Julia Haugeneder Parnass Interview

Studio Visit: Julia Haugeneder

Mal scheinen sie wie gestapelte Handtücher, dann wieder wie ein aufgerollter Schlafsack oder ein vergessener Stoffrest. Julia Haugeneder, 1987 in Wien geboren, hat eine eigenwillige Technik der Faltung entwickelt. Rasch stellte sich Erfolg ein, doch wie geht man in den Monaten zwischen Ausstellungen mit der Frage um, was es eigentlich bedeutet sich für ein Leben als Künstlerin zu entscheiden?

 

Julia Haugeneder Parnass Interview

 

PARNASS: Mit deinen pastellfarbenen Faltobjekten hast du schnell einen Signature Style entwickelt und das, obwohl du eigentlich aus einer ganz anderen Richtung kommst – wie ist das passiert?

Zunächst habe ich 2005–2010 Kunstgeschichte studiert, weil ich mich nicht bereit für die Aufnahmeprüfung an der Akademie der bildenden Künste in Wien gefühlt habe. 2011 begann ich dann Kunst und Digitale Medien bei Constanze Ruhm an der Akademie zu studieren und habe mich nach drei Jahren entschieden, mein Studium bei Gunter Damisch in der Klasse für Grafik und Druckgrafik fortzusetzten. Als die Wiener Akademie umzog und damit die Werkstätten gesperrt waren, konnte ich nicht mehr druckgrafisch arbeiten. So habe ich begonnen eine Praxis zu entwickeln, die auch ohne Werkstatt funktioniert und experimentiert. Im Atelier hatte ich Buchbinderleim und ich begann meine Grafiken zu Collagen zusammenzukleben. Dabei wurde mir klar, dass ich mich für dieses Material sehr viel mehr interessiere als für die Druckgrafik. In der Folge habe ich den Buchbinderleim mit Pigment angerührt und zu großen Flächen ausgegossen – und dann begann ich zu falten.

 

PARNASS: Und plötzlich warst du Bildhauerin?

Es hat ein bisschen gedauert zu akzeptieren, dass ich vom Zweidimensionalen zum Objekt gewechselt habe. Aber da ich immer noch von der Fläche ausgehe ist der Unterschied gar nicht so groß. Als ersten Arbeitsschritt gieße ich eine Fläche, dabei entscheide ich Größe und Farbe, aber welches Objekt sich dann durch das Falten ergibt, das plane ich nicht.

 

Am Anfang war die Faltung eher konventionell, angelehnt an einen Brief oder das Spiel „Himmel & Hölle“, inzwischen werden die Objekte vielfältiger.

 

Es macht mir Spaß, dass ich mit meinem Material potenziell alles machen könnte.

 

 

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PARNASS: Du könntest das Material ja auch einfach zerknüllen?

Dagegen wehrt sich mein innerer Ordnungsdrang. Das großflächige Ausgießen ist wie eine malerische Geste, dann aber folgt das Bedürfnis wieder Ordnung herzustellen. Das Material wieder klein, kompakt, transportabel zu machen. Überall wo Faltung auftaucht, geht es auch um eine Form von Ordnung. Die Faltbewegung ist ein kulturelles Phänomen.

 

PARNASS: Eine Falte ist auch eine Art von Bruch.

Oder eben eine Verbindung. Ein interessanter Aspekt beim Falten ist etwa, dass sich Dinge berühren, die vormals weit voneinander entfernt waren. Das Ganze ist auch wie ein Gespräch, das man führt.

 

Ich muss es mir nicht vollständig vorher ausdenken, es ist eine dialogische Arbeit.

 

Und ja, alles was materiell ist altert, reagiert. Der Vorteil am Buchbinderleim ist, dass er das Biegsame in sich hat, der Leim macht alles mit, was man von ihm will.

 

PARNASS: Der Buchbinderleim hat auch kulturhistorische Bedeutung.

Dass er aus dem Buchkontext kommt, ist total schön – er ist das was Bücher zusammenhält. Und in dieser Zeit der E-Book-Reader ist er ein fast schon poetisches Material.

 

 

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PARNASS: Wie hat dein Umfeld auf deine ersten Faltungen reagiert?

Mit Neugierde. Ich hatte den Eindruck, dass die Objekte sehr kommunikativ sind. Von Anfang an haben sie Leute verlockt, sie sich genauer anzuschauen. Ich habe auch das Gefühl, dass Menschen gerne mit ihnen leben, das finde ich spektakulär. Ich lerne ständig dazu, auch weil ich selbst nicht umgeben von Kunst aufgewachsen bin.

 

PARNASS: Bald stellte sich auch kommerzielles Feedback ein, gleich nach deinem Abschluss an der Akademie ging es mit Ausstellungen los. Wie war das für dich?

In allererster Linie habe ich es gar nicht kommen sehen. Während ich studiert habe, habe ich gar nicht verkauft, kaum ausgestellt, das ist alles sehr ruhig abgelaufen. Dann war ich überrascht, wie schnell es ging, aber die Objekte haben einfach die Leute angesprochen. Doch es gibt Phasen, in denen viel Interesse herrscht und andere, ruhigere Monate in denen man durchhalten muss.

Es ist mein Glück, dass ich von tollen Leuten umgeben bin, wie Sophia Vonier, meine Galeristin in Salzburg. Ebenso wie meine beiden Galeristen Eva Oberhofer und Maximilian Thoman (Galerie Elisabeth & Klaus Thoman), alle drei sind etwa in meinem Alter, was die Arbeit sehr angenehm gestaltet. Wir wachsen sozusagen gemeinsam in diese Arbeit hinein, alles geschieht auf Augenhöhe und so gelingt eine tolle Zusammenarbeit.

 

 

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PARNASS: Du sagst, dass ein Künstler*innenleben ein gewisses Durchhaltevermögen braucht, wie meinst du das?

Es gibt so ein komisches Bild, dass junge Künstler*innen mutig sind, aber es beeindruckt mich total, dass es ältere Leute gibt, die es geschafft haben, ihr Leben lang bildende Künstler*in zu sein – mit allem was das heißt. Die allermeisten haben durchwachsene Biografien, an denen man merkt, dass es oft darum geht, die künstlerische Arbeit hochzuhalten oder zu verteidigen, auch in Zeiten, in denen man kaum Zuspruch erfährt oder die Arbeit wenig Aufmerksamkeit bekommt.

 

Es ringt mir am allermeisten Respekt ab, dass Leute da dranbleiben.

 

PARNASS: Viele Künstler*innen sagen, dass sie es nicht anders machen könnten, dass sie Kunst machen müssen.

Ja, sonst würde es nicht funktionieren. Man wird verführt von Lohnarbeit, von Gehalt.

 

Das ist eine Verführung der man nicht vollständig nachgeben darf, auch wenn man gar kein Geld hat, darf man nicht sagen „ich nehme jetzt einen Vollzeitjob an und es vorbei mit diesem Wahnsinn“.

 

Die ganze Zeit „Nein“ dazu zu sagen ist ein Kraftakt. Es muss ein Gefühl von „ich muss Kunst machen“ geben, sonst hält man das nicht durch. So seltsam das auch ist, dieses Gefühl das machen zu „müssen“ – weil für wen eigentlich?

 

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PARNASS: Eine deiner Strategien ist von Ausstellung zu Ausstellung zu arbeiten.

Ich finde es sehr viel angenehmer auf eine konkrete Situation zu reagieren. Da ist ein Ort oder ein Thema da und zu dem setze ich mich in Verhältnis. Gerade arbeite ich an drei kommenden Ausstellungen. Im August 2022 werde ich eine Einzelausstellung in der Galerie Sophia Vonier zeigen, noch davor ist eine Gruppenausstellung in der Kunsthalle Exnergasse geplant. Dann später im Jahr folgt eine Soloausstellung in Wien – das wird meine erste Ausstellung am Wiener Standort der Galerie Elisabeth & Klaus Thoman, da will ich mit einer großen Installation ordentlich Trommelwirbel machen.

 

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Autorin:

Paula Watzl

 

Fotocredits:

Julia Haugeneder Idylle blau, Foto: © Galerie Elisabeth & Klaus Thoman WEST.Fotostudio

Julia Haugeneder, Foto: © Galerie Elisabeth & Klaus Thoman WEST.Fotostudio

Atelier Julia Haugeneder, Foto: © PARNASS

Badner KV, 2021, Foto: © Julia Haugeneder

Ensemble Faltung, Futur Festival Kiel, 2020, DE, Foto: © Christian An

Porträt Julia Haugeneder im Atelier, Oktober, 2021, Foto: © PARNASS

Porträt Julia Haugeneder, Foto: © Lukas Beck

Galerie Elisabeth und Klaus Thoman, Foto: © Julia Haugeneder

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