Studio Visit Egor Lovki

Studio Visit Egor Lovki

Stein für Stein entstehen in Egor Lovkis Atelier Bilder zwischen Leichtigkeit und Abgrund. Im Studio Visit spricht der Künstler über Mosaik und Malerei, Humor als Zugang zu ernsten Themen, Einsamkeit in einer vernetzten Welt – und darüber, warum eine naive Bildsprache noch lange keinen harmlosen Inhalt bedeutet.

In seinem Atelier in Düsseldorf verbindet Egor Lovki Malerei und Mosaik zu einer außergewöhnlichen Bildsprache. Stein um Stein entsteht eine Kunst, deren Ideenreichtum und leuchtende Farbigkeit der Härte ihrer Motive entgegenstehen. Der 1997 im russischen Naberezhnye Chelny geborene Künstler zeigt darin ein Leben auf schmalem Grat: Seiltänzer und Crash-Test-Dummys schweben über Hochseilen, während deren Absturz bereits mitgedacht ist.

P: Egor, in deinen Arbeiten treffen Mosaik und Malerei aufeinander. Was interessiert dich an diesem Zusammenspiel?

EL: Mich reizt es, eine Balance zwischen Kontrolle und Zufall zu finden. Ein Mosaik verlangt sehr viel Planung. Farben, Formen und Raster lege ich dabei im Voraus fest. Beim Malen ist das anders. Hier kann ich während des Prozesses eine völlig neue Richtung einschlagen.

 

P: Du stellst jeden Stein von Hand her. Hast du gezählt, wie viele in deinem bisher größten Werk stecken?

EL: Ich kann mit einer Gussform 535 Steine produzieren. Für die größte Arbeit habe ich etwa fünfzig Güsse gemacht. So kamen am Ende rund 25.000 Steine zusammen.

 

P: Mosaike sind darauf ausgelegt, die Zeit zu überdauern. Deine Arbeiten greifen dagegen aktuelle Themen auf. Warum wählst du eine alte Technik, um vom Heute zu erzählen?

EL: Mich fasziniert schon lange, dass Botschaften aus jahrtausendealten Mosaiken überraschend aktuell wirken können. Bestimmte Konflikte und gesellschaftliche Bedürfnisse begegnen uns einfach immer wieder.

FOTO: © Eva Kelety

P: Welche dieser wiederkehrenden Bedürfnisse stehen für dich gerade im Vordergrund?

EL: Momentan dreht sich bei mir vieles um den Widerspruch zwischen Verbundenheit und Einsamkeit. Heute sind wir stärker miteinander vernetzt als je zuvor. Zugleich habe ich den Eindruck, dass viele Menschen einsamer werden und echte Nähe schwieriger entsteht.

 

P: Auch Machtverhältnisse spielen bei dir immer wieder eine Rolle.

EL: Genau. Seit einigen Jahren beschäftigen mich Prozesse, durch die Macht erst entstehen kann. Gewalt ist nur der sichtbare Höhepunkt einer Entwicklung, die viel früher beginnt. Sie beginnt mit der Sprache, mit Propaganda und der schleichenden Normalisierung bestimmter Vorstellungen. Gleichzeitig interessiert mich, was davon im Gedächtnis und in Beziehungen fortwirkt.

 

P: Umso überraschender ist die scheinbare Leichtigkeit deiner Bildsprache. Woher kommt deine Faszination für das Widersprüchliche?

EL: Vor allem Humor ist für mich eine Möglichkeit, ernste Themen einzubringen. Oft denke ich dabei an die Animationsfilme, mit denen ich aufgewachsen bin. Darin wurden Probleme durch Tiere, märchenhafte Figuren oder absurde Situationen geschildert. So konnte auch Schwieriges verständlich vermittelt werden, ohne an Tragweite zu verlieren. Ich glaube, diese Art zu erzählen, habe ich zum Teil unbewusst übernommen. Dennoch frage ich mich, wo die Grenzen liegen und ob manche Themen vielleicht eine direktere Sprache brauchen.

„Gewalt ist nur der sichtbare Höhepunkt einer Entwicklung, die viel früher beginnt. Sie beginnt mit der Sprache, mit Propaganda und der schleichenden Normalisierung bestimmter Vorstellungen.“

P: Egor, welche Einflüsse haben dich noch geprägt?

EL: In der Industriestadt, in der ich aufgewachsen bin, gab es eigentlich kaum Berührungspunkte mit zeitgenössischer Kunst. Ich bin zwischen Kinderbüchern und Ikonen groß geworden. Beide vermitteln Themen durch verdichtete, symbolische Bilder, und diese Art der Bildsprache begleitet mich bis heute. Das scheinbar Naive interessiert mich gerade deshalb, weil es einen vertrauten Zugang schaffen kann. Erst auf den zweiten Blick zeigt sich dann vielleicht etwas Ernsteres oder Beunruhigendes. Für mich bedeutet eine naive Bildsprache nicht, dass der Inhalt harmlos ist.

 

P: Du lebst in Wien, studierst an der Angewandten und seit 2025 studierst du parallel auch an der Kunstakademie Düsseldorf. Welchen Einfluss hat das jeweilige Umfeld auf dich und deine Arbeit?

EL: Jede Erfahrung und jeder Ort hinterlassen Spuren in meiner Arbeit. Ich glaube allerdings, dass es für mich weniger um das Ankommen an einem neuen Ort geht als um das Verlassen eines alten. Durch die Distanz beginne ich, meine Identität und meine Erwartungen neu zu sehen. Aber Vielfalt war schon früh Teil meines Lebens. In Naberezhnye Chelny existieren unterschiedliche religiöse und kulturelle Hintergründe nebeneinander. Interessant ist für mich, wo es Gemeinsamkeiten gibt, aber auch, wo Missverständnisse entstehen. Dieses Gefühl, dazuzugehören und sich trotzdem manchmal fremd zu fühlen, finde ich persönlich toll.

 

P: Seit einigen Jahren wird Kunst aus Russland verstärkt durch die Linse politischer Ereignisse betrachtet. Wie erlebst du es, wenn deine Herkunft Teil der Wahrnehmung deiner Kunst wird?

EL: Vor dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine wurde meine Herkunft eher neugierig oder positiv wahrgenommen. Danach hat sich das deutlich verändert. Anfangs war es für mich schwierig, plötzlich stärker mit der Politik eines Landes verbunden zu werden, auf die ich selbst keinen Einfluss habe. Heute verstehe ich, dass meine Herkunft in diesem Zusammenhang Fragen aufwirft. Trotzdem möchte ich weder als Mensch noch als Künstler auf meinen Pass reduziert werden. Entscheidend sind für mich vielmehr die Haltung eines Menschen und die Entscheidungen, die er selbst trifft.

„Interessant ist für mich, wo es Gemeinsamkeiten gibt, aber auch, wo Missverständnisse entstehen. Dieses Gefühl, dazuzugehören und sich trotzdem manchmal fremd zu fühlen, finde ich persönlich toll.“

P: Egor, du hast einiges über den Stellenwert der Kindheit für deine Arbeit erzählt. Was bedeutet also #jungbleiben für dich?

EL: Für mich ist #jungbleiben mit der Einstellung verbunden, sich selbst und die Welt nie als etwas Abgeschlossenes zu betrachten. Solange das Unbekannte nicht nur Angst macht, sondern auch Neugier weckt, bleibt man im Kopf und im Herzen jung.

 

Text: Esther Hladik
Fotos siehe Captions