Angela Kren im #jungbleiben Portrait
Angela Krens Arbeiten wirken, als würden sie leise Tagebuchseiten in Farbe übersetzen – zwischen Grafik, Malerei, Skulptur und kleinen Alltagsmomenten. Ihre Bildwelt entsteht aus Beobachtungen, Notizen, Screenshots, aus Literatur, Musik und Gesprächen, die sich Schicht für Schicht in Formen und Farben übersetzen. Im Gespräch erzählt sie, wie sich ihre eigene Sprache langsam herauskristallisiert hat, was das Mutterwerden mit ihrem Blick auf Kunst gemacht hat und warum „es darf dauern“ einer ihrer wichtigsten Sätze geblieben ist.
Wie würdest du dich in 5 Worten beschreiben?
Neugierig, sensibel, offen, einfühlsam, chronisch zu spät :‘)
Du bist gelernte Grafikerin und arbeitest heute als Künstlerin. Wann hattest du zum ersten Mal das Gefühl: „Das ist meine eigene Bildsprache, damit will ich weitergehen“?
Es hat irrsinnig lange gedauert, bis ich mir überhaupt erlaubt habe, mich selbst als Künstlerin zu bezeichnen. Geschweige denn, als Autodidaktin meine Sprache und Ausdrucksform als professionelle Kunst anzuerkennen. Ich drücke mich schon ganz lange künstlerisch aus, aber durch das „Zeigen“ habe ich erst in der Gesamtheit meine eigene Bildsprache erkannt. Es gab einen schönen, intimen Moment, an dem ich ganz viele Bilder für mich herausgeholt und eine Art Mini-Ausstellung gemacht habe. Dieser Blick darauf, gab mir Selbstbewusstsein und ein Gefühl von Weiterentwicklung. Ehrlich gesagt fühlt es sich erst jetzt langsam wie „meine Bildsprache“ an, weil ich mich auch mehr von meiner Intuition leiten lasse. Ich versuche, weniger zu denken und mehr mein spontanes Gefühl sprechen zu lassen. Am Ende fügt es sich so zusammen, wie es nur hätte sein können. Wenn ich in diesem Moment darüber nachdenke, hat sich meine Entwicklung ganz natürlich ergeben – am einfachsten dann, wenn ich gar nicht aktiv versucht habe, konsequent zu bleiben.

Fotos © Angela Kren
Wenn du auf deine frühen Arbeiten zurückschaust: Was erkennst du darin noch sofort wieder, und was hat sich im Lauf der Jahre komplett verschoben?
(>>ich öffne das Handy und checke meine Handyfotos und den Instagram-Feed<<)
Was sich nie verändert hat, ist, dass ich Erlebtes und Erdachtes irgendwo für mich „ablegen“ kann. Schon seit meiner Kindheit zeichne ich ständig Dinge aus meiner kleinen Fantasiewelt und alltägliche Beobachtungen. Ich habe mir glücklicherweise meine kindlich-naive Herangehensweise behalten. Heute geht sie, gepaart mit Selbstbestimmtheit und Entscheidungskraft, in die Richtung, die sich für mich nachhaltig anfühlt. Ich bin viel mutiger geworden, „Fehler“ zu machen, lauter zu sein und nicht mehr so viel darüber nachzudenken, was andere davon halten könnten (natürlich funktioniert das nicht immer so toll, wie es klingt).
Die größte „Verschiebung“ in den letzten Jahren war aber bestimmt meine Geburt zur Mutter. Ein Vorbild zu sein und Verantwortung für zwei kleine Menschen zu tragen, hat vieles verändert: mich zum Nachdenken gebracht, mein Streben nach Weiterentwicklung befeuert, meine Zeit limitiert und mich mit Stigmata konfrontiert. All das und die wandelnde Gesellschaft rundherum beeinflussen u.a. ab dann die Entscheidungen in meinem Arbeiten.
Wo beginnt für dich ein neues Bild: bei einer Farbe, einer Form, einem Gefühl oder eher bei einer konkreten Situation?
Uff, das kann ich gar nicht so einfach festmachen. Wie gesagt, ich sammle Beobachtungen aus meiner Umwelt: Literatur, Film, Musik, Kunst, Architektur, Popkultur … und in Notizbüchern und Millionen Screenshots halte ich diese Eindrücke/Bilder dann für mich fest und verarbeite sie. Darauf greife ich gerne zurück, falls der zündende Funke fehlt. Der Beginn eines neuen Werkes passiert tatsächlich dann erst durchs „erst mal anfangen“. Darauflos skizzieren, um laut zu denken. Was alle Anfänge meiner Werke verbindet, ist ein Moment der Klarheit und Intuition – das Vertrauen darauf, dass mich eine Idee schon irgendwohin führen wird. Farben finde ich besonders inspirierend. Sie sind sehr wichtig in meinen Arbeiten und unterstützen das Gefühl, das ich vermitteln möchte. Ich plane sie sehr selten im Voraus – sie „passieren“ meistens und verändern sich auch manchmal noch im Prozess.

Fotos © Angela Kren; Eva Lang (Keramik mit Karomuster)
Du sagst, dass du dich über deine Arbeiten immer wieder neu kennenlernst. Gibt es ein Werk, bei dem du selbst überrascht warst, was da plötzlich auf dem Papier oder der Leinwand passiert ist?
Ich hoffe, das wird auch immer wieder so passieren. Bei meinen ersten größeren skulpturalen Arbeiten mit Papier-Mâché habe ich besondere Momente erlebt, die meine Arbeitsweisen nachhaltig verändert haben und mir gezeigt haben, wie schön Experimentieren und Ausprobieren sein können. Aber eigentlich bin ich jedes einzelne Mal überrascht, was ich aus mir rausholen kann. Unsicherheiten und Naivität verwandeln sich in selbstbewusste Entscheidungen, und zum Schluss kommt dabei immer etwas Neues heraus.
Du probierst unterschiedliche Medien und Materialien aus. Was suchst du, wenn du von einem Medium ins nächste wechselst?
Ich finde darin das Wissen, ob und vor allem wie ich meine visuelle Sprache und Arbeitsweise verändern kann, wenn ich mich in Materialien und Medien ausprobiere. Ich beobachte, wie sich durch die unterschiedlichen Routinen und Arbeitsweisen meine Aufmerksamkeit immer wieder verschieben lässt und dadurch neue Ideen entstehen. Auch wenn ich damit gehadert habe, nicht dieses eine „Ding“ seit Jahren zu perfektionieren, sehe ich es heute als Stärke an, mir die Freiheit zu schenken, mich immer wieder neu zu erfinden und mich dabei selbst zu hinterfragen, ohne meine Essenz zu verlieren. Ich vertraue darauf, dass mir immer etwas einfällt, und wenn nicht, dann mache ich währenddessen einfach etwas anderes.

Fotos © Eva Lang
Wie erlebst du den Unterschied zwischen dem Arbeiten „für dich“ und dem Zeigen auf Social Media, in Shops oder in Ausstellungen – verändert das, wie du an ein Werk herangehst?
Darüber habe ich lange nachgedacht.
Ich glaube, dass sich meine Herangehensweisen stetig verändern. Gerade anfangs habe ich mich und meine Arbeiten mehr vom Außen beeinflussen lassen. Heute schaffe ich es besser, mich von meinen eigenen Erwartungen und von dem, was ich glaube, dass die der anderen sind, zu lösen – was wiederum die Qualität meiner Arbeit positiv beeinflusst. Unabhängig davon bedeutet das Arbeiten „für mich“, dass es im Unsichtbaren, im Kleinen passiert. Ich sammle Steine, pflücke Blumen, lese, höre Musik, schreibe, schaue, beobachte und verarbeite vieles davon in meinem Notizbuch. Dieser intime Prozess beeinflusst meine Kunst auf sehr grundlegende Weise und verändert sich wenig. Es ist ein essenzieller, mikroskopischer, eigentlich unsichtbarer Teil dessen, was man in Ausstellungen, Shops und auf Social Media sieht. Freie Arbeiten und die „Money-Jobs“ sind für mich beide legitim und gleichbedeutend. Das eine macht das andere für mich nicht weniger wertvoll und hat beides aber auf natürliche Weise andere Herangehensweisen. Meine Grafik spricht eine andere Sprache als meine Gemälde, und diese wiederum eine andere als die Skulpturen oder Keramiken. Ich lerne diese Facetten sehr zu schätzen und finde mehr und mehr zu einer gesunden Balance in meinen Arbeitsweisen.
Ich möchte gerne sagen, dass sich mein Arbeiten gar nicht durch die Öffentlichkeit verändert, tut es aber unterbewusst. Es macht etwas mit einem, wenn man „gesehen“ wird – es schafft Raum für Kritik, Beurteilung und Verletzbarkeit, aber auch Austausch und Mut. So passiert es manchmal, dass ich mich von den Eventualitäten beirren lasse und meine Herangehensweisen anpasse. Es existiert eine Gleichzeitigkeit. Öffentliche Präsenz schafft Möglichkeiten und ist enorm hilfreich, wird aber auch zur Falle für das eigene Selbstbewusstsein, und es dauert, bis man eine gute Balance zu dieser Ambivalenz gefunden hat. Ich verstehe es also als enorm erstrebenswerte Praxis, Arbeiten ausschließlich für sich selbst zu machen und den Vergleich, die Wirkung und die enorme Schnelligkeit im „Außen“ nicht zu beachten.
Ich möchte gerne sagen, dass sich mein Arbeiten gar nicht durch die Öffentlichkeit verändert, tut es aber unterbewusst.
Deine Grafik verschönert Orte wie den Rami Teashop. Was bedeutet es dir, wenn deine Arbeiten Teil von Alltagsräumen werden, in denen Menschen sitzen, reden, ihren Tag leben?
In der Grafik wie in der Kunst finde ich es am wichtigsten, wenn es für jede*n und alle erlebbar wird. Kunst muss unbedingt Teil des öffentlichen Raumes sein, umso geehrter bin ich, wenn ich etwas von mir zeigen darf und einen Beitrag dazu leisten kann. Auch wenn diese Dinge manchmal nur mikroskopisch stattfinden, bleiben sie dennoch zugänglich und erfreuen manche Leben.

Fotos © Angela Kren (li); vividybowski (re)
Wenn du deiner jüngeren Angela, die gerade mit Grafik oder Kunst beginnt, einen Satz mitgeben könntest: Welcher wäre das?
Es darf dauern.
Was bedeutet #nachhaltig jungbleiben für dich, als Künstlerin und als Mensch?
Neugierig bleiben. Sich selbst nicht zu ernst nehmen. Mutig sein. An seine eigenen Fähigkeiten glauben, ohne aufzuhören sich selbst und die Dinge in der Welt zu hinterfragen.
Ohne, mild, oder prickelnd?
Immer eher ohne.