Maruša Sagadin
Fotos © kunstdokumentation_Manuel Carreon Lopez / Christine König Galerie, Vienna (li); Aleksandra Vajd (re)

Studio Visit: Maruša Sagadin

Es ist 8 Uhr früh, als ich die Klingel zu Maruša Sagadins Atelier im 15. Bezirk in Wien drücke. Die großgewachsene österreichisch-slowenische Künstlerin und ehemalige Basketball-Nationalspielerin öffnet die Tür mit einem breiten Lächeln. Sie ist um diese Uhrzeit schon fit. „Ich habe eine kleine Tochter, da ist man automatisch früh munter. Außerdem arbeite ich gerade an einer Menge neuer Sachen gleichzeitig.“ Kein Wunder, Solo-Ausstellungen bei der Galerie Christine König, bei Collector’s Agenda (zusammen mit Sophie Hirsch) und eine Show in der Galleri Opdahl in Stavanger/Norwegen stehen an, sowie eine neue Skulptur für den öffentlichen Raum mit der Kunsthalle Recklinghausen/Deutschland.

In deiner Werkstatt habe ich gerade eine überdimensionale gelb lackierte Birne gesehen!

Maruša Sagadin: (lacht) Ich arbeite gern mit Humor und bewusster Übertreibung. In den vergangenen Jahren tauchen in meinen Arbeiten immer wieder Früchte oder fruchtähnliche Formen auf, nicht zuletzt, weil Früchte oft als Metaphern für Körperteile gelesen werden können. Im Deutschen gibt es dafür ja einige sehr anschauliche Redewendungen, etwa „etwas in der Birne haben“ oder „eine weiche Birne“. Dieses bildhafte Übersetzen von Sprache interessiert mich besonders. Die knallgelben Birnen sind konkret für einen Krankenhausneubau in Salzburg entstanden: Dort gestalte ich das Foyer mit einer Sitzlandschaft, die den Titel „Birnenparadies“ trägt.

 

Maruša Sagadin

Fotos © Luv Birds in Blind Spots, 2023 – Asiana Jurca Avci, Urša Rahne / Moderna galerija, Ljubljana (li); Luv Birds in Blind Spots, 2023 – Asiana Jurca Avci, Urša Rahne / Moderna galerija, Ljubljana (Mitte); Public Space is a Dirty Dog, 2025 – Áron Weber / Longtermhandstand, Budapest (re)

 

Generell spielt die Behandlung der Oberfläche in deinen Installationen eine zentrale Rolle. Du sprichst in diesem Zusammenhang häufig von einem „Make-up“, das über das eigentliche Material gelegt wird.

Genau. Ich arbeite meist mit einfachem Fichtenholz, zeige es aber nie in seiner rohen Form. Stattdessen „schminke“ ich es mit zahlreichen Schichten, die dem Objekt eine neue Erscheinung verleihen. Diese Layers dürfen durchaus etwas Trashiges haben; sie verschieben die Wahrnehmung, erzeugen neue Konnotationen und machen die Spannungen zwischen Hoch- und Popkultur sichtbar.

Da ich alles in meinem Atelier selbst lackiere, bleiben auch Gebrauchsspuren erhalten – man sieht gewissermaßen noch die Hand im Prozess. Beim Farbauftrag geht es mir, ähnlich wie beim Make-up, um Sichtbarkeit und Anziehungskraft. Ich möchte, dass meine Installationen eine physische Präsenz entwickeln und dass man sie im Idealfall auch berühren möchte.

 

Maruša Sagadin

Fotos © Thick Skin, Yet I´m Cold, 2025 – Johannes Puch / Kunstraum Lakeside (li); Zwischen Barock und Romanik liegt die Botanik, 2025 – Jan Brockhaus / Kunsthalle zu Kiel (re)

 

Deine Installationen und Objekte funktionieren bewusst im Innen- sowie Außenraum gleichermaßen. Wie wichtig ist dir dieser „performative“ Ansatz bei deiner Arbeit – oder anders gefragt: Ab wann wird das Publikum Teil der Arbeit?

Sehr oft. Das zeigt sich besonders in meiner Serie skulpturaler Bänke und ihrer konkreten Benutzbarkeit. Es sind per se Infrastrukturen, die Begegnung ermöglichen. Gleichzeitig gibt es aber auch Bänke in Form gekippter Säulen, die auf gestürzte Machtverhältnisse verweisen. „Doris“ etwa erinnert an eine dorische Säule und bricht mit klassischen Attributen wie Macht, Größe und Repräsentation. Sie ist benutzbar, bietet eine hochglänzende Oberfläche zum Sitzen, Trinken oder auch Liegen und steht im öffentlichen Raum frei zur Verfügung. Diese Formen in verschobenen Maßstäben schaffen ein Gegenüber und binden das Publikum unmittelbar ein.

Das bemerke ich auch immer bei deiner Arbeit „Eat More Fruit, Speak More Truth“, die sich vor dem Kunsthaus Graz befindet. Vor allem Jugendliche sitzen gerne unter der riesigen gelben Birne.

Das ist tatsächlich ein gutes Beispiel. Auf der Granit/Holz-Sitzfläche habe ich Elemente angebracht, die einem Hybrid aus Popo-Brüste-Fahrradsattel ähneln. Ursprünglich dachte ich, diese würden als Armlehnen genutzt werden. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass viele Menschen die Formen eher tastend erkunden, sie streichen darüber oder fahren mit den Fingern die Konturen nach.

Ähnlich verhält es sich bei „Lipstick Building“, einem überdimensionierten Lippenstift aus Beton, der durchaus eine phallische Anmutung hat. Es geht um Fragen von Oberfläche, Inszenierung sowie um Macht, Größe und Glanz. Auch hier ist die Reaktion weniger distanziert als körperlich, das Objekt wird berührt und fast beiläufig angeeignet.

Andere Elemente, etwa angedeutete High Heels, werden wiederum ganz pragmatisch als Aschenbecher verwendet. Mich interessiert genau diese Offenheit im Umgang, die oft unerwarteten, nicht vollständig steuerbaren Zugänge, wie Menschen sich den Arbeiten nähern.

 

Maruša Sagadin

Fotos © Blue Lips (Kiss-mas), 2024 – Simon Veres / Heidi Horten Collection (li); Speak More Truth, Eat More Fruit, 2025 – Simon Veres / Kunsthaus Graz (re)

 

Bevor du deine künstlerische Karriere begonnen hast, warst du 13 Jahre lang als Profisportlerin aktiv, zunächst als Skifahrerin, später als Basketballspielerin in der österreichischen Nationalmannschaft. Kommt dein Zugang zu Körperlichkeit und Raum auch aus dieser Zeit?

Wahrscheinlich teilweise. Der Leistungssport prägt bei mir vor allem die Disziplin. Ich arbeite sehr strukturiert, fast schon routiniert. Ich bin früh im Atelier und arbeite täglich; ohne diesen Rhythmus komme ich schnell „aus der Übung“, ganz ähnlich wie im Sport. Die Zeit in der Nationalmannschaft war zudem auch biografisch entscheidend, weil sie mir überhaupt erst den österreichischen Pass ermöglicht hat und damit neue Bildungs- und Arbeitswege.

Die spezifische Körperlichkeit und das räumliche Denken in meinen Arbeiten haben aber ebenso viel mit meinem Architekturstudium zu tun. Ich spreche deshalb bewusst von Installationen, weil es mir um die Beziehung zur Architektur geht, im öffentlichen Raum ebenso wie im Ausstellungsraum. Ich verwende auch identische Materialien für Innen- und Außenskulpturen, nur dass es dort unmittelbar zugänglich und frei nutzbar ist.

Maruša Sagadin

Foto © Herz-Bar (Secession, Vienna), 2018 – Paul Knight / Secession Vienna

 

Du hast einmal gesagt, dass du keine Architektur baust, sondern sie in etwas anderes übersetzt. Wie lässt sich dieser Übersetzungsprozess beschreiben bzw. wann wird Architektur zur Skulptur?

Der Gebrauch spielt dabei sicher eine zentrale Rolle. Ich arbeite zwar wie eine Architektin, entwickle Modelle, skizziere und zeichne Pläne, aber ich entwerfe keine klassischen Lebensräume. Stattdessen übersetze ich architektonische Prinzipien in etwas Eigenständiges. Dieser Zugang eröffnet mir die Möglichkeit, mich mit den sozialen Dimensionen von Architektur auseinanderzusetzen: Wer baut, für wen und an welchem Ort? Es geht also immer auch um Fragen von Ein- und Ausschluss.

Ein Beispiel dafür ist meine ältere Arbeit „Wo ist unser Niveau, Herr Perrault?“ auf der Donauinsel. Dort habe ich die überdimensionierten Pläne von Dominique Perrault in eine künstlerische Installation überführt und mit lokalen Referenzen wie Hip-Hop und Texten aus der Umgebung verbunden. Man könnte sagen: eine Künstlerin tritt hier in einen Dialog mit dem Stararchitekten (schmunzelt).

Ein Dialog also, der nicht nur architektonische, sondern auch generationelle Fragen berührt. Was bedeutet also #jungbleiben für dich?

Ach, ich bin mir gar nicht sicher, ob es mir darum geht, unbedingt jung zu bleiben. Jugend hat ihren eigenen Charme, aber das gilt ebenso für das Älterwerden. Für mich bedeutet „jung bleiben“ eher, offen zu bleiben, neugierig auf Neues, auf das Fremde. Dieses Interesse wachzuhalten, ist vielleicht das, was mich tatsächlich jung hält.

Text: Andreas Maurer

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