Featured by forward >> Less is more. Ein Interview zum Nachdenken mit Hartmut Esslinger

Er ist der Guru des Industriedesigns und revolutionierte die Unterhaltungselektronik. Hartmut Esslinger kannte Steve Jobs wie kein anderer, setzt sich aktiv für den Umweltschutz ein und warnt vor Klima-Krisen und dem stetig wachsenden Faschismus.

 

1/ Herr Esslinger, Sie sind ein Guru des Industriedesigns. Was macht für Sie einen professionellen Designer aus und worin liegt der Unterschied zwischen klassischem Design und Gebrauchsdesign?

Also…Design ist immer für den Gebrauch, sogenanntes „klassisches Design“ hat entweder die Obsoleszenz durch technischen Fortschritt oder Stil-Wechsel überlebt – z.B. Möbel und Einrichtungsgegenstände – oder wenn es neu ist – eben nur Stilistik. Design ist ein Integrations-Beruf, basierend auf Wissenschaft, Technologie, Ökonomie, Anthropologie (in etwa übersetzt mit Menschen- und Kulturkunde) und Ökologie, anhand derer wir künstliche Objekte, Erfahrungen und Konzepte gestalten und sie mit emotionaler Ansprache kombinieren.

 

 

2/ Sie sind in einer analogen Zeit abseits von Digitalisierung groß geworden, haben später aber primär im Elektronik- und Industriebereich gearbeitet. Eine Branche die sich sehr schnell weiterentwickelt. Was war das für ein Gefühl, Produktdesigns zu gestalten, die so populär und innovativ waren?

Bereits als Kind habe ich mich für technische Objekte wie Autos, Flugzeuge, Schiffe, Weltraumraketen usw. begeistert, und als Teenager dann auch schon selbst Verstärker für meine Rock-Band gebaut. Ich habe damals 2 Jahre Elektrotechnik studiert, wo wir bereits digitale HP-Rechner hatten. Das habe ich dann auch in mein Design-Studium mitgenommen und anstatt Blumenvasen und Besteck eben Radios, Staubsauger, Küchenmaschinen, Synthesizer und Werkzeuge „bearbeitet“. Meine ersten beruflichen Erfolge waren dann auch in der Unterhaltungselektronik mit WEGA, Computer mit CTM und Dental-Technik mit KaVo. Die Designs für WEGA erlangten fast schon eine globale Bekanntheit und öffneten mir dadurch viele Türen. Das Gefühl dabei war mehr ein Ansporn, den Erfolg dauerhaft zu rechtfertigen.

 

 

3/ Als Sie in den 1980er Jahren angefangen haben mit Apple zusammen zu arbeiten, ahnten Sie damals schon wie erfolgreich und innovativ die Marke einmal werden würde?

Das klingt jetzt vielleicht etwas arrogant, aber gemeinsam mit meinen Freunden bei SONY hatten wir mit dem „International Style“ die Unterhaltungselektronik ab 1974 revolutioniert.

Nachdem SONY meinen Vorschlag zur Entwicklung von Personal Computern als das „Next Big Thing“ ablehnte, ging ich zu Apple und traf Steve Jobs.

Uns beiden war von Anfang an klar, dass wir globalen Erfolg feiern würden – wenn der Weg dorthin auch sehr schwierig war. Ich empfehle hier mein Apple-Buch „Genial Einfach“ zu lesen.

 

4/ Sie haben 1969 die Agentur Esslinger Design gegründet, seit 1982 bekannt unter dem Namen frog design. 2005 haben sie und Ihre Frau die Mehrheit der Firmenanteile an Flextronics verkauft und dann in weiteren Schritten an KKR und 2019 an CAPGEMINI-Altran. Wie ist es Ihnen bei dieser Entscheidung ergangen und haben Sie den Schritt jemals bereut?

Als ich 60 Jahre alt war und unsere Kinder ihre eigenen Wege gingen – einer sogar als Interaction Designer – mussten wir uns mit der Nachfolge befassen, denn mit über 600 „frogs“ auf 5 Erdteilen trägt man auch eine gewisse Verantwortung. Eine Übergabe an die MitarbeiterInnen via „Management Buy-Out“ funktionierte nicht, da frog’s Prinzip von Ethik und Freiheit, die KäuferInnen jahrelang mit hohen Kredit-Verpflichtungen gebunden und belastet hätte – und sie wollten es auch nicht.

Wir hatten viele Kaufangebote allerdings war Flextronics war bereits langjähriger Partner und so schafften wir einen gemeinsamen Plan, der Umsatz und Gewinn der Agentur in nur 2 Jahren verdoppelte. Dann jedoch folgte die Kritik an Flextronics von Analysten, dass das Outsourcing der beiden Firmen nicht zusammenpassen würden und so folgte der Verkauf in 2007 an KKR, wo meine Frau und ich operativ ausschieden. 2018 wurde die Firma für 2 Mrd. Dollar Cash an Altran und folglich an CAPGEMINI verkauft. frog ist jetzt eine strategische Business-Unit mit 14 globalen Studios und da der Fokus auf digitalem Design liegt, läuft das Geschäft auch während der Pandemie zufriedenstellend.

Der Verkauf war nicht einfach für uns, aber ich freue mich über den Erfolg, denn dies war stets

meine Motivation für die Agentur: keine Knechtschaft, sondern gut bezahlte Jobs für die Besten und die Freiheit das zu tun, wofür sie geboren wurden.

 

5/ Neben Sony und Apple haben Sie bereits mit Unternehmen wie Lufthansa, Villeroy & Boch, Samsung, Kodak, Louis Vuitton, Disney und Microsoft (nur um ein paar zu nennen) zusammengearbeitet, was half Ihnen dabei mit den Füßen am Boden zu bleiben?

Es klingt sicher etwas altmodisch, aber während meiner eher schlimmen Jugend, lebte ich in einer Traumwelt, in der ich mir kreativen Ruhm und Glück vorstellte. Dass das Gestalten von Dingen ein Beruf war, wusste ich damals nicht und so versuchte ich es mit Musik, erkannte aber schnell, dass mir das Talent dazu fehlte.

Als ich dann „DESIGN“ entdeckte, war ich einfach glücklich und fing an wie wild zu arbeiten, um die verlorenen Jahre aufzuholen.

 

Logischerweise wurde ich krank, und dann kam alles etwas mehr in die Balance.

Es hilft auch Schwarzwälder zu sein und mein mütterlicher Großvater war Ost-Friese.

Wenn ich am Meer laufe, schaue ich aufs Wasser, denn es kann hier in Kalifornien immer eine grosse Welle kommen…

 

6/ Gab es in Ihrer beruflichen Laufbahn ein Projekt, dass Ihnen besonders am Herzen lag und/oder Ihre Arbeit fortlaufend stark beeinflusste?

Die ersten Designs für WEGA, weil sie das Tor zur Welt geöffnet haben. Es gab viele Erfolge, aber die Niederlagen wie unser Kollaps nach der Dotcom-Blase vergisst man auch nicht 🙂

 

7/ Als Designer in einer sich so schnell ändernden Branche ist es wichtig, stets am Puls der Zeit zu bleiben. Wie gelingt Ihnen das? Woher bekommen Sie Ihre Inspiration?

Neugier. Ich reise beruflich gerne – hoffentlich bald wieder – und schaue Menschen zu, was und wie sie etwas machen. Ich lese viel und das Internet ist ein unglaubliches Medium. Und dann sind es die Tagträume, in denen ich mir vorstelle, wie etwas funktionieren könnte.

 

8/ Sie haben in Ihrer beruflichen Karriere bereits eine Vielzahl an Preisen erhalten, wie zum Beispiel den Design-of-the-Year-Award des Time Magazines für den Heimcomputer Apple IIc. Welche Auszeichnung hat für Sie emotional die meiste Bedeutung und was war das für ein Gefühl?

Anerkennung tut immer gut und ist auch ein Ansporn für junge DesignerInnen. Der damals erste, deutsche Bundespreis “Gute Form” in 1969 für ein klappbares Stereo-Radio war besonder, da mich Dieter Motte von WEGA anheuerte und meine Karriere auf einem hohen Niveau anschob. Dann schloss sich der Kreis 2017 mit dem “Lifetime National Design Award” der USA und der

nur einmal verliehenen “World Design Medal” der World Design Organisation für meine Arbeit als einflussreichster Designer der letzten 60 Jahre.

 

 

9/ Wie wichtig ist Ihnen Nachhaltigkeit? Wie konnten Sie diese mit Ihrem Beruf in einer so schnelllebigen Branche vereinen und welche Rolle spielt sie in Ihrem Privatleben?

Unser Beruf ist ökologisch nicht sehr positiv besetzt – siehe Victor Papanek – und das viele Reisen passt da auch nicht rein. Persönlich engagiere ich mich in der Politik, war in Deutschland sogar mal grüner Stadtrat.

Die Klima-Krise ist gnadenlos und setzt uns immer mehr zu, denn Brutal-Kapitalismus, religiöse Unterdrückung von Geburten-Kontrolle und vor allem Dummheit und Aberglaube machen die große Katastrophe unausweichlich.

Dazu kommt der wachsende Faschismus.

 

10/ Recycling ist ein großes Thema in unserer schnelllebigen Wegwerfgesellschaft. Besonders in der Elektronik- und Unterhaltungsbranche werden funktionstüchtige Produkte (zB. Smartphones) alle paar Jahre gegen neuere Modelle ausgetauscht. Gibt es Ihrer Meinung nach etwas, womit man dieses Problem lösen kann?

Recycling alleine reicht nicht, Wieder- und Weiter-Nutzung sind wichtig!

Beispiel Smartphone: die Module Display, Prozessor, Kamera, Antenne und Batterie haben verschiedene Innovations-Zyklen, wenn einer ansteht, wird alles andere auch weggeworfen. Ich schlage schon lange eine modulare Architektur vor, damit man die Module einzeln nachkaufen und austauschen kann. Die chinesischen Minen für seltene Erden sind auch bald erschöpft, und Kinderarbeit im Kongo ist unmenschlich.

 

 

11/ Sie leben seit vielen Jahren in den USA und haben auch die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen. Wie unterscheidet sich Ihr amerikanischer Lebensstil zu Ihrem früheren (Leben) in Deutschland?

Persönlich ist da fast kein Unterschied, denn hier im Silicon Valley leben Menschen aus aller Welt, und wir sind relativ privilegiert, stehen also nicht wie etwa 200 Millionen AmerikanerInnen am wirtschaftlichen Abgrund. Allerdings fühle ich mich seit Trump – und auch nach Trump – nicht mehr so sicher. Er und seine republikanischen Komplizen haben die schon immer vorhandene Nazi-Schlange als neue Macht-Basis aufgebaut, und

der rassistische Terror ist jetzt so präsent wie Hitler’s Braunhemden im Deutschland von 1932.

 

12/ Vor Corona sind Sie als Jury-Mitglied, für Professuren an Universitäten und wichtigen Terminen viel in der Weltgeschichte herumgeflogen. Womit haben Sie Jetlags und Stress bekämpft und was hält/hielt Sie dabei fit?

Es liegt wohl an meinen Genen, aber ich habe nie Jet-Lag. Sonst hätte ich meinen Beruf wohl nie so ausleben können. Und „Online“ geht auch viel besser als gedacht.

Stress ist eine andere Sache, denn ich stelle immer wieder fest, dass ich öfter auf meinen Körper hätte hören sollen. Ironischerweise hatte ich mein Leben lang Allergien und Asthma, was mich andererseits zu einem sehr gesunden Lebensstil motivierte.

 

13/ Was bedeutet nachhaltig #jungbleiben für Sie?

Die biologische Uhr kann man nicht betrügen und nichts ist lächerlicher als Senioren, die einen auf jung machen. Ich war ein guter Sportler, liebte mein Rennrad, aber irgendwann wurde es langsamer. Als ich mit 55 nicht mehr unter 12.0 über 100 Meter kam, habe ich mich nach einer Zerrung schließlich dem Schicksal gefügt und als ein Radunfall dann auch noch eine neue Hüfte erforderte, montierte ich es kurzerhand auf einem Bike-Trainer auf unserer Terrasse. Also: fit bleiben ja, aber kein falscher Ehrgeiz.

 

14/ Sie haben beim Forward Festival 2020 in Wien einen sehr pikanten Satz gesagt: “Designers must be hungry”. Wie können wir das verstehen?

Als Kreativer kann man nicht einfach still stehen, sich zurücklehnen oder zufrieden sein. Es gibt immer einen Anreiz, etwas zu verbessern, anders zu machen oder auf den Müllplatz der Geschichte zu befördern. Ich sehe da eher die Freude am Machen, als den Zwang etwas zu tun. Die andere Seite ist, dass Design ein Modeberuf geworden ist, und nur etwa einer von acht Mensch wirklich kreativ ist. Nimmt man dann alle kreativen Berufe, so ist wohl nur einer in 100 zum Design berufen. Und dann gibt es da noch ein Problem, das ich vor allem als Lehrer schmerzhaft erfahre:

Fleiß ohne Talent ist eine Tragödie, Talent ohne Fleiß ist ein Verbrechen.

 

 

15/ Haben Sie einen Rat für aufstrebende Designer, wie eine bloße Idee zum Erfolg wird?

Als ich jung war hieß es, „traue niemandem über dreißig“. Aber im Ernst: Eine Idee braucht Kunden, also einen Markt und daher muss sie Sinn machen. Dann ist Design außerdem noch ein Team-Sport, man braucht einen Prozess mit Engineering, Business Plan, Fabrik, Marketing und Vertrieb. Idealerweise findet man MitstreiterInnen bzw. einen Klienten mit denen es Spaß macht zu arbeiten und dann gilt es auch noch die ein oder andere Krise zu überwinden.

Man muss der Versuchung widerstehen, sich aus Liebe zur Idee ausbeuten zu lassen –

„wir machen Sie berühmt“ usw. – die Finanzen müssen ebenso stimmen.

 

16/ Mittlerweile ist die Welt voll von großartigen Erfindungen und Designs, glauben Sie, es ist möglich diese noch weiter zu toppen und etwas besonders Revolutionäres zu entwickeln?

Charles Duell, Leiter des US-Patentamtes, sagte 1899: „everything that can be invented has been invented…”. Menschen werden besonders in Krisen kreativ, und ich hoffe, dass die Klimakatastrophe und die damit notwendige Energie-Wende das Ende der Fossil-Zeit beschleunigen werden.

Wir müssen unsere Erde sanieren, denn unsere Natur ist nicht unbegrenzt belastbar.

Noch wichtiger sind soziale und mentale Reformen: Less is More.

 

Illustration (c) Daniel Triendl. Fotocredits (c) Harmut Esslinger.

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