Studio Visit: Simon Goritschnig
Simon Goritschnigs Skulpturen erscheinen wie fremde Lebensformen, blinde Passagiere, die von der „Discovery One“ oder der „Nostromo“ auf die Erde gelangt sind. An den Schnittstellen von Science-Fiction, Biologie und Mythologie formiert sich in seinem Atelier in Wien ein World-Building-Laboratorium, in dem spekulative Zukunftsvisionen und hybride Entitäten entworfen werden. Dabei nutzt der Künstler eine Vielzahl an Methoden: 3D-Druck trifft auf Graphitfrottage, Keramik auf Game Art und skulpturale Setzungen. Im Zentrum jedoch steht die klassische Zeichnung. Sie behauptet sich bei Simon Goritschnig als Formwandlerin auch auf digitalem Terrain.
„Diese Freiheit, über das Jetzt zu sprechen, durch die Linse der Zukunft, zieht mich an.“
Simon, 2025 war für dich ein aufregendes Jahr: Du hast unter anderem an zwei Ausstellungen der Artemis Gallery in Lissabon und Wien teilgenommen und unterrichtest an der Universität für angewandte Kunst in der Klasse für Zeichnung und Druckgrafik. Zudem wurdest du mit dem österreichischen Staatsstipendium für Medienkunst ausgezeichnet.
Es ist überwältigend. Im November wurde dann noch meine Tochter geboren. 2025 war crazy.
Von hier aus zurückgeblickt: Was hat dein Interesse an der Kunst ursprünglich geweckt?
Ich komme nicht aus einer Künstlerfamilie. Dennoch habe ich schon als kleines Kind eigentlich kaum etwas anderes gemacht als gezeichnet. Albert Uderzo, der Zeichner von „Asterix“, war mein Held. Ich wollte unbedingt Comiczeichner werden. Später hat mich dann eine Ausstellung von Peter Kogler im MUMOK gepackt und letztlich auch meine Entscheidung beeinflusst, Druckgrafik zu studieren. Danach haben mich Concept- und Land-Art interessiert. Auch heute ist mein Weg durch die Disziplinen nicht klar ausdefiniert. Dranzubleiben, auch wenn es schwierig wird, ist für mich das Wichtigste überhaupt.

Ausstellungsansicht: Artemis Galerie, Wien. | Fotos © Simon Goritschnig
Deine Materialästhetik verweist in Richtung Sci-Fi. Man denkt an Klassiker wie „Solaris“, „Alien“ oder an die vegetative Überwucherung in „Annihilation“. Was interessiert dich am Fremden und Unheimlichen?
Das Neue ist immer auch ein bisschen unheimlich. Mich fasziniert die Vorstellung, unerschlossenes Terrain zu betreten. Ich denke, deshalb erinnern meine Skulpturen an die Kälte des Weltalls oder an die Sterilität von Space-Shuttles. Science-Fiction interessiert mich, weil es oft um eine Gradwanderung geht: Was ist das Andere, und was macht es mit mir? Und wer ist überhaupt das Andere? Sci-Fi darf alles – psychologisch sein, mythologisch, wissenschaftlich und politisch. Diese Freiheit, über das Jetzt zu sprechen, durch die Linse der Zukunft, zieht mich an.
Demgegenüber tritt die Zeichnung als archaisches Element in deine Arbeit ein. Man könnte sich dich als Forscher des 18. Jahrhunderts vorstellen, allerdings mit Zugriff auf eine interstellare Datenbank. Was fasziniert dich an der Zeichnung?
Sie ist zeitlos. Gewissermaßen das Gegenteil der ephemeren Daten unserer Gegenwart. Gleichzeitig ist die Zeichnung zutiefst selbstreflexiv und für mich vergleichbar mit onomatopoetischen Wortbildungen, wie etwa „zwitschern“ oder „flutsch“. Sie macht ebenso etwas unmittelbar verständlich, ohne den eigentlichen Inhalt erklären zu müssen.
Die Zeichnung ist für mich der Klebstoff zwischen den Medien. Sie bringt die nachgiebige Haptik des Papiers mit der Härte der Stahlträger meiner Installationen zusammen, ebenso die Spontanität der Hand mit der Berechenbarkeit der Roboterzeichnung.

Fotos © Eva Paijens
Wie stehst du zu AI? Und wie weit greifen Algorithmen in deine Bilder ein?
Ich finde Künstliche Intelligenz spannend, aber bin hier ziemlich strikt. Ich bin Künstler geworden, um mich auszudrücken und etwas über die Welt herauszufinden. Das kann ich nicht an die Maschine outsourcen.
Was vermag die Zeichenhand, was der Computer nicht leisten kann?
Alles.
In deinen Arbeiten verhandelst du auch die Frage nach dem Wert von Leben, das keinen unmittelbaren Nutzen für den Menschen hat.
Die drohende Realität der Zerstörung der Erde und biopolitische Fragen zur Erschaffung künstlichen Lebens prägen meine Arbeit stark. Obwohl es bei mir oft um den Menschen geht, bin ich kein großer Freund der Denkweisen des Anthropozäns. Mich interessiert vielmehr das Phänomen des Lebens an sich. Das eigentliche Wunder ist, dass sich anorganische Materie über Milliarden Jahre hinweg zu organischen Konglomeraten zusammenschließen konnte. Das sind Kettenreaktionen von einem Ausmaß, das sich kaum begreifen lässt. Genau darin liegt das Erhabene. Und dennoch bin ich ein Produzent des digitalen Zeitalters, versuche aber, dessen Parameter aufzudehnen.
Welches wissenschaftliche Modell begeistert dich am meisten?
Mein Stiefvater hat mir früh eine Idee mitgegeben, nämlich, dass alles im Universum seinem Energieminimum zustrebt. Als Kind hat er es mir mit dieser Metapher erklärt: You can’t unscramble scrambled eggs. Jahre später bin ich auf den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik gestoßen, der lautet: Energie bleibt konstant, die Entropie nimmt zu. Mich fasziniert daran, dass Energie nie verschwindet, sondern zirkuliert. Und dass sich ein und dieselbe Aussage auf so unterschiedliche Weisen formulieren lässt. Metaphern sind keine Vereinfachung, sondern ein notwendiges Übersetzungswerkzeug, auch in meiner Kunst. Egal, ob ich vom Energieminimum oder von der Wärmelehre spreche: Letztlich geht es immer um Eierspeis.
Für deine Skulpturen arbeitest du auch mit biologisch abbaubarem PLA – einem Material, das als nachhaltig gilt, zugleich aber Teil industrieller Kreisläufe bleibt.
Kunst wird oft für die Ewigkeit konzipiert und sollte zugleich idealerweise biologisch abbaubar sein. Das ist ein Widerspruch, der sich nicht so leicht auflösen lässt. Ich muss gestehen, dass auch ich das nicht schaffe. Ich versuche, meine Produktion so ressourcenschonend wie möglich zu gestalten, aber wie viele andere habe auch ich eine Ausrede. Die Verantwortung zur Rettung der Erde darf meiner Meinung nach einfach nicht auf das Individuum abgewälzt werden. Ich wünsche mir dafür vor allem eine Politik, die auf der industriellen Ebene strengere Richtlinien umsetzt.

Ausstellungsansicht: Artemis Galerie, Wien. | Fotos © Simon Goritschnig
Deine Praxis beschäftigt sich mit evolutionären Übergängen. Gibt es auch Phasen oder Sprünge in deiner eigenen Entwicklung?
Ich denke, ich habe eine Evolution vom bildenden Künstler zum Medienkünstler durchlaufen. Zentral war die Einsicht, dass meine Kunst so vielseitig sein muss wie meine Leidenschaften. Es sagen immer alle: ‚Konzentriere dich auf eine Sache.‘ Ich sage: ‚Werde, wer du bist.‘
Wenn du zu einer extraterrestrischen Expedition aufbrechen könntest, was dürfte in deinem Forschungskoffer nicht fehlen?
Ein Sketchbook, Zeichentusche und eine Switch.
Simon, du denkst deine Kunst aus der Zukunft rückwärts. Was also bedeutet #jungbleiben für dich?
Jungbleiben bedeutet für mich, die eigene Komfortzone immer wieder zu verlassen und sich der Welt auszusetzen – auch dort, wo sie unheimlich oder fremd wird. Genau darin liegt in meinen Augen auch unsere zentrale Qualität, vielleicht sogar die evolutionäre Nische des Menschen: in unserer Neugier.
Text: Esther Hladik
Fotos Atelier: © Eva Paijens
Fotos der Ausstellung in der Artemis Galerie „Hyper-Myths“, 2025: Simon Goritschnig