Valerie Huber im #jungbleiben Portrait der insiderei
„Jungbleiben heißt, die Schwere der Welt nicht gewinnen zu lassen“
Zwischen Überforderung und Aufbruch beschreibt Valerie Huber in ihrem Buch FOMO Sapiens das Lebensgefühl einer Generation – und plädiert für Präsenz, Verantwortung und dafür, die Hoffnung nicht zu verlieren.
Während Algorithmen um Aufmerksamkeit ringen und Meinungen sich aufgeregt überschlagen, setzt die junge Autorin Valerie Huber auf etwas Unzeitgemäßes: Nachdenken. Zuhören. Innehalten. Vielleicht ist genau das heute eine Form von Widerstand – und eine erstaunlich junge innere Haltung.
Denn jung zu sein bedeutet längst nicht mehr nur Aufbruch und Möglichkeiten. Es bedeutet auch Überforderung. Eine Generation, die alles sein kann – und sich dennoch ohnmächtig fühlt. Permanent vernetzt, ständig informiert, und doch auf der Suche nach Verbindung, Sinn und Halt. Valerie Huber beschreibt dieses Lebensgefühl in ihrem ersten Buch FOMO Sapiens – und versucht, Ordnung in das innere und äußere Chaos unserer Zeit zu bringen, ohne einfache Antworten zu versprechen.
Eine, die fragt – und zuhört
Huber ist Schauspielerin, Aktivistin, Autorin. Geboren 1996 in Wien, aufgewachsen unter anderem in Uganda und an der Elfenbeinküste, früh konfrontiert mit globalen Ungleichheiten. Vielleicht erklärt das ihre besondere Sensibilität für Zusammenhänge – und ihren Unwillen, Dinge zu vereinfachen, die komplex sind. Und doch sucht sie genau danach: nach Lösungen, die machbar wären.
Ihr Buch kreist um die Angst, etwas zu verpassen – während man gleichzeitig spürt, dass genau dieses Immer-mehr nicht glücklich macht. Es ist ein Buch über Ohnmacht und Verantwortung, über Konsum, Klimakrise, Leistungsdruck und innere Zerrissenheit. Und über den Wunsch, trotz allem leicht zu bleiben. Mit dem Buch will sie Bewusstsein schaffen. Auf die Frage, welche Ideen aus ihren Recherchen sie besonders überzeugt haben, antwortet sie überraschend pragmatisch: „Es wäre tatsächlich manchmal gar nicht so kompliziert.“ Als Beispiele nennt sie die faire Besteuerung von Überreichen sowie großen Konzernen. „Oder eine Wirtschaftsform einzuführen, die nicht zerstörerisch und schädlich ist – eine Kreislaufwirtschaft innerhalb der planetaren Grenzen, wie das Donut-System.“
Raus aus dem Dauerrauschen
FOMO ist für Huber kein individuelles Versagen, sondern ein strukturelles Problem. Ein Zustand permanenter Reizüberflutung, der uns vom Wesentlichen entfernt. Wie also stärker werden als diese Reize? „Wir müssen uns wieder mit unserem Umfeld verbinden – wieder lernen, ganz präsent zu sein“, sagt sie. „In die Natur gehen, uns an ihrer Schönheit erfreuen, Achtsamkeit leben, vielleicht meditieren oder Yoga machen. Und Dankbarkeit spüren für alles, was wir sowieso schon haben.“ Was fast einfach klingt, ist in Wahrheit ein radikaler Gegenentwurf zur Logik des Immer-nächsten-Kicks.
Huber spricht von JOMO – der Joy of Missing Out. Der Freude daran, nicht überall dabei zu sein. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Selbstachtung. „Der Gedanke, dass es bei uns gerade gut so ist, wie es ist“, sagt sie, „das ist JOMO.“ Doch Huber romantisiert den Rückzug nicht. Denn nicht allen steht das gleichermaßen offen. „Selfcare ist Luxus – nicht jeder hat dieses Privileg“, sagt sie. Umso wichtiger sei es, ihn nicht mit Konsum oder Ablenkung zu verwechseln. Grenzen zu setzen, Nein zu sagen, sich nicht permanent verfügbar zu machen – das sei besonders für Frauen ein Lernprozess. „In Zeiten, wo immer etwas los ist und jeder miteifern will, ist es befreiend, nicht auf jeder Hochzeit tanzen zu müssen.“ Eine Erkenntnis, die, wie sie sagt, oft erst mit dem Älterwerden komme.
Hoffnung als Entscheidung: Was Jungbleiben wirklich heißt
Angesichts düsterer Zukunftsbilder wirkt Huber entschieden hoffnungsvoll. Was rät sie jungen Menschen, die Angst vor dem Morgen haben? „Wir müssen immer positiv bleiben. Es bleibt uns nichts anderes übrig.“ Hoffnung ist fürHuber eine klare Entscheidung. „Es gibt so viel Schönes auf der Welt, so viele Gründe, sich zu freuen und hoffnungsvoll zu bleiben. Es liegt an uns, es heute besser zu machen.“ Kraft entstehe dort, wo man sich verbinde. Wo aus Ohnmacht Handlung werde. „Mit Gleichgesinnten durch gemeinsame Aktion unserer Ohnmacht entgegenwirken – das macht selbstwirksam. Und das gibt Hoffnung.“
Und was bedeutet Jungbleiben für sie selbst? Die Schwere der Welt einen nicht niederdrücken lassen. Trotz Verantwortung und Problembewusstsein leicht zu bleiben.“ Das Leben spielerisch und sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Die kindliche Freude nicht zu verlieren – auch dann nicht, wenn die Welt dunkel erscheint.
Buchtipp: FOMO Sapiens
Titel: FOMO Sapiens. Verlernen wir die reale Welt? (Goldegg Verlag)
www.valeriehuber.com/fomo-sapiens.html