Belle & George: Die neue Maison im Herzen des Servitenviertels
In der Porzellangasse 9 entsteht mit Belle & George ein Ort, der mehr sein möchte als nur ein klassischer Interior-Store. Isabelle und George Castaing-Soulier verstehen ihr Projekt als „Maison de Design européenne“, als europäisches Designhaus, in dem Möbel, Inspirationen und Gastlichkeit zusammenfinden. Das Konzept verbindet eigene Entwürfe, europäisches Kunsthandwerk, individuelle Interior-Beratung und einen Cafébereich mit Spezialitäten der französischen Bäckerei Parémi. Warum das so ist, wird gleich in der ersten Frage beantwortet.
Dabei geht es Belle & George nicht um schnell austauschbare Trends, sondern um Räume mit Charakter. Um Objekte, die bleiben. Um Materialien, die man spürt. Und um ein Wohnen, das persönlicher, langlebiger und lebendiger sein darf. Im Interview sprechen sie über Altbauwohnungen, Pinterest-Interiors, Alltagstauglichkeit, europäisches Design und ihr Signature-Piece, das Möbelstück „Antibes“.
Belle & George beschreibt sich als „Maison de Design européenne“. Was bedeutet dieser Begriff?
Der Begriff „Maison“ verleiht dem Ort eine persönlichere und kreativere Dimension. Er steht für ein eigenes Universum und zeigt, wie ein Zuhause aussehen kann. Bei uns reicht das vom Trinkglas über die Tischlampe und den Sessel bis hin zum Esstisch oder zum Sofa. Jedes Zuhause hat seine eigene Identität und eine unverwechselbare gestalterische Handschrift. Genau das versuche ich zu vermitteln. Wir kombinieren dieses Konzept im Shop mit dem Cafébereich von Parémi, da Rémi mein Bruder ist. Dadurch soll der Ort lebendig wirken und die Realität eines bewohnten, genutzten Hauses widerspiegeln. „Européenne“ bedeutet für uns außerdem, europäische Handwerkskunst wieder stärker in den Vordergrund zu rücken. In der Deko- und Möbelbranche wird leider noch immer zu wenig über die Herkunft der Objekte gesprochen, etwa bei manchen dänischen Marken, aber nicht nur dort. Wir möchten deshalb lokale Objekte und europäische Produktion hervorheben. Dieser Ausdruck spiegelt auch die Inspiration wider, die wir aus unterschiedlichen europäischen Kulturen und Designtraditionen ziehen: die Liebe zum Detail sowie einen bewussten und nachhaltigen Gestaltungsansatz.

Das Gründer-Duo von Belle & George, Isabelle und George Castaing-Soulier | rechts: zusammen mit Isabelles Bruder Rémi, Besitzer des Café Paremi | Fotos © Sergiu Andrés
Wien ist historisch stark von Altbau, Handwerk und repräsentativen Räumen geprägt. Wie zeitgemäß ist das Wohnen im Altbau heute?
Das Wohnen im Altbau ist für mich heute absolut zeitgemäß. Altbauwohnungen haben einen ganz besonderen Charme, den man schwer beschreiben kann. Auch wir, Isabelle und George, haben uns genau deshalb in den Altbau verliebt und wohnen selbst in einer Altbauwohnung. Viele Materialien, die damals verwendet wurden, sind außerdem natürlicher und angenehmer. Die Wände, die Fenster und insgesamt die Bauweise wirken oft lebendiger und atmungsaktiver als in vielen modernen Gebäuden. Dadurch entsteht ein Wohngefühl mit viel Wärme und Charakter. Natürlich ist das auch immer eine Frage des persönlichen Geschmacks. Manche Menschen fühlen sich in einem Neubau wohler, weil dort vieles effizienter und praktischer ist. Für uns verbindet der Altbau jedoch Geschichte, Atmosphäre und Wohnqualität auf sehr zeitlose Weise.
„Am schwierigsten ist es wahrscheinlich, sich davon zu lösen, alles ‘richtig’ machen zu wollen. Gerade wenn man sich traut, ein bisschen anders zu sein und nicht alles zu kopieren, entsteht ein Raum, der wirklich nach einem selbst aussieht.“
Wenn jemand nicht bei null beginnt, sondern bereits Möbel, Erbstücke oder Lieblingsobjekte besitzt: Wie lässt sich das integrieren?
Ich finde es sogar sehr wichtig, dass man persönliche Dinge in seinem Zuhause hat, etwa Erbstücke oder Objekte mit Geschichte. Genau solche Stücke verleihen einem Raum Charakter und machen ihn wirklich individuell. Ich denke, man sollte sich einfach trauen, Dinge miteinander zu kombinieren. Alte Möbel können neben moderneren Stücken wunderschön wirken. Mit Farben, Textilien, Bildern oder auch Lampen kann man ganz leicht Stimmung schaffen und verschiedenen Objekten einen gemeinsamen roten Faden verleihen. Genau diese Mischung macht ein Zuhause oft lebendig und persönlich.

Mit Belle & George ist im Wiener Servitenviertel ein neuer Store entstanden, der Interior und Café miteinander vereint. | Fotos © Hamza Makic, Jewgenia Biliani
Viele Wohnungen sehen heute ähnlich aus, weil wir ständig schöne Interior-Ideen auf Social Media oder Pinterest sehen. Wie entkommt man diesem Einheitslook?
Heute sehen viele Wohnungen ähnlich aus, weil wir ständig Bilder von schönen Interiors auf Social Media oder Pinterest sehen. Das beeinflusst natürlich, wie wir wohnen wollen, oft, ohne dass wir es richtig merken. Ich glaube, wichtig ist vor allem, diese Bilder nicht als Vorlage zu nehmen, sondern wirklich nur als Inspiration. Ein Zuhause wirkt erst dann persönlich, wenn Dinge darin stehen, die man selbst ausgesucht hat, weil sie einem etwas bedeuten oder eine gewisse Qualität haben, und nicht nur, weil sie gerade im Trend sind. Wenn alles zu durchgestylt ist, verliert es schnell an Wärme. Am schwierigsten ist es wahrscheinlich, sich davon zu lösen, alles „richtig“ machen zu wollen. Gerade wenn man sich traut, ein bisschen anders zu sein und nicht alles zu kopieren, entsteht ein Raum, der wirklich nach einem selbst aussieht.
„Jedes Zuhause hat seine eigene Identität und eine unverwechselbare gestalterische Handschrift.“
Wie verbinden Sie Ästhetik mit Alltagstauglichkeit?
Ich denke, dass sich Ästhetik und Alltagstauglichkeit nicht ausschließen. Im Gegenteil. Ein schöner Raum bringt wenig, wenn man sich darin nicht wohlfühlt oder er im Alltag unpraktisch ist. Gleichzeitig wirkt ein rein funktionaler Raum oft schnell kalt oder unpersönlich. Für mich heißt das: Dinge sollten nicht nur gut aussehen, sondern auch wirklich genutzt werden können. Gute Gestaltung entsteht genau dort, wo man beides zusammen denkt, sodass ein Raum den Alltag erleichtert und zugleich eine angenehme Atmosphäre bietet, in der man gern lebt.

Fotos © Sergiu Andrés, privat
Gibt es bei Belle & George bereits ein Möbelstück, das Ihre Handschrift besonders gut widerspiegelt?
Ja, unsere eigens entworfene Kollektion „Antibes“ ist das Möbelstück, das unsere Handschrift am besten widerspiegelt. Es ist für uns wirklich ein Herzensprojekt. Ich habe es selbst entworfen, und mir war dabei besonders wichtig, Design und Nachhaltigkeit miteinander zu verbinden. Die Form sollte weich wirken, mit abgerundeten Kanten, zugleich aber skulptural und präsent sein. Außerdem war mir die Materialwahl zentral: nur ehrliche, rohe Materialien. Massivholz in Kombination mit Naturstein. Diese Mischung macht den Tisch für mich besonders authentisch und zeitlos.
Das Servitenviertel im 9. Bezirk, wo auch die Maison Belle & George liegt, hat seinen ganz besonderen Grätzel-Charme und ist eine „Stadt in der Stadt“. Welche Adressen sind besonders empfehlenswert?
Das Servitenviertel ist sowieso ein echtes Grätzel zum Verlieben, perfekt zum Spazieren, Kaffee trinken und einfach treiben lassen. Besonders schön ist der Platz vor der Servitenkirche. Im Sommer sitzen dort Leute draußen; es ist lebendig, trotzdem entspannt und sehr lokal. Ein paar Schritte weiter ist man direkt am Donaukanal, was einen starken Kontrast bildet. Perfekt für einen kurzen Spaziergang zwischendurch mit unseren zwei Kindern. In der Porzellangasse gibt es außerdem einen sehr guten Thai: die Kantine Thai. Nicht fancy, aber genau das macht es so authentisch. Und dann gibt es noch diesen etwas überraschenden Spot: die Bar Palm Beach. Komplett anders als der Rest der Gegend: ein bisschen schräg und lustig – genau das macht sie aus. Zum Mittagessen ist auch Sentepe ein fixer Klassiker. Türkische Gerichte, sehr unkompliziert, familiär, von Vater und Tochter betrieben.
Welche Rolle spielt Langlebigkeit für Sie beim Wohnen: ästhetisch, handwerklich und ökologisch?
Ich habe früher diesen Satz „Wer billig kauft, kauft zweimal“ ehrlich gesagt gehasst. Inzwischen hat er sich bei mir aber ziemlich oft bestätigt. Gerade im Möbelbereich sieht man leider, dass vieles nur noch darauf ausgelegt ist, kurzfristig gut auszusehen. Hauptsache, es wirkt im ersten Moment schön. Aber die Substanz fehlt oft komplett. Vieles ist so gebaut, dass es gar nicht mehr wirklich Jahrzehnte übersteht. Und genau das finde ich eigentlich schade. Früher waren Möbel oft über viele Jahre hinweg richtige Begleiter, heute sind sie eher etwas Austauschbares geworden. Deshalb war unser Vorhaben mit Belle & George für uns auch so wichtig: wirklich auf Qualität zu setzen, auf echte, wahre Materialien und auf eine Verarbeitung, die bleibt.