Arang Choi
Fotos © Arang Choi & Brynley Odu Davies

Studio Visit: Arang Choi

In ihren Bildwelten treffen surrealistische Traumlandschaften auf eine mikroskopische Beobachtung der Natur: Arang Choi (*1992 in Korea) erschafft mit ihrer Malerei ein fantastisches Universum, bevölkert von anthropomorphen Wesen, die ihren eigenen Gesetzen folgen. Die Gemälde entstehen im lichtdurchfluteten Wiener Atelier, versteckt im obersten Stockwerk eines ruhigen Altbaus. Wir haben sie dort besucht und mit der Malerin über ihren Schaffensprozess, kunsthistorische Inspirationen und das Interesse an der Botanik gesprochen.

„Durch die Augen kann ich alles ausdrücken.“  – Arang Choi

 

Arang Choi

Fotos © Dirk Tacke

 

 

 

 

Du stammst ursprünglich aus Südkorea, hast in Wien und Düsseldorf Malerei studiert. Wie bist du zur Kunst gekommen?

Schon als Kind hat mich meine Mutter, die selbst Gedichte schreibt und auch für mich künstlerische Ausdrucksweisen gesucht hat, zu einem Maler gebracht, bei dem ich gelernt habe. An der Universität habe ich Design studiert, aber schnell gemerkt, dass ich in die freie Kunst zurückmöchte. Also bin ich allein nach Berlin gezogen, habe Sprachkurse besucht und mich auf die Akademie vorbereitet – im Nachhinein betrachtet sehr mutig. Als ich für die Aufnahmeprüfung an die Akademie der bildenden Künste Wien kam, war mir sofort klar: Hier muss ich hin!

 

Wie haben dich diese verschiedenen künstlerischen Traditionen geprägt?

Jedes Land, jede Stadt und jeder Mensch haben Spuren in meiner Kunst hinterlassen. Es ist für mich jedoch schwer, diese Orte voneinander zu trennen, da ich durch all meine Erfahrungen zu dem Menschen geworden bin, der ich heute bin. Grundsätzlich definiere ich mich nicht über meine Nationalität, sondern lasse lieber meine Kunst für sich sprechen. In erster Linie sehe ich mich als Malerin, nicht als südkoreanische Künstlerin.

Deine traumhaften Welten werden von anthropomorphen Wesen, in denen Mensch, Tier und Botanik miteinander verwoben sind, bevölkert. Wie entstanden diese Figuren?

Tatsächlich habe ich nie ein besonders großes Interesse an den Menschen gehabt. Die Natur fasziniert mich viel mehr. Ich habe schon immer fantasievoll gemalt, aber diese Figuren haben sich erst während der Pandemie entwickelt. Die Akademie war geschlossen, malen konnte ich zu Hause nicht, also habe ich meine Pflanzen gezeichnet. Aus der Beschäftigung mit den Blumen ist dann mein Wesen „Émulb“ entstanden – „Blume“ rückwärts gesprochen. Dieses Wesen begleitet mich nun seit einige n Jahren und ist zum Zentrum meiner Fantasiewelten geworden. Es tau0c ht in unterschiedlichen Erscheinungsformen in meiner Malerei auf.

 

Arang Choi

Fotos © Arang Choi

 

Émulb zeichnet sich durch einen durchdringenden Blick aus. Warum die Fokussierung auf die Augen?

Mit den Augen kann ich alles ausdrücken. Für mich sind sie viel wichtiger als beispielsweise der Mund oder die Nase. Durch die Augen kann man indirekt sprechen, Emotionen zeigen, mit anderen kommunizieren. Durch die Reduktion auf das Wesentliche kann ich die Seele meiner Wesen erfahrbar machen.

Steckt hinter diesem Gedanken auch eine Vorstellung von Animismus?

Ja, bestimmt. Ich bin kein gläubiger Mensch, finde aber die Religionen und ihre Geschichte sehr interessant. Im Buddhismus ist jedes Wesen gleich viel wert und im Animismus geht es darum, dass auch Pflanzen eine Seele haben. Eine Vorstellung, die mir sehr entspricht. Aus diesem Gedanken heraus erschaffe ich meine Bilder.

 

Arang Choi

Foto © Dirk Tacke

 

Würdest du dich in der surrealistischen Tradition verorten?

Ich sehe mich nicht als surrealistische Malerin. Meistens male ich Reales, das ich mikroskopisch aus der Nähe betrachte. Zum Beispiel interessieren mich die Stempel der Blumen, die je nach Blumenart ganz anders aussehen. Diese Details aus der Botanik greife ich in meinen Gemälden auf. Für viele Menschen wirken diese Formen surreal, weil sie die Welt gar nicht so genau beobachten. Es gibt so unglaublich viele Welten in unserer Welt, die auf den ersten Blick nicht sofort sichtbar sind.

Kannst du deinen künstlerischen Prozess genauer beschreiben?

Ich bin fast jeden Tag im Atelier, um zu malen. Aber auch alltägliche Tätigkeiten inspirieren meine Malerei: Ich gehe gerne in der Natur spazieren, dokumentiere Details, sammle und studiere Bücher über Botanik, auch aufgrund der schönen Illustrationen.

Deine Gemälde sind großformatig und komplex. Arbeitest du mit Vorskizzen?

Ich fertige keine Vorskizzen für ein Gemälde an, sondern ich skizziere ständig. Es ist für mich eine Möglichkeit, meine Inspirationen festzuhalten und meine Ideen zu sortieren. Daraus entstand über die Zeit mein eigenes Archiv an Motiven, die sich oft erst Jahre später in meiner Malerei wiederfinden.

 

Arang Choi

Fotos © Brynley Odu Davies

 

Auffallend an deiner Malerei sind die intensiven Farben, von denen du dich in letzter Zeit auch abgewandt hast. Wie kam es dazu?

Ich habe Farben schon immer geliebt: sie zu mischen, verschiedene Töne zu finden. Vor einiger Zeit war ich im Rijksmuseum in Amsterdam. Dort hat mich eine Trompe-l’œil-Malerei von Gerard de Lairesse total fasziniert. In meiner Ausstellung in Salzburg letzten Sommer (2025) habe ich mich von dieser Grisaille-Technik inspirieren lassen und mir die Aufgabe gestellt, eine reduzierte Farbpalette zu nutzen.

 

Arang Choi

Foto © Brynley Odu Davies

 

 

Hast du sonst Inspirationen aus der Kunstgeschichte?

Technisch hat mich die Barock- oder Renaissancemalerei immer sehr interessiert, doch sie hat mich inhaltlich nie abgeholt, da die christlichen und aristokratischen Motive nicht meinem kulturellen Hintergrund entsprachen. Von der surrealen Malerei habe ich mich immer verstanden gefühlt. Eine meiner Inspirationen ist Leonora Carrington.

Von Vergangenem zu Gegenwärtigem und Zukünftigem: Was bedeutet #jungbleiben für dich?

Ehrlich gesagt denke ich wenig darüber nach. Zeit hat für mich etwas Ungreifbares – man kann von ihr lesen und hören, sie aber nicht sehen und nie ganz fassen. Zudem ist Zeit relativ – in Südkorea oder z.B. auch im Iran gibt es andere Zeitrechnungen. Was mich daran fasziniert, ist das Unbestimmte, das Melancholische, dieser Zwischenraum, der sich nicht in Worte fassen lässt. Nichts ist festgelegt, alles ist möglich, alles bewegt – womöglich bedeutet das für mich jung zu bleiben!

 

Arang Choi

Fotos © Bastian Schwind & Arang Choi

 

Text: Emilia Webhofer

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