körperlicher Ebene können sich Stresssymptome beispielsweise in Form von muskulären Verspannungen, Schlafstörungen, Herz- und Kreislaufbeschwerden, Schwindelgefühlen, Beschwerden im Magen-Darm-Bereich, Erschöpfung, und vielem mehr zeigen. Prinzipiell ist es sinnvoll regelmäßig, bewusst in sich hinein zu spüren und seine Aufmerksamkeit nach innen zu wenden: wie geht es mir gerade in diesem Moment? Was für Gefühle, Körperempfindungen und Gedanken sind jetzt da? Diese Fragen können wie ein Wegweiser sein um mit sich und seinem Befinden in Kontakt zu treten und zu spüren, ob und welche Stressreaktionen gerade da sind.“

 

Es ist wichtig achtsam zu sein, wenn Zukunftsängste auftauchen, sie bewusst wahrzunehmen und sich immer wieder in den jetzigen Moment zu holen: durch bewusstes Atmen oder seinen Köper zu spüren.

 

Besonders Zukunftsängste sind für viele ein Thema. Gibt es Tipps, wie man die Gedankenspirale durchbrechen kann? 

Mag. Nina Wilfing: „Zuallerst ist es sinnvoll sich zu fragen, was für eine konkrete Angst einen gerade gedanklich beschäftigt und diese zu benennen. Zum Beispiel die Zukunftsangst, dass man seinen Job verlieren könnte. Dann kann man sich überlegen, wie wahrscheinlich es ist, dass dies tatsächlich eintritt und auch, was das Worst-Case-Szenario sein könnte – und wie man damit umgehen würde und welche Schritte dann notwendig wären. Es kann auch unterstützen dies aufzuschreiben. Es ist wichtig achtsam zu sein, wenn Zukunftsängste auftauchen, sie bewusst wahrzunehmen und sich immer wieder in den jetzigen Moment zu holen: durch bewusstes Atmen oder seinen Köper zu spüren. Auch mit anderen darüber zu sprechen, kann unterstützend sein. Darüber hinaus kann professionelle, psychologische Unterstützung einem helfen Bewältigungsstrategien aufzuzeigen und zu etablieren.

 

Sich gegenseitig offen anhören, die eigenen Bedürfnisse darlegen und wie man die eigenen und anderen Bedürfnisse am besten in Einklang bringen kann – ist eine gute Kommunikationsbasis.

Schwelende Konflikte mit Partner und Familie können derzeit besonders aufbrechen. Wie kommuniziert man am besten durch die Krise? Sich zurücknehmen oder ausdiskutieren? 

Mag. Nina Wilfing: „Unser Alltag und unsere Gewohnheiten sind sehr auf den Kopf gestellt. Homeoffice und Homeschooling haben dazu geführt, dass wir nun sehr viel mehr Zeit zu Hause in den eigenen vier Wänden mit der Familie/PartnerIn/Kinder verbringen. Dieses Mehr an Miteinandersein kann auch vermehrt zu Konflikten führen. Gegenseitiges Verständnis zu haben, dass es gerade für alle eine anspruchsvolle Zeit ist, ist wichtig. Wenn Konflikte auftreten ist es gut diese offen zu besprechen. Dabei kann man darauf achten und beim Gegenüber erfragen, ob er/sie gerade Zeit hat oder wann ein günstiger Zeitpunkt ist ein Thema zu bereden, also Rahmenbedingungen herzustellen, die für beide Seiten passen. Zum Beispiel den anderen während seinem Arbeiten im Homeoffice zu überfallen, wird wohl nicht der passendste Zeitpunkt dafür sein. Sich gegenseitig offen anhören, die eigenen Bedürfnisse darlegen und wie man die eigenen und anderen Bedürfnisse am besten in Einklang bringen kann – ist eine gute Kommunikationsbasis. Wichtig ist jedoch: kochen die Emotionen Mal hoch, ist ein Time-Out ratsam, tief durchzuatmen und sich selbst auch Mal zurückzunehmen. Man kann dabei um eine kurze Pause im Konfliktgespräch bitten und später das Gespräch wiederaufnehmen oder es aber auf einen anderen Tag verschieben.“

 

Mag. Nina Wilfing (Foto: Santé Femme)

 

Ist positives Denken trainierbar? 

Mag. Nina Wilfing: „Was wir üben können, ist wahrzunehmen, was ist gerade – trotz der akutellen Umstände – gut in meinem Leben. Wofür bin ich dankbar. Sich jeden Tag ein paar Momente Zeit zu nehmen und nachzusinnen, wofür man dankbar ist kann den Blick auf das Gute/Schöne/nicht Selbstverständliche in meinem Leben lenken, das die ganze Zeit trotzdem da ist. Es ist die Frage, ob wir das auch bewusst mitbekommen. Und dies müssen keine großen Dinge sein – es können auch kleine Dinge des Alltags sein. Zum Beispiel: ‚Ich bin dankbar, dass meine Nachbarn heute mein Paket übernommen haben.‘ Oder auch: ‚Für die warmherzige Umarmung meines Partners.'“

Worauf sollte man sich in den nächsten Wochen fokussieren, um durch die Weihnachtszeit zu kommen? 

Mag. Nina Wilfing: „Milde sich und anderen gegenüber zu sein. Es geht ein für alle herausforderndes und anstrengendes Jahr zu Ende – wir haben alle unser Bestmögliches gegeben. Dem Rechnung zu tragen und nicht noch übermäßig mehr von sich zu verlangen in der Weihnachtszeit, sondern sich zu erlauben, Pause zu machen und zu rasten. Und sich selbst auch Mal liebevoll für die bewältigten Herausforderungen des vergangenen Jahres auf die Schulter klopfen!“

 

Mag. Nina Wilfing ist am Wiener Institut für Frauengesundheit, Santé Femme, Klinische- und Gesundheitspsychologin.

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Kommentare

  • Katharina
    REPLY

    Sehr sehr einfühlsam und schön beschrieben! Beschreibt sehr gut meine aktuelle Situation und Gefühlswelt…! Danke!

    15. Dezember 2020

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