Sebastian Leitinger
Fotos © Sebastian Leitinger (li); Lisa Edi (re)

Sebastian Leitinger von GLEIN im #jungbleiben Portrait

Sebastian Leitinger baut mit GLEIN „gute Dinge für jeden Tag“ – aus Leder und Holz, mit ruhiger Formensprache und einem sehr klaren Blick auf Material, Preis und Verantwortung. Vom Holzbetrieb in der Steiermark über Hochbau-HTL, Volkswirtschaft und die Angewandte führt sein Weg zu einem Studio, das Ästhetik, Funktion, Technologie und Wirtschaftlichkeit bewusst zusammendenkt. Im Gespräch erzählt der Gründer von GLEIN, warum hochwertige Rohstoffe und europäische Produktion für ihn nicht verhandelbar sind, weshalb das schwierigste Produkt oft das ungenutzte im Kasten ist – und wieso #nachhaltig jungbleiben für ihn heißt, Herausforderungen anzunehmen, ohne beliebig zu werden.

Wie würdest du dich und deine Arbeit in 5 Worten beschreiben? 

No risk, no fun, fun

Du kommst aus einem Holzbetrieb in der Steiermark, hast Hochbau-HTL, Volkswirtschaft und Produktdesign hinter dir. Wie prägt dieser Mix aus Technik, Zahlen und Gestaltung deine Sicht auf „gute Dinge für jeden Tag“?

Die Kunstuniversität war für mich am prägendsten. In meiner Auseinandersetzung mit Design habe ich dort auch mehr über Volkswirtschaft gelernt als im gleichnamigen Studium. Eine meiner Stärken liegt aber sicherlich darin, eine stimmige Balance zwischen Ästhetik, Funktion, Wirtschaftlichkeit und Technologie zu finden.

 

Sebastian Leitinger

Fotos © Lisa Edi; Sebastian Leitinger (unteres Bild -Schuhe Derby black)

 

Bei GLEIN stecken viel Zeit, Trial-and-Error und Geduld im Material. Woran merkst du, dass ein Entwurf bereit ist, vom Prototyp zum Begleiter für den Alltag zu werden?

Das Spannendste daran ist vermutlich, dass der erste Eindruck nicht immer richtig ist. Das ist auch ein entscheidender Unterschied zwischen Alltags- und progressiverem Design, bei dem der Langzeitnutzen einer gestalterischen Idee unterstellt sein darf oder sogar soll.

Insofern lasse ich mir mit diesem Prozess mittlerweile immer möglichst viel Zeit und sobald ich das Produkt nicht mehr verändern will, ist es bereit.

Aber auch bei Alltagsprodukten entwickelt sich der Zeitgeist laufend ein klein wenig weiter und somit wird auch alles laufend adaptiert. Meistens sind die Eingriffe aber so klein, dass es kaum jemand bemerkt. Ich rede hier beispielsweise über 5 mm mehr Saumweite bei einem Hosenschnitt über fünf Jahre.

 

Sebastian Leitinger

Fotos © Sebastian Leitinger

 

Ihr arbeitet mit Leder, Holz und Werkstätten in Europa – immer mit dem Anspruch auf Langlebigkeit. Welche Entscheidungen triffst du bewusst zugunsten von Qualität und Nachhaltigkeit, auch wenn sie es komplizierter oder teurer machen?

Alle Rohstoffe bei uns sind sehr teuer, aber das ist ja auch das Geschäftsmodell: teure Materialien durch direkten Vertrieb möglichst zugänglich zu machen. Nachhaltige Materialien gibt es zuhauf, wenn man als Hersteller den entsprechenden Preis dafür bezahlen kann und will.

Wir verarbeiten zum Beispiel nur ganzstufig in der EU gegerbtes Leder, das das Vielfache eines qualitativ vergleichbaren Materials aus beliebiger Herkunft kostet. Dabei geht es vor allem um Chemikalien und Arbeitsbedingungen, aber am Ende auch um den Hautkontakt in der Verwendung.

Beim Bett geht es uns beispielsweise darum, alle Teile von Hand zu verleimen, um ein besonders schönes Maserbild zu erhalten. Der Standard bei hochwertigen Massivholzmöbeln wären industriell verleimte Platten aus etwas schmaleren Dielen. Der Aufwand der Handverleimung ist hier im Vergleich unverhältnismäßig hoch, aber bei einem Produkt, das Jahrzehnte hält, macht es einfach Sinn, das Material so schön wie möglich zu verarbeiten.

Interessant am Zusammenspiel zwischen nachhaltigen Materialien und Qualität ist, dass die nachhaltigsten Materialien oft nicht die längste Haltbarkeit bieten. Somit muss man laufend abwägen, was in Summe das nachhaltigste Produkt macht und das Design danach ausrichten. Der Aufwand dahinter braucht sehr viel Energie und Erfahrung. Vermutlich liegt genau darin auch unser größter Innovationsgrad, da wir wesentlich flexibler sind als globale Brands mit breiten Händler:innenstrukturen und dadurch mehr ausprobieren können.

Sebastian Leitinger

Fotos © Sebastian Leitinger

 

Deine Produkte sollen über Jahre besser werden – durch Nutzung, Feedback, kleine Anpassungen. Was wünschst du dir, wie Menschen mit ihren Alltagsdingen umgehen: kaufen, tragen, reparieren, weitergeben?

Pflegen und reparieren ist immer wünschenswert, zugleich sehen wir leider, dass viele Kund:innen Schwierigkeiten mit der richtigen Pflege haben. Ich glaube, wir konsumieren und besitzen oft einfach zu viele Dinge, um uns allen entsprechend widmen zu können.

Am problematischsten ist für mich dabei der hohe Anteil an Produkten aus Materialien oder Produktionsverfahren, die nicht unseren Werten entsprechen. Leider ist das ganze Thema so kompliziert, dass man als Endkund:in kaum durchblicken kann und sehr oft Dinge kauft, die man bewusst nicht unterstützen würde.

Ein anderes großes Thema sind Produkte, die gar nicht verwendet werden. Ich bin dafür, möglichst wenige, aber hochwertige Dinge zu besitzen. Was über Monate im Schrank liegt, sollte man weitergeben. Das unnachhaltigste Produkt ist meistens das ganz hinten im Schrank.

Sebastian Leitinger

Fotos © von li nach re: Lisa Edi; Sebastian Leitinger; Lisa Edi

 

Gibt es einen Alltagsgegenstand aus deiner Kindheit – vielleicht aus dem Holzbetrieb deiner Familie –, der dir bis heute im Gedächtnis geblieben ist und deine Arbeit beeinflusst?

Ich war immer fasziniert von alten, ausgegrauten Fichten-Einlegern. Haha, das ist schon sehr spezifisch, hat mich aber sicherlich in meiner Vorliebe für Materialien geprägt, die altern dürfen.

Die Verarbeitung von Kunststoffen und den zugehörigen Beschichtungen hatte hier großen Einfluss auf unsere Produktkultur und hat diese Eigenschaft den meisten Materialien genommen.

 

Wie sieht ein guter Tag im Atelier für dich aus – gibt es Routinen oder kleine Rituale, ohne die es sich nicht nach „GLEIN“ anfühlt?

Ich arbeite an Design und Strategie gerne in Ruhe von zuhause aus, arbeite in den technischen Details immer eng mit fachspezifischen Spezialist:innen zusammen und bin somit viel in Calls sowie in Werkstätten.

In unserem Atelier & Shop in Wien treffen wir vor allem formelle Designentscheidungen wie z. B. Farben und machen Fittings sowie Fotoshoots. Zugleich sind die zeitintensiven Arbeiten dort Service, Verkauf und die gesamte Warenlogistik. Da ich überall zumindest ein wenig mithelfe, gibt es in meinem Alltag sehr viel Abwechslung.

Unser Ritual im Shop ist es, uns gegenseitig Cappuccino mit schlechter Latte Art zu machen und diese dann bei der Übergabe penibel zu deuten – ein guter Grund, um Kaffee zu trinken.

Sebastian Leitinger

Fotos © Sebastian Leitinger

 

#jungbleiben bedeutet für uns: weiterdenken, auch wenn’s unbequem wird. Was würdest du gerne öfter hinterfragen – in der Designwelt, im Alltag oder bei dir selbst?

Ich hinterfrage tendenziell zu viel; insofern arbeite ich gerade eher daran, Dinge zu schätzen und das Positive darin zu sehen 🙂

 

Was bedeutet #nachhaltig jungbleiben für dich? 

Herausforderungen anzunehmen und nicht beliebig zu werden.

Ohne, mild, oder prickelnd?

Superprickelnd!

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