Der Frühling 2026 im Ausstellungsmodus
Der Frühling ist die Deadline-Saison der Kultur. Während alle über neue Programme sprechen, laufen einige der stärksten Ausstellungen noch, aber nicht mehr lange. Wer sie sehen will, sollte nicht “irgendwann” gehen, sondern einen Termin im Kalender eintragen.
Hier ist die Checkliste für jene Shows, die man im Frühjahr 2026 gesehen haben sollte, bevor sie schließen. Aktuelle Themen werden von Künstler:innen seismographisch wahrgenommen. Es geht um Macht und Märkte, um Körper und Kontrolle, um Bilder, die nicht gefallen (müssen).
Soft Zeros – Mimi Onuoha
Noch bis 22. Februar 2026 in der Secession
Eine der klügsten Ausstellungen der Saison. Die nigerianisch-amerikanische Künstlerin Onuoha seziert Datensysteme und zeigt, dass das Weglassen oft politischer ist als das Sichtbare. Sie zeigt präzise Installationen, die Macht, Statistik und strukturelle Blindstellen aufdecken.
Onuoha, die ursprünglich Informatik studierte, versteht Daten nicht als neutrale Information, sondern als kulturelles Produkt. Ihre Arbeiten machen deutlich, dass auch das Fehlen von Daten eine politische Entscheidung sein kann. In der kühlen Klarheit der Secession entsteht daraus ein Raum der Irritation, der Selbstverständlichkeiten hinterfragen lässt.
Wer sich für KI, Algorithmen oder gesellschaftliche Repräsentation interessiert, sollte das nicht verpassen.

Dealing in Splendour
Noch bis 6.4. im Gartenpalais Liechtenstein
Im barocken Gartenpalais Liechtenstein wird mit “Dealing in Splendour” eine andere Dimension der Sichtbarkeit verhandelt: die Repräsentation als Machtinstrument. Die Ausstellung widmet sich der Geschichte des Kunsthandels und der Sammelleidenschaft europäischer Adelshäuser.
Zwischen Gemälden alter Meister, kostbaren Skulpturen und kunsthistorischen Dokumenten wird deutlich, dass Sammeln nie nur ein ästhetischer Akt war. Es waren Strategie, Netzwerk, Diplomatie und Prunk als (auch soziales) Kapital.
Die Räume selbst – stuckverziert, lichtdurchflutet – verstärken diese Erzählung. Hier wird nicht dekonstruiert, sondern inszeniert. Und gerade darin liegt die Spannung: Wie viel Glanz braucht Geschichte, um glaubwürdig zu bleiben? Und überstrahlt sie manchmal nicht auch die dunkleren Flecken dieser?
Lisette Model: Fotografien
Noch bis 22.2.2026 in der Kunsthalle Wien
Die Retrospektive zu Lisette Model in der Kunsthalle Wien ist eine Wiederbegegnung mit einer radikalen Beobachterin. Model, 1901 in Wien geboren, später in New York tätig, fotografierte Menschen ohne Schonung. Ihre Porträts sind direkt, manchmal brutal ehrlich, oft von entwaffnender Intimität geprägt.
Sie interessierte sich nicht für Perfektion, sondern für Charakter. Für Gesichter, die Geschichten tragen. In einer Zeit, in der Fotografie zunehmend gefiltert und geglättet erscheint, wirkt Lisette Models Blick fast subversiv.
Die Ausstellung zeigt nicht nur ikonische Arbeiten aus der New Yorker Straßenfotografie, sondern auch Arbeiten aus frühen europäischen Serien.

Marina Abramovic
Noch bis 22. März 2026 in der Albertina Modern
Die große Retrospektive von Marina Abramovic in der Albertina Modern nähert sich ihrem Ende. Bis zum 1. März ist noch Zeit, sich mit einem Werk auseinanderzusetzen, das die Performancekunst seit den 1970er-Jahren geprägt hat.
Abramovic hat ihren Körper zum Medium gemacht – Schmerz, Ausdauer, Stille. In Wien sind zentrale Arbeiten als Re-Enactments zu sehen, ergänzt durch Videos, Dokumentationen und Zeichnungen. Was bleibt von einer Performance, wenn sie vorbei ist? Die Ausstellung gibt darauf keine endgültige Antwort. Aber sie zeigt, dass Präsenz mehr sein kann als bloße Anwesenheit und stellt uns auch auf die Probe: Was können wir beim Betrachten von Kunst aushalten?
„30 Prozent Löwenzahn“
Start: 20. März im Kunsthaus Graz
„30 Prozent Löwenzahn“ im Kunsthaus Graz ist eine Ausstellung im Rahmen des „Bloom“-Jahres, die sich mit Pflanzen als widerständigen Akteuren in urbanen und ökologischen Kontexten beschäftigt. Der Löwenzahn steht dabei symbolisch für das, was sich trotz Kontrolle, Ordnung und Versiegelung durchsetzt – als Metapher für Resilienz, die Aneignung von Raum und das Verhältnis zwischen Natur und Stadt. Denn 2026 stellt das Universalmuseum Joanneum sein gesamtes Ausstellungsprogramm unter das Leitmotiv “Bloom” – und macht damit die Blume zum kulturhistorischen Brennglas. Über zehn Ausstellungen an mehreren Standorten – vom Kunsthaus Graz bis Schloss Trautenfels – untersuchen, wie Pflanzen nicht nur ein ästhetisches Motiv, sondern auch ein politisches, wirtschaftliches und wissenschaftliches Symbol wurden.
Es geht um koloniale Handelsrouten, botanische Klassifizierungssysteme und Klimaforschung. “Bloom” ist damit alles andere als eine dekorative Frühlingsidee, sondern ein Statement, das übergreifend denkt: Wachstum wird hier als kulturelle, gesellschaftliche und ökologische Kategorie verhandelt.