Eva Yurková
Fotos © Teresa Wagenhofer

Studio Visit: Eva Yurková

Vielschichtig im Doppelsinn: Die Arbeiten von Eva Yurková sind nicht nur inhaltlich mehrdeutig und reich an Symbolik, sondern entstehen auch technisch aus Überlagerungen – als Bildwelten mit bewusst mehrschichtigem Aufbau.

Du wurdest in Tschechien geboren und arbeitest derzeit zwischen Wien und London. Was machen die unterschiedlichen Orte mit dir? Wie verändern sie deine tägliche Praxis?

Die Orte, an denen ich lebe und arbeite, beeinflussen stark, was ich kreiere. Als ich zum Beispiel nach Wien kam, hat mich der Jugendstil und seine Architektur inspiriert. Ich lerne noch immer so viel von der Stadt und ihrer Geschichte und fühle mich kreativ genährt, wenn ich dort bin.
London ist ein neues Kapitel, in das ich mich gerade einlebe. Mein Atelier dort ist ziemlich klein, also arbeite ich in kleinerem Maßstab und zeichne mehr. In Wien kann ich an mehreren Arbeiten gleichzeitig arbeiten und Editionen drucken, weil ich viel mehr Platz und eine Druckpresse habe.

 

Eva Yurková

Fotos © Teresa Wagenhofer (li); Eva Yurková (re)

 

Wenn du ein neues Werk beginnst, was kommt meistens zuerst: ein Bild, ein Gefühl, ein Titel oder ein Material?

Das Bild kommt immer zuerst, oft in den unerwartetsten Momenten – manchmal sogar auf einer Party mitten in der Nacht. Wenn sich eine Idee formt und ich nicht die Möglichkeit habe zu skizzieren, nehme ich eine Sprachnotiz auf meinem Handy auf und beschreibe Motiv und Farben. Später im Atelier mache ich einen Plan, der bestimmt, welche Materialien ich verwenden werde.

Zwei Motive tauchen in deiner Arbeit immer wieder auf: Körper und Pflanzen.

Meine ersten Arbeiten zeigten menschliche Figuren, die mit Blumen bekleidet waren – eine Referenz an florale Motive in der tschechischen Folklore. Als ich nach Wien zog, rückten diese Pflanzen nach und nach in den Vordergrund, während die Körper in den Hintergrund traten und abstrakter wurden. Obwohl Figuren noch immer ihren besonderen Platz in den Bildern haben, sind Pflanzen zentral für das Erzählen.

 

Eva Yurková

Fotos © Eva Yurková

 

Wofür stehen Pflanzen für dich? Schönheit, Stärke, Wachstum, etwas stärker Symbolisches?

In den meisten Fällen sind die Pflanzen in meiner Arbeit stark codiert und symbolisch. In der Serie Pansy zum Beispiel symbolisieren Stiefmütterchen eine Grenze oder ein Territorium eines Körpers, da diese Blume oft verwendet wird, um die Grenzen des eigenen Zuhauses oder Eigentums zu markieren. Jedes Pflanzenmotiv in meiner Arbeit hat einen Zweck und ist meist mit einer autobiografischen Erzählung oder persönlichen Erinnerung verbunden.

Deine Körper wirken oft stilisiert statt „porträtähnlich“. Warum ist das für dich wichtig?

Mein Hauptfokus liegt auf dem Körper und seiner Beziehung zur Umgebung. Ich behandle den Körper wie eine Landschaft. Auch wenn meine Arbeit persönlich und körperlich ist, verbindet sie sich mit einer universellen Erfahrung. Früher habe ich Porträts integriert, aber sie legten zu viel Gewicht auf das Individuum und lenkten die Aufmerksamkeit weg von dem, was mir wichtig ist.

Wie viel feministische Kritik steckt in deiner Arbeit? Planst du das bewusst, oder entsteht es ganz natürlich durch die Bilder?

Oft realisiere ich die Wirkung meiner Arbeit erst vollständig, nachdem sie der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Zum Beispiel habe ich „Wolverine“ geschaffen, das eine Figur zeigt, die Schlüssel zwischen ihren Fingern hält, nachdem mir aufgefallen war, dass ich unbewusst jedes Mal, wenn ich nachts nach Hause gehe, den „Wolverine grip“ verwende. Als das Werk ausgestellt wurde, kamen viele Frauen auf mich zu und erzählten, wie stark sie sich darin wiederfanden. Dass so viele Frauen sich täglich durch öffentliche Räume bewegen, während sie sich unsicher fühlen, ist für mich alarmierend. Es wurde zu nur einem von vielen feministischen Themen, die ich durch meine Arbeit verarbeite und kanalisiere.

Denkst du viel über den Blick der Betrachter:innen nach, besonders wenn du Nacktheit oder Intimität zeigst?

Die Komposition der Objekte in meinen Bildern ist so geplant, dass die Betrachter:innen ein aktiver Teil des Bildes werden. Viele Szenen spielen sich hinter Gras oder anderen Vordergrundobjekten ab, die bewusst so platziert sind, dass sie den Akt des unerlaubten Hinschauens simulieren.

 

Die Komposition der Objekte in meinen Bildern ist so geplant, dass die Betrachter:innen ein aktiver Teil des Bildes werden.

 

Deine Farbpalette kann ein wenig weich, dunstig, träumerisch wirken. Würdest du zustimmen? Welche Stimmung willst du erreichen?

Meine Farbpalette kommt aus der Natur und oft auch aus Orten, zu denen ich gereist bin. Letztes Jahr war ich zum Beispiel in Sevilla. Eine Zeit lang danach war ich besessen von Orangen und von den Farbkombinationen, die ich dort beobachtet habe. Außerdem ordne ich Farben entsprechend der Tageszeit an, die für das Bild gewählt ist.

Holzschnitt ist eine alte Technik. Was hat dich dazu gebracht, sie als junge Künstlerin heute zu wählen?

Ich genieße die körperliche Arbeit des Schnitzens. Der Prozess hat viele Stufen, die Struktur geben, und doch hat die Technik ihren eigenen Kopf – es gibt ein Element von Überraschung und Entdeckung. Ich mag diese Kombination aus bewusstem Vorgehen und dem teilweisen Abgeben von Kontrolle.

Eva Yurková

Foto © Eva Yurková

 

Kannst du diese Technik Menschen, die ihr noch nie begegnet sind, kurz beschreiben?

Du schnitzt mit Schnitzwerkzeugen in eine Holz- (oder Linol-)Platte, um ein Relief zu erzeugen. Die Bereiche, die du nicht schnitzt, bleiben erhöht – das sind die Teile, die die Farbe halten. Du rollst Farbe mit einer eingefärbten Walze auf die erhöhte Oberfläche, legst dann Papier darauf und übst Druck aus, damit die Farbe auf das Papier übertragen wird.

Druckgrafik ist langsam und körperlich. Was liebst du an dieser Langsamkeit – und was macht dich manchmal wahnsinnig?

Es gibt eine besondere Qualität sowohl im Handwerk als auch in der Zeit, die es braucht. Ich mag den langen Prozess sehr, weil er zu vielen Entdeckungen führt. Der Teil, der mich ein bisschen wahnsinnig macht, ist das Warten zwischen den Schichten, weil die ölbasierte Druckfarbe mehrere Tage zum Trocknen braucht.

Wie reagieren Kolleg:innen aus der Kunst auf deine Technik-Wahl?

Ich habe einmal an der Uni jemanden sagen hören: „Eva macht immer alles auf die komplizierteste Art“ (lächelt), und das stimmt ein bisschen. Aber die meisten meiner Kolleg:innen haben auch Druckgrafik studiert und kennen ihre Tücken.

 

Eva Yurková

Fotos © Eva Yurková

 

Aber du arbeitest auch in anderen Medien.

Ja! Obwohl alle anderen Medien, die ich benutze, irgendwie mit Druckgrafik verbunden sind oder ihre Methoden widerspiegeln. In meinen Papiercollagen zum Beispiel schichte ich farbiges japanisches Papier, um das Überlagern von Farbschichten zu simulieren. Ich kombiniere Collage auch mit Drucken, indem ich direkt auf das japanische Papier drucke. Selbst in Medien wie Keramik oder Malerei enthält meine Arbeit oft Elemente von Relief und Farbfeldern.

Setzt du dir in deiner Karriere Herausforderungen oder Meilensteine?

Ich orientiere mich an den Herausforderungen, die entstehen, wenn ich meine Ideen materialisiere. Starre Ziele würden mir dabei im Weg stehen – sie würden das Gefühl von Freiheit in meinem kreativen Prozess einschränken.

Was kommt als Nächstes für dich?

Ich arbeite derzeit an einer Serie von Arbeiten, die in einer kommenden Gruppenausstellung in der Chemistry Gallery in Prag gezeigt werden – von tschechischen Künstler:innen, die sich mit dem Thema Folklore beschäftigen.

Was bedeutet #jungbleiben für dich?

Prickelnd bleiben!

 

Text: Paula Watzl

Fotos: Porträts © Teresa Wagenhofer / Studio Aufnahmen © Eva Yurková

 

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