MOB Industries: Let’s make kin!

Dass Menschen mit Behinderung(en) in der Modeindustrie in Europa ein blinder Fleck sind, hat Josefine Thom erlebt. Denn Menschen mit eingeschränkter Körperbewegung sind jeden Tag mit einem herausfordernden An- und Ausziehen oder für ihre Bedürfnisse unpassenden Schnitten konfrontiert. Damit alle – und damit meint Josefine Thom wirklich alle – Mode auch in Design-Facetten erleben können, hat sie MOB Industries 2019 zusammen mit Johann Gsöllpointner gegründet.

MOB steht dabei für „Mode ohne Barrieren“, Made in Austria und arbeitet mit einem einzigartigen Magnetverschlusssystem, das die Trageerfahrung und Modespass für Menschen mit Behinderung(en) wesentlich erleichtert. Als All-Inclusive-Label begeistert MOB Industries aber auch Menschen ohne Behinderung(en), da z.B. die Bluse beim Shopping schnell an- und ausgezogen werden kann ohne Make-Up Flecken zu bekommen.

 

Wer hat MOB Industries gegründet und wie kam es dazu?

Josefine Thom: „Die MOB Idee ist aus persönlichen Motivationsgründen entstanden. Ich habe eine ältere Schwester mit Behinderungen. Für sie die passende Kleidung zu finden, die nicht nur funktional, sondern auch schön ist, war immer eine Herausforderung. Es gibt zu wenig Hersteller, die barrierefreie Mode entwickeln. Und wenn, dann ist die Auswahl eher beschränkt: Die Hauptzielgruppe sind ältere Menschen. Die Kleidung hat dabei überwiegend Funktionsästhetik. Das Produktangebot in puncto Stoffen, Verschlüssen oder Styles ist wenig divers und zeitgemäß. Das spiegelt sich u.a. im Markennamen wider, der zumeist ‚Rolli‘, ‚Reha‘ oder ‚Pflege‘ enthält. Dadurch wird Behinderung als bloßes Defizit und einzige Eigenschaft wahrgenommen. Gemeinsam mit Johann Gsöllpointner habe ich im März 2019 MOB Industries gegründet um frischen Wind in den Markt für barrierefreie Mode zu bringen.“

MOB Industries nennt sich „All inclusive Label“. Was versteht man darunter?

Josefine Thom: „Unsere Produkte sind inklusiv und barrierefrei: Praktische Funktionalität trifft modischen Anspruch, egal ob im Sitzen oder Stehen. MOB-Produkte sind für die Körperformen von RollstuhlnutzerInnen optimiert. Dadurch gewährleisten sie einen höheren Tragekomfort. Auch NichtrollstuhlnutzerInnen freuen sich über die Funktionen, denn sie sind stylish und praktisch zugleich.“

Wie sieht bei euch der Design-Prozess aus?

Josefine Thom: „Die unterschiedlichen Ansprüche moderner RollstuhlnutzerInnen sind wesentlich für die Entwicklung der hier präsentierten Produkte und wären ohne ihre Beteiligung bei den zahlreichen Anproben, Re-Designs und Fittings gar nicht möglich gewesen. MOB stellt damit die übliche Vorgehensweise auf den Kopf: Die Ansprüche von RollstuhlnutzerInnen (Standards) sind die Norm, die dann für NichtrollstuhlnutzerInnen (Companions) adaptiert wird. Gemeinsam mit jungen Designschaffenden und deren gestalterischen Strategien kommen wir dann zu unterschiedlichen Lösungen.“

Kunstschaffende, wie Verena Dengler oder Martin Grandits arbeiten mit euch zusammen. Wie kam es dazu?

Josefine Thom: „Sie sind MOB Supporter. Daraus entstehen dann z.B. MOB Support Produkte, deren Einnahmen unserer Idee und unserer Entwicklung neuer Produkte zu Gute kommen.“

 

Wir brauchen mehr Rampen, um Zugang für alle zu schaffen. Denn Denkmalschutz darf nicht gegen Barrierefreiheit ausgespielt werden. Auch ehrwürdige Architekturen müssen nicht auf Prothesen verzichten.

 

Behinderte Menschen werden im öffentlichen Raum oft marginalisiert – euer Protestspruch „Rampe oder Spaltung“ ist jetzt auf einem Shirt, das man in der Secession kaufen kann. Wie politisch sieht sich MOB Industries?

Josefine Thom: „Wir brauchen mehr Rampen, um Zugang für alle zu schaffen. Denn Denkmalschutz darf nicht gegen Barrierefreiheit ausgespielt werden. Auch ehrwürdige Architekturen müssen nicht auf Prothesen verzichten. Das einzig wahre Wahrzeichen der Inklusion ist die Rampe, weil sie sichtbar verbindet. Nichts währt ewig. Die kluge Sara Ahmed nennt eine solche Ethik der Endlichkeit queer use: Design als Wertschätzung der Falte, des Kratzers als Ausdruck der Zeit auf den Oberflächen von Körpern und Dingen, als Liebe zu dem, was nicht von Dauer ist und nicht von Dauer sein wird.“

Erzählt uns bitte über das neueste Teil in der Kollektion!

Josefine Thom: „Unser neuestes Produkt ist ein barrierefreier Zweiteiler in sechs verschiedenen Farben, der in Zusammenarbeit mit dem Wiener Modelabel GON entstanden ist. Die Kombi aus Bluse und Hose besteht aus knitterarmen Leinen von Seidra. Durch Magnetverschlüsse – ein patentiertes und innovatives Produkt aus Niederösterreich – lässt sich die Bluse im Nu öffnen und schließen, die Hose binnen Sekunden als Shorts oder lang tragen. Absolut praktisch für den Spätsommer oder Herbst mit warmen Tagen und kühleren Nächten, aber auch bei Prothesen, Frakturen, eingeschränkter Fingerfertigkeit oder für RollstuhlnutzerInnen, da viele Outfitdetails wie die Taschen oder Armlänge auf deren Ansprüche abgestimmt sind. Kurz: 100% adaptive, nachhaltig, fair und lokal.“

 

 

Wohin soll es in den nächsten Jahren gehen? Wie sehen eure Pläne aus?

Josefine Thom: „Das Ziel ist beweglich, bleiben wir es auch. Corona hat uns gezeigt, dass sich Pläne schnell ändern können. Wir haben während der Zeit unsere neue Produktlinie ‚MOB Cares‘ entwickelt und darauf wollen wir uns in nächster Zeit konzentrieren. MOB Cares richtet sich speziell an RollstuhlnutzerInnen mit angepasster Sitzschale, angefertigten Sitz oder verlängerter Rückenlehne (Pflege, Lagerungs-, E-Rollstuhl etc). Durch die starke Bewegungseinschränkung ist ein An- und Auskleiden oft nur durch eine assistierende Person möglich. MOB Cares Produkte gewährleisten einen angenehmen und schmerzfreien An- und Auskleideprozess, der auch leichter und gesundheitsschonender ist. Und das auch für assistierende Personen.“

 

Fotos: Jakob Gsöllpointner

 

 

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