Reise zur Sonne: 6 Winterreise-Destinationen
Der Winter in Europa ist lang. Und grau. Irgendwann, meist zwischen Jänner und Februar, reicht selbst der schönste Wollmantel nicht mehr als Trost. Dann entsteht dieser leise Wunsch: Kurz raus. Nicht weg, nicht für immer – nur so lange, bis die Sonne wieder eine Erinnerung ist, die man fühlen kann. Auf zur Winterreise! Denn wenn selbst der dritte Kaffee am Morgen nicht mehr hilft, stellt sich diese Frage: Muss es wirklich bis April dauern? Die Antwort liegt oft näher, als man denkt. Orte, die im Sommer brütend heiß sind, werden im Winter auf ganz andere Weise erlebbar und zeigen eine neue Facette ihrer Schönheit. Genau hier beginnt die Kunst der Winterreise, denn wer remote arbeiten kann, der klappt seinen Laptop neben Orangenbäumen und in kleinen Straßencafés auf.
Wer einmal im Jänner die Sonne gesehen hat, trägt sie länger mit sich. Und übersteht den europäischen Winter nicht nur besser, sondern auch gelassener.
1. Andalusien – das langsame Spanien
Abseits der großen Städte zeigt Andalusien im Winter seine vielleicht schönste Seite. Weiße Dörfer, weite Landschaften, Olivenhaine, die sich bis zum Horizont ziehen. Die Tage sind klar, die Abende kühl, die Stimmung ruhig. Hier geht es weniger ums Sehen als ums Sein. Andalusien im Winter ist kein Ziel für Eile – sondern für Menschen, die wieder ein Gefühl für Zeit entwickeln wollen. Für alle, die einen Wanderrucksack und -schuhe besitzen, können diese gleich mit in den Koffer mitreisen. Andalusien ist ein Land, das sich durch ausgedehnte Wanderrouten und lange Spaziergänge erkunden lässt. Und wer es doch urbaner mag, kann in Valencia Station machen. Eine Station mit Geschichte und Tradition, die einzigartig ist.

2. Datça – das ruhige Juwel der türkischen Küste
Datça ist kein Ort, den man „macht“. Datça ist ein Ort, den man aushält – im besten Sinn. An der türkischen Ägäis gelegen, fernab großer Resorts und des Durchgangsverkehrs, wirkt die Halbinsel im Winter beinahe kontemplativ. Genau deshalb eignet sie sich so gut für eine Solo-Reise. Die Tage beginnen langsam. Morgens ein Kaffee am Hafen, Fischerboote, die kommen und gehen und sich beobachten lassen, wie sie den Hafen verlassen. Datça erlaubt Alleinsein ohne Einsamkeit. Man ist für sich – und doch eingebettet in einen Rhythmus.

Im Winter ist Datça auf das Wesentliche reduziert: Sonne ohne Hitze, leere Buchten, Spaziergänge entlang der Küste, bei denen der Blick weitergeht als der Gedanke. Wer arbeitet, findet hier Konzentration ohne Druck. Wer nicht arbeitet, findet Struktur ohne Verpflichtung.
3. Gozo – die kleine Schwester Maltas
Gozo ist leise, weil es alt ist. Sehr alt. Die Geschichte der Insel beginnt lange vor jeder Vorstellung von Europa, von Nationen oder von Tourismus. Bereits um 5000 v. Chr. war Gozo besiedelt – und mit den Ġgantija-Tempeln verfügt die Insel über eine der ältesten freistehenden Steinarchitekturen der Welt, älter als Stonehenge oder die Pyramiden von Gizeh. Schon hier zeigt sich ein Grundmotiv Gozos: die Beständigkeit.

Gozo im Winter ist leise. Die kleine Schwester Maltas verzichtet auf schrille Touristenattraktionen und gewinnt dadurch an Tiefe. Die Küste wirkt rauer, die Dörfer wirken wie aus der Zeit gefallen. Hier geht es nicht um Abwechslung, sondern um Wiederholung, die schließlich Entspannung bietet. Ideal für Workcation-Tage, an denen Konzentration wichtiger ist als Inspiration – und Letztere sich trotzdem einstellt. Gozo zwingt niemanden zu etwas. Und genau das macht die Insel so erholsam.
4. Sizilien – Eine Insel ohne Eile
Der Winter nimmt Sizilien die Instagram-Crowd und verleiht der Insel Tiefe. Städte wirken weniger wie Kulissen, vielmehr wie echte Lebensräume. Küstenstraßen sind leer, das Meer präsent, aber zurückhaltend. In den Orangenhainen beginnt die Ernte, deren Früchte jetzt ihren Weg in die ganze Welt finden. Und in den Cafés bekommt man wieder Platz – nicht nur einen Tisch, sondern auch Zeit.

Der Morgen in Sizilien beginnt mit dem traditionellen Briochebrot.
Kulinarisch ist der Winter die leisere, bessere Saison. Zitrusfrüchte prägen die Küche; vieles folgt dem Rhythmus der Jahreszeit, ganz selbstverständlich. Man isst saisonal, ohne es so zu nennen. Essen wird nicht inszeniert, sondern geteilt – mittags länger, abends einfacher, immer mit Raum für Gespräche. Sizilien im Winter verspricht keine Veränderung, sondern Ruhe. Es geht nicht darum, neu anzukommen, sondern anzudocken. Man kennt dieses Licht, diese Farben, diese Gesten – und genau darin liegt die Wirkung. Vielleicht bleibt man deshalb länger als geplant. Oder kommt zumindest wieder.

