Gemeinsam vereint: Wie Frauen die Oper zum Singen brachten
In Wien ist mit MADITA in wenigen Jahren mehr als nur ein Verein entstanden. Die Initiative, die 2023 mit dem kleineren Format „Circle of Joy“ begann, verbindet Female Empowerment, Bildungsarbeit und soziale Projekte mit einem sehr konkreten Anspruch: Mädchen und Frauen zu stärken und Solidarität nicht nur zu besprechen, sondern auch sichtbar zu machen. RISE! wurde zum öffentlichen Ausdruck dieser Idee – zunächst in kleinerem Rahmen, dann immer größer, bis am 8. März 2026 schließlich 2.000 Frauen in der Wiener Staatsoper zusammenkamen. Ein Event, das nicht nur live übertragen wurde, sondern auch viele Teilnehmer:innen tief berührte.
Das #jungbleiben-Magazin hat mit den Gründerinnen von MADITA, Regine Eitelbös und Yvonne Poul, über das Event gesprochen und darüber, was es braucht, um Frauen und Mädchen zu unterstützen. Denn wie sie im Interview erzählen, ist „Gleichstellung kein Frauenthema“, wie sie sagen, „sondern eine gesellschaftliche Aufgabe“.
Wie ist die Idee zu MADITA entstanden und welcher persönliche Impuls stand am Anfang der Initiative?
Bevor es MADITA gab, gab es den ‘Circle of Joy’. Die Vorgängerin von RISE!, die wir erstmal im März 2023 durchgeführt haben. Die Initialzündung dafür war ein Teamevent mit Rachelle Jeanty, mit der wir gemeinsam gesungen haben. Das Gefühl danach war: Alles ist möglich. Ein echtes Gemeinschaftsgefühl entstand. Genau das wollten wir an so viele Frauen wie möglich weitergeben und es gleichzeitig mit einem sozialen Anliegen verbinden. Frauen zusammenbringen – und für jene aufstehen, die keine Stimme haben oder sie nicht erheben können. Ein paar Monate nach dem ersten ‘Circle of Joy’-Event ist daraus der gemeinnützige Verein MADITA entstanden. Unsere Überzeugung ist: Mit Privileg kommt Verantwortung. Dazu sollen Mädchen und Frauen in ihrem Sein bestärkt werden. Das ist unser Antrieb und das verfolgen wir auf drei unterschiedlichen Ebenen: über das Event RISE! am Weltfrauentag, über unsere Bildungs- und Sozialprojekte wie Mutmacher:innen-Workshops und Stärken-Workshops in Schulen sowie über MADITA4Business in Unternehmen.

Fotos © Julia Oberhauser, Petra Rautenstrauch
RISE! war ein sehr bewegendes Event in der Wiener Staatsoper. Was sollte das Publikum mit nach Hause nehmen?
Es ist kein „Was sollten sie mitnehmen“, sondern: Wir sehen sehr klar, was sie mitnehmen. Frauen sagen uns, dass sie sich selten so lebendig gefühlt haben. So bestärkt. So verbunden. So berührt. Und dass dieses Gefühl bleibt – oft noch Wochen später. Was uns besonders freut: Es bleibt nicht beim Gefühl. Es entsteht Wirkung. Denn: Stimme ist Klang – und sie ist Haltung. Frauen tragen dieses #miteinanderfüreinander weiter – in ihre Arbeit, in ihre Familien und in neue Initiativen. Da werden plötzlich Projekte gestartet, Dinge umgesetzt, andere Frauen mitgenommen. Diese kleinen Ripple-Effekte sind für uns das Schönste.
„… wir glauben nicht, dass Veränderung nur durch Forderungen entsteht. Sondern auch über Vorleben.“
Yvonne Poul und Regine Eitelbös, Gründerinnen von MADITA
Was hat Sie an den Reaktionen besonders berührt oder überrascht?
Ganz ehrlich: Die Nachfrage nach den Schals, die die Künstlerin Johanna Lakner entworfen hat, hat uns überrascht. Damit haben wir nicht gerechnet. Die Schals sind von den Fanschals in den Fußballstadien inspiriert. Genau deshalb wurden sie so von Johanna konzipiert, um dieses sehr männlich geprägte Symbol umzudeuten und es für unsere Botschaft zu nutzen: WOMEN UNITED. Was uns aber wirklich berührt: dass Frauen, die schon zum vierten oder fünften Mal dabei sind, immer noch genauso tief eintauchen und berührt werden. Viele sagen uns, dass die Musik von Rachelle etwas in ihnen auslöst, das sie so noch nie erlebt haben. Und dass dieses Gefühl, das da in der Staatsoper entstanden ist, selbst über die Live-Übertragung und den Fernseher spürbar war – das hat uns überrascht und sehr gefreut.

Erst war es “Circle of Joy” im Gartenbau-Kino, dann 2026 die ausverkaufte Staatsoper (der Erlös ging an gemeinnützige Projekte). | Fotos © Theresia Kaufmann, Petra Rautenstrauch
Welche Herausforderungen gab es auf dem Weg?
Die größte Herausforderung war ganz am Anfang – beim ersten ‘Circle of Joy’. Wie erklärt man ein Event, das man nicht erklären kann? Das von einem Gefühl lebt und nicht von Bildern oder Zahlen? 2023 waren wir 80 Frauen und unglaublich stolz. Bis 2025 war alles sehr persönlich, fast familiär. Im Gartenbaukino mit 736 Frauen war klar: Jetzt verändert sich etwas. Und mit der Wiener Staatsoper wurde es dann wirklich mutig. Wir wussten lange nicht, ob es finanziell aufgeht. Ob wir genug Partner:innen an Bord holen können. Wir sind überzeugt von unserem Konzept – aber gerade in der aktuellen wirtschaftlichen Lage ist es nicht selbstverständlich, Partner:innen zu finden, die sich zu diesen Themen committen. Umso dankbarer sind wir für jene Partner:innen, die genau hier Verantwortung übernehmen und gemeinsam mit uns zeigen: Diese Themen gehören auf die Bühne und in die Mitte der Gesellschaft. Gleichzeitig mussten wir lernen, Verantwortung abzugeben. Ein größeres Team bedeutet auch: nicht mehr alles selbst machen, nicht mehr alles selbst entscheiden. Das war ungewohnt. Aber notwendig, um in diese Größe und Bedeutung – nach wie vor ehrenamtlich – hineinzuwachsen. Und wir sind den vielen Menschen sehr dankbar, allen voran Christina Kaiser und Christine Klimaschka von voices, mit denen wir hier gemeinsam geschaffen und kreiert haben.
Warum ist es wichtig, Engagement, Sichtbarkeit und Unterstützung zusammenzudenken?
Weil wir überzeugt sind: Mit Privileg kommt Verantwortung. Und weil Gleichstellung noch lange nicht dort ist, wo sie sein sollte – weder in Österreich noch irgendwo sonst auf der Welt. Wir kennen die Zahlen: zu wenige Frauen in Führungspositionen, zu viele strukturelle Hürden, zu große Gender-Pay-Gaps. Und gleichzeitig erleben wir immer noch erschreckend viel Gewalt gegen Frauen – bis hin zu Femiziden. Aber wir glauben nicht, dass Veränderung nur durch Forderungen entsteht. Sondern auch über Vorleben. Wenn Frauen sehen, was möglich ist, wenn sie sich verbinden und einander stärken, entsteht Bewegung. Und das gelingt natürlich vor allem im Miteinander. Wie bei Kindern: Nicht das, was wir sagen, wirkt, sondern das, was wir tun.
„Probleme werden einzelnen Frauen zugeschrieben, statt die Systeme dahinter anzuschauen.“
Yvonne Poul und Regine Eitelbös, Gründerinnen von MADITA

Oben: Die Macherinnen hinter MADITA. Unten: Schirmherrin Doris Schmidauer mit MADITA-Gründerinnen Yvonne Poul und Regine Eitelbös, Musikerinnen Christina Stürmer, Rachelle Jeanty und Lidia Baich. | Fotos © Kenzigrafie, Katharina Schiffl
Wo liegt aktuell der größte Handlungsbedarf?
Es geht nicht darum, Frauen „stärker zu machen“. Sie sind es bereits. Worum es wirklich geht: dass Frauen ihre Stärken auch leben können – und dass es Strukturen gibt, die das ermöglichen. Ein großes Problem ist aus unserer Sicht, dass strukturelle Ungleichheiten nach wie vor relativiert oder individualisiert werden. Über alle Bildungsschichten hinweg wird Gleichstellung oft als „eh schon erledigt“ dargestellt – oder Probleme werden einzelnen Frauen zugeschrieben, statt die Systeme dahinter anzuschauen. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass auch Männer diese Themen ernst nehmen und Verantwortung mittragen. Gleichstellung ist kein Frauenthema; es ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Und gleichzeitig braucht es Räume, in denen Frauen sich verbinden, voneinander lernen und sich gegenseitig stärken. Eine verlässliche Community kann unglaublich viel bewegen. Genau daran arbeiten wir mit MADITA.
Welche Vision gibt es für die Zukunft von MADITA?
Wir gehen weiter für echtes #miteinanderfüreinander – und entwickeln MADITA kontinuierlich weiter. Dass wir in nur drei Jahren so viele Frauen erreichen konnten, hätten wir selbst nicht gedacht. Umso mehr zeigt es uns, wie groß der Bedarf ist. Wenn es uns gelingt, dieses Gefühl von Verbindung weiterzutragen und gleichzeitig konkrete Wirkung zu schaffen – sowohl bei den einzelnen Mädchen und Frauen durch unsere Projekte als auch durch Events wie RISE! und die Spendeneinnahmen, die wiederum Mädchen und Frauen in Notlagen zugutekommen –, dann ist das genau der Weg, den wir gehen wollen. Als wirtschaftlich erfolgreiche Unternehmerinnen sehen wir es zudem als Teil unserer Verantwortung, ein Vorbild zu sein: zu zeigen, dass wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftliches Engagement kein Widerspruch sind. Im Gegenteil. Wenn Ressourcen und Know-how gezielt in gemeinnützige Initiativen fließen, stärken sie Frauen in ihrer Persönlichkeit und Professionalität und entfalten langfristig auch eine positive gesellschaftliche und wirtschaftliche Wirkung.