Vera Steinhäuser: Warum „Everybody’s Darling“ nicht funktioniert

Als Entwicklerin des Female Empowerment Coachings hat Vera Steinhäuser alle Hände voll zu tun. In der Werbebranche gestartet, hat sie ihre Leidenschaft mit Menschen zu arbeiten neu entdeckt und gibt hier ihre Erfahrungen als Systemischer Coach und Teil von 2WO weiter. Warum man als Frau nicht „Everybody’s Darling“ sein muss und nicht 120 Prozent Skills für einen Job brauchen, erklärt Vera Steinhäuser im Interview mit #jungbleiben Magazin

Wann hast du dich entschieden, dass du neben deinem Dasein als Kommunikationsexpertin auch als Coach tätig sein möchtest? 

Vera Steinhäuser: „Ich habe mich 2014 – nach vielen Jahren in großen internationalen Werbeagenturen – selbständig gemacht und wollte dann ganz einfach anders arbeiten. Mir war es wichtig, mit meinen Kunden und Kundinnen gemeinsam nach Lösungen zu suchen – wollte mehr in die Tiefe gehen – daher habe ich begonnen, neue Tools einzusetzen. Einige Werkzeuge habe ich mir aus dem Coaching-Bereich geborgt und so war mir rasch klar, dass das mein nächster Schritt ist. Da ich ursprünglich auch Psychologie studiert habe, war es für mich auch ein bisschen ‚back to the roots‘. Die Arbeit mit Menschen und Persönlichkeiten war immer schon meine große Leidenschaft. Als ich dann die Coaching-Ausbildung absolviert habe und diesen Part intensivieren konnte ging für mich ein großer Traum in Erfüllung.“

Worauf legst du bei deinen Coachings den Fokus und was ist dir besonders wichtig? 

Vera Steinhäuser: „Ich bin systemische Coach und daher betrachte ich mit meinen Coachees immer das Gesamte. Wir sind zwar Individuen, leben aber in unterschiedlichen Systemen – Familie, Freunde, Arbeitsplatz. Bei meinen Coachings geht es vor allem darum, innerhalb relevanter Systeme neue Perspektiven einzunehmen. Das kann ganz schön überraschend sein! Ferner erarbeite ich mit meinen Coachees ein neues Verständnis für die ausschlaggebenden Werte. Wir Menschen sind ja geprägt von Werten, die wir uns durch unsere Bezugspersonen und Erfahrungen angeeignet haben. Im Wesentlichen trachten wir unser ganzes Leben danach, Werte zu vermehren und Wertverletzung zu vermeiden. In dem Moment, in dem meine Coachees diese Zusammenhänge erstmals für sich erkennen, steckt viel Kraft.“

Du bietest gezielt für Frauen Coachings unter dem Motto „Female Empowerment Coaching“ an. Wieso braucht es das?

Vera Steinhäuser: „Seit ich coache, kommen viele Frauen zu mir, die sich ihrer Muster und Rollen als Frau bewusst werden wollen. Gesellschaftlich betrachtet befinden sich Rollenbilder gerade im Umbruch. Ich habe das Female Empowerment Coaching entwickelt, weil es sich genau mit diesen Fragen beschäftigt. Es geht darum, ein erfülltes Leben als Frau zu etablieren mit allem, was individuell betrachtet dazugehört: Partnerschaft, Karriere, Familie, … Mir geht es um das Bewusstmachen, Differenzieren und Integrieren der eigenen und gesellschaftlichen Erwartungen.“

Welche Tipps hast du aus deiner Coaching-Erfahrung für Frauen, die den nächsten Schritt machen und aufsteigen wollen? 

Vera Steinhäuser: „Frauen, die sich beruflich entwickeln wollen, müssen sich über die eigenen Stärken klar werden und den nächsten Karriereschritt genau ansehen. Wie gut decken sich die dortigen Anforderungen mit den eigenen Stärken? Für viele Frauen ist es schmerzhaft, anzuerkennen, dass es nicht möglich ist, am Arbeitsplatz ‚Everybody’s Darling‘ zu sein. Diese Erkenntnis ist aber unerlässlich, wenn die beruflichen Ambitionen hoch sind. Es fehlt hier leider die Zeit, um ins Detail zu gehen, aber dieses Hindernis ist leider bei Frauen sehr weit verbreitet. Die Wurzeln dafür liegen in der Erziehung. Mädchen wurde – und wird leider immer noch – vermittelt, dass es erstrebenswert ist, von allen als lieb und nett gesehen zu werden. Mädchen lernen nicht, zu widersprechen, aufzustehen und für die eigene Meinung oder eigene Bedürfnisse zu kämpfen.“

Viele Coaches meinen, dass das Selbstbewusstsein bei Frauen der Faktor ist, der sie in der Karriere hemmt. Stimmt das aus deiner Sicht? 

Vera Steinhäuser: „Hier wirken leider sehr viele Faktoren mit. Einen habe ich bei der letzten Frage kurz beleuchtet. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Frauen sich leider zu wenig zutrauen. Aus Studien weiß man, dass Männer sich auf Stellen bewerben, denen sie mit ihren Skills zu 80 Prozent entsprechen, Frauen wagen das erst mit 120 Prozent. Frauen gehen auf Nummer sicher und daher ja: Das hemmt viele weibliche Karrieren. Genau deshalb braucht es eben Female Empowerment! Wir müssen aber auch als Gesellschaft hier noch viel aufholen. Das Business-Biotop war jetzt so viele Jahrzehnte in Männerhand, das heißt es braucht in vielen Bereichen globales und strukturelles Umdenken, damit die Voraussetzungen für Frauen und Männer angeglichen werden.“

Die derzeitige Situation macht es für viele mit Unternehmen nicht einfach. Wie kann man trotzdem resilient bleiben und seine Ziele verfolgen? 

Vera Steinhäuser: „Die aktuelle Unsicherheit birgt viele Herausforderungen, auch für Unternehmen. Gerade in schwierigen Zeiten kommt es auf die Führung des Unternehmens an. Ich beobachte, dass in den letzten Monaten entscheidend war, wie gut es die Führungsverantwortlichen geschafft haben, einerseits sinnvolle Ziele zu vermitteln und andererseits einen regelmäßigen, wertschätzenden Kontakt mit seinem Team zu halten. Resilienz beinhaltet für mich auch den bewussten Umgang mit schwierigen Phasen. Es ist notwendig und wichtig, dass Sorgen, Ängste und Frustration offen angesprochen werden können. Gerade diese bewusste Auseinandersetzung kann dann wiederum ein Turbo für die Motivation und Zielerreichung sein. Im Moment brauchen Unternehmen – mehr denn je zuvor – Führungsverantwortliche, die das verstehen und auf Basis ihrer eigenen Persönlichkeitsentwicklung gut damit umgehen können.

 

Fotos: Die Ida

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