Napology: Schlafen im Zeichen des Widerstands

Nur noch 10 Minuten länger lieben bleiben, den Snooze-Button noch einmal drücken, oder ein paar Mal mehr. Jeden Tag aufstehen und – egal ob wir müde oder uns schlapp fühlen – arbeiten. Der „9 to 5“-Job als vorgegebenes Konstrukt, das sich eine Gesellschaft aufgezwängt hat ohne dabei je an so etwas wie Ausruhen denken zu dürfen. Die Gegenwart ist von genauen Taktungen geprägt. Egal ob unser Körper mitmacht oder nicht.

Ein gesunder Mensch verbringt rund ein Drittel seines Lebens im Schlaf. Doch dieser Anteil ist in einer hyperproduktiven Gesellschaft im Schwinden begriffen und die Folgen dauerhaften Schlafentzugs können verheerend sein, das Immunsystem schwächen sowie Krankheiten verursachen.

Waren es nach dem zweiten Weltkrieg noch 10 Stunden pro Tag, sind es mittlerweile nurmehr 6,5 Stunden, die ein US-Bürger im Schlaf verbringt, wie Untersuchungen zeigten. Ein Grund hierfür ist unter anderem die ständige Verfügbarkeit von Monitoren, die – vor allem in den letzten Jahrzehnten – die eigenen vier Wände rund um die Uhr beleuchten. Den Fernseher zum Einschlafen weiterlaufen lassen, das Smartphone in der Hand – Konsum und Kommunizieren ist allgegenwärtig.

Kunst gegen Schlafentzug

Doch es regt sich Widerstand. Tricia Hersey ist Performance-Künstlerin aus Atlanta, die „Naps“ (also das bekannte Nickerchen) als transformativen, subversiv politischen Akt etablieren möchte. Dafür hat sie „The Nap Ministry“ gegründet. Eine Kunst-Organisation, die demonstratives Schlafen fordert. Denn nur im Schlaf würde man mittlerweile nicht mehr von der Außenwelt zu einer Tätigkeit verpflichtet sein müssen. Hershey setzt dem Schlafentzug den Entzug der Arbeit entgegen. Für sie ein Akt der radikalen Selbstliebe in Zeiten globaler Übermüdung.

Damit ist sie in guter Gesellschaft. Virgile Novarina breitete 2017 für eine Performance der Ausstellung „Schlaf. Eine produktive Zeitverschwendung“ in Bremen eine rote Luftmatratze aus und döste vor den vielen Besuchern. Während seiner Performance wurden seine Hirnströme auf die Wand visualisiert. So wollte Virgile Novarina zeigen, dass auch während des Schlafes das Gehirn kreativ arbeite und man nicht „nutzlos“ Zeit verschwende, wie es oft suggeriert werden würde.

Schlaftrunkene Literatur

Ganze Bücher widmen sich in der Literatur dem Phänomen der menschlichen Ruhephase. Etwa „Schlafes Bruder“ von Robert Schneider. Eva Kocziszky schrieb mit ihrem Monumentalwerk „Der Schlaf in Kunst und Literatur“ eine Kulturgeschichte, Jonathan Crary bearbeitete das Thema in seinem Buch „24/7“ die Idealisierung des Wachzustandes, der sich den Grenzen der Regeneration widersetzt, weil Konsumgüter und Arbeit als scheinbar wichtiger konnotiert werden. 2004 setzte Kathrin Rögglas mit ihrem Buch „Wir schlafen nicht“ nach und interviewte dazu Manager, die in Unternehmensberatungen arbeiteten. Nur wer arbeite, sei etwas wert. So das Urteil.

Der zunehmende Schlafentzug wird also noch ein breites Betätigungsfeld für ganze Künstlergenerationen sein, die das angebliche Nichtstun für ihr kreatives Schaffen entdecken.

 

 

 

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