Wenn der tägliche Dopamin-Kick auf Instagram wartet

Wor 10 Jahren ging Instagram erstmals online. Eine App, die eigentlich dazu gedacht war Fotos mit seinen Freunden zu sharen, ist mittlerweile die Bühne geworden auf der sich Superstars wie Influencer über einer Milliarde Nutzer präsentieren. Was für viele immer noch ein Spaß ist, ist für andere Job und der Druck seinen Followern interessanten Content in der Dauerschleife zu bieten – ohne Pause. Jeder Urlaub, jede freie Minute muss auf ihren Nachrichtenwert abgeklopft werden. Ein Umstand, der die mentale Gesundheit beeinträchtigen kann, wie Diplom-Psychologin Franziska Koletzki-Lauter aus der Erfahrung in ihrer Praxis weiß.

 

Social Media hat Beziehungen in jeder Hinsicht zueinander verändert. Vor allem aber zu uns selbst. Wo fängt das sogenannte „toxische Verhalten“ an, das unsere mentale Gesundheit beeinflussen kann?

Franziska Koletzki-Lauter: „Das toxische Verhalten fängt genau dort an, wo man das Handy direkt nach dem Aufstehen anschaltet und man nachsieht, wie viele Likes oder Kommentare man auf den letzten Post bekommen hat. Psychologisch gesehen betritt man dann sofort eine Art von Bühne, auf der Kommentare über das eigene Leben abgegeben werden können – währenddessen man noch im Schlafanzug im Bett liegt. Normalerweise würde man sich erstmal um das Frühstück kümmern, aber durch Social Media wird man direkt in ein Amphietheater katapultiert, welches einen kleinen Ausschnitt des eigenen Lebens zur Schau stellt und diese repräsentative Wahrheit wird dann bewertet. Ich habe kürzlich bei einer Lesebühne in Berlin einen sehr schönen Song gehört. Der Refrain ging: Ich muss mein Leben im Internet – mehr, als mein eigenes Leben – nach vorne bringen. Das trifft auf viele Menschen zu, die in Schlafanzug das perfekte Foto ihres Frühstücks shooten – währenddessen es ihnen selbst miserabel geht. Als Psychologin bin ich nicht an der öffentlichen Person interessiert, sondern an der Person, der es miserabel geht.“

 

Instagram ist der perfekte Spielplatz für die Entwicklung einer klitzekleinen Dopamin-Bestätigungs-Abhängigkeit.

 

 

Instagram hat vor einiger Zeit verkündet die Likes abschaffen zu wollen. Das blieb allerdings beim Versuch. Welche Tücken stecken hinter der Quantifizierung von Zustimmung?

Franziska Koletzki-Lauter: „Als Neuropsychologin muss ich sagen: der sofortige Dopamin-Kick ist das, was uns immer wieder zu unserem Handy greifen lässt. Wie viele Likes habe ich wohl? Mögen die Leute mein Foto? Wir lieben diese Spannung! Instagram ist der perfekte Spielplatz für die Entwicklung einer klitzekleinen Dopamin-Bestätigungs-Abhängigkeit. Es ist wie beim Glücksspiel: Werde ich gewinnen oder verlieren? Was sagen sie Zahlen? Die Betreiber von Instagram werden es sich sehr gut überlegen, ob sie diesen Belohnungsfaktor abschaffen. Ich fände es gut. In meiner Praxis erlebe ich bei erfolgreichen Influencern die negative Seite von den täglich verfügbaren Zahlen. Aus dem Zugriff auf die Echtzeit-Zahlen kann sich schnell eine emotionale Achterbahn entwickeln, die oft irrational wird: gefühlt sind tausend oder zehntausend Likes weniger manchmal eine große Kränkung. Dabei unterliegt das alles natürlichen Schwankungen.“

Viele Teenies sehen es als „Traumjob“ Influencer zu werden. Welchen Rat kann man Eltern geben, deren Kids von Instagram & Co komplett vereinnahmt werden?

Franziska Koletzki-Lauter: „Ich denke, es ist wichtig Medienkompetenz zu entwickeln – als Eltern und als Teens. Das Resultat von einer gelungenen Medienkompetenz bedeutet, dass man sich bewusst ist, dass das, was man auf Instagram, in Videos oder Interviews sieht, nur ein klitzekleiner, glattgebügelter Ausschnitt der Realität ist. Influencer zu sein bedeutet schlicht und ergreifend fähig zu sein, diesen klitzekleinen Ausschnitt des eigenen Lebens aussagefähig und werbekräftig zur Schau stellen zu können. Manchen gelingt das gut, weil sie es gut trennen können. Abgesehen davon, muss den Kids bewusst sein, dass das Influencer-Dasein in den meisten Fällen eine kurzlebige berufliche Karriere ist – auch wenn der Schein trügt. Das Leben ist kein Instagram-Sprint, sondern eher ein Marathon, für den man nachhaltig ausgerüstet sein sollte. Bildung wird immer über Likes siegen.“

Sicher, es gibt Multimillionäre, die eine Yacht in den Sonnenuntergang fahren, aber: was kümmert das uns, wenn wir wahre Freunde haben, mit denen wir im Park Spaß haben können. Das reale Leben ist viel schöner, als gefilterte Fotos aus Insta.

In ihrem Buch „Unfollow me (not)“ hat Nena Schink über ihre Zeit als Influencerin geschrieben, dass es sich wie ein Tauschgeschäft – „Privatleben gegen Prominenz“ – angefühlt hat. Wann kann der Schuss dieses Deals nach hinten losgehen?

Franziska Koletzki-Lauter: „Genau dann, wenn Influencer nicht mehr abschalten können: im Kino, beim Abendessen, bei der Beerdigung des Opas, wenn sie nicht einschlafen können … Die Grenzen zwischen Privatleben und Social Media Repräsentanz verwischen im schlimmsten Fall komplett. Influencer denken im schlimmsten Fall, dass ein Tag in ihrem Leben verloren wäre, würden sie nicht eine Story daraus machen. Aber nicht alles im Leben muss geteilt werden. In meiner Praxis arbeite ich oft mit Influencern daran, wieder neu zu definieren, was eigentlich privat und was öffentlich sein soll.“

In Ihre Praxis kommen Menschen, die im Rampenlicht stehen. Mit welchen Problemen sind sie konfrontiert und wie kann sich das auf der private Leben auswirken?

Franziska Koletzki-Lauter: „Meine Klienten und Klientinnen kommen oft, weil sie sich in der Persona, die sie im Auge der Öffentlichkeit kreiert haben, selbst verloren haben. Natürlich gibt es auch akute Shitstorms, die ich betreue, Hate Speech und Krisen. Aber meistens suchen mich die Influencer auf, weil sie merken, dass sie etwas sehr Wichtiges über all den Arbeitseifer und die Produktplatzierungen verloren haben: ihr privates Selbst, das unantastbar, beschützt und schützenswert sein sollte. Es geht um menschliche Identitätsfindung, fernab von quantisierbaren Likes und Views.“

 

Diplom-Psychologin Franziska Koletzki-Lauter, Foto: Anna Stempel

 

Was ist, wenn der große Erfolg eintritt? In welche Welt wird man katapultiert? 

Franziska Koletzki-Lauter: „Wir vergessen oft, dass Ruhm und Fame auch gravierende Auswirkungen auf das Leben haben können. Alleine die Tatsache, dass man als bekanntes Influencer-Gesicht nie wieder in einem Park mit Freunden grillen kann. Wenn Menschen wirklich berühmt sind, ist ihnen der öffentliche Raum verschlossen: Parks, der Zoo, die Shoppingtour mit der besten Freundin, ein Restaurantbesuch – alles wird zum Spießrutenlauf. Unangenehm. Viele Prominente fühlen sich deshalb unglaublich einsam und abgeschnitten.“

Studien haben herausgefunden, dass Social Media Nutzung und Probleme mit Angstzuständen korrellieren. Ist es die Pauschallösung einfach davon abzuraten Social Media zu nutzen? Und was kann man in einer Welt machen in der immer mehr Menschen im eigenen Umkreis auf Social Media kommunizieren?

Franziska Koletzki-Lauter: „Die psychologische Forschung hat vor allem herausgefunden, dass es der soziale Vergleich ist, der Depressionen und Angst auslöst. Vor allem bei sehr jungen Mädchen, die sich stark verunsichern lassen. Die Lösung ist meines Erachtens Medienkompetenz, die ein Bewusstsein darüber schafft, dass das wahre Leben nicht in einem zweistündigen Scroll auf Instagram repräsentiert wird, sondern eher bei einem Besuch im örtlichen Schwimmbad oder einem Familienfest mit kauzigen Tanten. Sicher, es gibt Multimillionäre, die eine Yacht in den Sonnenuntergang fahren, aber: was kümmert das uns, wenn wir wahre Freunde haben, mit denen wir im Park Spaß haben können. Das reale Leben ist viel schöner, als gefilterte Fotos aus Insta.“

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