Cold Plunging bis Kältekammer: Wie Kälte Körper und Geist ordnet
Es gibt Trends, die kommen und gehen. Und dann gibt es Praktiken, die bleiben, weil sie etwas berühren, das tiefer liegt als Optimierung oder Selbstdisziplin. Der Boom rund um Eisbaden, Cold Plunging und Kryokammern gehört dazu. Was einst Extremsportler:innen bekannt war, wird heute als alltagstaugliches Werkzeug zur Regeneration, Stressreduktion und zur mentalen Resilienz entdeckt.
“Wir machen Erholung zugänglich – auf eine neue, moderne Art”, sagt Jessica Halper, Co-Founder von WeBorn. Kälte sei dabei kein Selbstzweck, sondern ein bewusst eingesetzter Reiz: “Es geht nie um Leistung oder Aushalten. Alles ist eine Einladung. Jede:r darf jederzeit raus.” Denn sich selbst in einer ungewohnten Situation zu begegnen, heißt auch, sich kennenzulernen und dabei seine Grenzen zu erkennen.
Kälte im Einsatz für den Körper ist kein Trend
Historisch betrachtet ist der Einsatz von Kälte zur Aktivierung der Selbstheilung des Körpers kein neues Phänomen. In Skandinavien gehört der Wechsel zwischen Sauna und eiskaltem Wasser seit Jahrhunderten zur Alltagskultur, in Russland ist das winterliche Morzhevanie Ausdruck von Widerstandskraft, in Japan dient Misogi der geistigen Reinigung.

Fotos © WeBorn
“Diese Rituale zeigen, dass Kälte nie als Feind gedacht war, sondern als Element, das ordnet”, erklärt Halper. Moderne Konzepte würden genau hier ansetzen: “Wir übersetzen alte Praktiken in sichere, geführte Formate. Ganz ohne Ideologie, ohne Zwang, ohne elitäre Hürde.”
Was Cold Plunging heute bedeutet
Cold Plunging bezeichnet den kurzen, bewussten Aufenthalt in kaltem Wasser. Dessen Temperatur liegt meist zwischen fünf und zwölf Grad. Entscheidend ist nicht das Setting, sondern die Kombination aus Kälte, Atemkontrolle und geistiger Präsenz.
“Der Körper kommt in einen kontrollierten Stress und lernt, darin ruhig zu bleiben”, so Halper. Das sei auch der Grund, warum Kälte nicht als einmaliges Erlebnis verstanden werden sollte: “Kälte wirkt nicht wie ein Schalter, den man umlegt. Sie ist ein Impuls, dessen Wirkung sich verzögert entfaltet.”

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Studien zeigen, dass sich die direkten Effekte stark individuell unterscheiden. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2025 weist jedoch darauf hin, dass sich etwa zwölf Stunden nach dem Kältereiz häufig reduzierte Stresswerte zeigen. Auch mögliche Effekte auf den Schlaf und das Wohlbefinden werden diskutiert.
“Viele erwarten ein sofortiges Hoch. Aber das Spannende passiert oft erst später. Das ist im Nervensystem, im Schlaf, im Umgang mit Stress”, sagt Halper.
Extreme Kälte: Kryokammern
Während Cold Plunging auf Ursprünglichkeit setzt, wirkt die Kryokammer fast futuristisch: trockene Luft, minus 110 bis minus 140 Grad, für wenige Minuten. Physiologisch folgt sie demselben Prinzip wie das Eisbad; dieses ist jedoch mit einem intensiveren, aber klar begrenzten Reiz verbunden.
“Ob Eisbad oder Kryokammer: Entscheidend ist nicht das Extrem, sondern die Dosierung und Begleitung”, betont Halper. Studien deuten darauf hin, dass Kryotherapie entzündungshemmend wirken und die muskuläre Regeneration unterstützen kann – insbesondere im Leistungssport.
“Wir sehen Kälte nicht als höher, schneller, weiter, sondern als Werkzeug, das man lernen muss zu lesen”, sagt sie.

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Hitze, Kälte und bewusste Pausen
Besonders wirksam ist die Kombination aus Wärme und Kälte. Wärme erweitert die Gefäße, Kälte zieht sie zusammen – ein Wechselspiel, das Durchblutung, Regeneration und mentale Wachheit fördern kann.
“Die meisten unserer angeleiteten Elemente finden in der Sauna statt”, erklärt Halper. Dort kommen Stretching, Mobility, Atemtechniken und meditative Sequenzen zum Einsatz. “Das Eisbad ist immer begleitet – mit Atemkontrolle und Achtsamkeit.”
Wichtig sei dabei auch, was bewusst nicht gemacht wird: “Wir verzichten in Sauna und Eisbad auf starke Hyperventilationstechniken wie Wim Hof. In Kombination mit extremer Hitze oder Kälte bergen sie Risiken.”
Sicherheit statt Selbstüberwindung
So wirkungsvoll Kälte sein kann, ist sie nicht für alle geeignet. Menschen mit Herz-Kreislauf- oder neurologischen Erkrankungen, während der Schwangerschaft oder mit offenen Wunden sollten darauf verzichten oder ärztlichen Rat einholen.
“Uns ist wichtig, klar zu sagen: Unser Konzept ist nicht für jede:n”, so Halper. “Aber für jene, für die es passt, kann es enorm viel verändern – physisch, mental und emotional.” Gerade Erstteilnehmer:innen werden deshalb bei WeBorn eng begleitet. “Viele sagen danach: Ich habe mich sicher gefühlt. Und genau das ist unser Anspruch.”