Jaimy Reisinger
Fotos: © Thomas Klier

Jaimy Reisinger im #jungbleiben Portrait

Eigentlich wollte Jaimy Reisinger Tätowiererin werden. Über die Grafik landete sie schließlich in der Pâtisserie und dort blieb es nicht. Für die gebürtige Steirerin, aufgewachsen in der Küche von Omas Wirtshaus, ist ein Dessert nie nur süß, sondern ein Medium: etwas, das alle Sinne anspricht, Erinnerungen weckt und Menschen berührt, ohne dass ein einziges Wort fällt. Reisinger hinterfragt lieber, als dass sie Erwartungen erfüllt und stellt mit ihrem Kuliktiv den Austausch über die Konkurrenz. 

 

Jaimy Reisinger

Fotos: © Thomas Klier, Cliff Kapatais

 

Wie würdest du dich in fünf Worten beschreiben?
Kreativ, Neugierig, Hartnäckig, Feinfühlig, Visionär.

Du wolltest ursprünglich Tätowiererin werden, hast Grafik gelernt und bist dann in der Pâtisserie gelandet. Wann hast du gemerkt: Das hier ist mein Weg?
Ich glaube, ich bin ein Mensch, der nie ankommt. Ehrlich gesagt bis heute nicht. Nach der Grafikschule kam die Konditorlehre. Danach dachte ich schon: Das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Der Gewinn des Falstaff Young Talents Cups führte mich in die Spitzengastronomie, später entdeckte ich dort die pikante Küche und merkte, wie sehr mich kreatives, interdisziplinäres Arbeiten begeistert.
Ich glaube deshalb gar nicht an den einen Weg. Ich hinterfrage ständig Regeln, Strukturen und auch mich selbst. Pâtisserie war für mich nie die Endstation, sondern ein Handwerk, das mir Türen geöffnet hat. Mein Weg verändert sich ständig mit mir, und ich hoffe ehrlich gesagt, dass das auch so bleibt. Pâtisserie war nie das Ziel. Sie war der Anfang.

„Erfolg zeigt dir, was du gut kannst. Reibung zeigt dir, wer du bist.”

Du sprichst oft von Pâtisserie als Ausdrucksform. Was kannst du über ein Dessert sagen, was du mit Worten vielleicht gar nicht so leicht erzählen würdest?
Mit kaum einem Medium erreicht man so viele Sinne wie mit Essen. In der Kunstschule habe ich gelernt, wie Kunst Gefühle in Menschen auslösen kann. Das Spannende am Essen ist, dass es noch weiter geht. Ein Bild spricht in erster Linie das Auge an – ein Gericht kann riechen, schmecken, sich unterschiedlich anfühlen, Geräusche machen und dadurch Erinnerungen wecken.
Geschmack ist unglaublich eng mit Emotionen verknüpft. Jeder kennt diesen einen Geruch oder ein Gericht, das einen für einen kurzen Moment wieder an den Küchentisch der Großmutter oder in die eigene Kindheit zurückversetzt. Genau das fasziniert mich. Essen kann Geschichten erzählen, Erinnerungen hervorrufen und Menschen berühren, ohne dass ein einziges Wort gesprochen wird.

Jaimy Reisinger

Fotos: © Thomas Klier, Cliff Kapatais

Ich habe mich immer als Künstlerin gesehen. Gleichzeitig fällt es mir oft schwer, über eigene Erlebnisse oder Gefühle zu sprechen. Ein Gericht oder ein Dining Event gibt mir die Möglichkeit, genau diese Erfahrungen in ein anderes Medium zu übersetzen. Ich arbeite deshalb gerne mit Gerüchen, mit Erinnerungen oder erzähle meine Menüs in Form von Gedichten, die oft auf eigenen Erlebnissen basieren. Ich möchte Menschen nicht einfach nur satt machen. Ich möchte sie berühren, zum Nachdenken bringen und zeigen, dass Essen so viel mehr sein kann als reine Nahrungsaufnahme.

Wenn du auf deine Kindheit in der Steiermark zurückschaust – gibt es einen Geruch, eine Süßspeise oder einen Moment in der Küche, der bis heute in dir geblieben ist?
Definitiv der Duft von frisch gebackenem Kuchen und Germteig. Meine Oma hatte ein Wirtshaus und ich bin dort eigentlich in der Küche aufgewachsen. Ich stand immer neben meiner Oma oder meiner Tante, habe ihnen zugeschaut und natürlich ständig rohen Teig genascht, wofür ich jedes Mal geschimpft bekommen habe. Das Lustige ist: Ich mache das bis heute noch. Und jedes Mal muss ich dabei an meine Kindheit denken.
Ich glaube, genau dort hat alles angefangen. Nicht wegen der Rezepte oder weil ich unbedingt backen wollte, sondern weil ich erlebt habe, was Essen mit Menschen macht. Es bringt Menschen zusammen. Es schafft Erinnerungen. Und genau das fasziniert mich bis heute.

Jaimy Reisinger

Fotos: © Thomas Klier, Cliff Kapatais

Deine Kreationen verschieben oft die Vorstellung davon, was ein Dessert sein kann. Was reizt dich daran, Erwartungen nicht einfach zu erfüllen, sondern sie bewusst zu irritieren?
Ich war schon immer wahnsinnig schlecht darin, Autoritäten einfach zu glauben. Das war in der Schule so und ist heute nicht anders. „Das macht man halt so” war für mich noch nie eine zufriedenstellende Antwort. Ich habe ständig alles hinterfragt und bin Lehrern mit meinem „Warum?” wahrscheinlich regelmäßig auf die Nerven gegangen. Aber nicht, weil ich provozieren wollte. Mich hat einfach nie interessiert, dass etwas so gemacht wird, sondern warum. Und wenn mich die Antwort nicht überzeugt hat, habe ich weiter gefragt.
Das hat sich bis heute nicht geändert. Ich glaube, Kreativität lebt von Freiheit. Wenn ich mich nur daran orientiere, wie etwas schon immer gemacht wurde, entsteht nichts Neues. Deshalb reizt mich genau dieser Moment, in dem jemand denkt zu wissen, was jetzt kommt, und dann passiert etwas völlig anderes.
Mich interessiert nicht, Erwartungen zu erfüllen. Mich interessiert, sie zu hinterfragen. Warum muss ein Dessert immer süß sein? Warum müssen wir uns überhaupt in Vorspeise, Hauptgang und Dessert einteilen? Wer hat entschieden, dass das die einzige richtige Art ist, Essen zu denken?
Ich glaube, genau das ist die Aufgabe von Kunst: Gewohntes zu hinterfragen. Durchschnittliches vergisst man. Über Dinge, die einen überraschen oder kurz irritieren, spricht man noch Jahre später.

„Pâtisserie war nie das Ziel. Sie war der Anfang.”

Du wirkst sehr klar in deinem Stil, sprichst aber auch offen über Selbstkritik. Wie hast du gelernt, deiner eigenen Handschrift mehr zu vertrauen?
Ich glaube, die Antwort klingt viel einfacher, als sie tatsächlich ist: Als ich angefangen habe, mich selbst zu verstehen und zu akzeptieren.

Jaimy Reisinger

Fotos: © Thomas Klier, Cliff Kapatais

Man kann keinen authentischen Stil entwickeln, wenn man gar nicht weiß, wer man eigentlich ist. Für mich war das ein ziemlich langer Weg. Man muss sich nicht nur mit seinen Stärken beschäftigen, sondern auch mit seinen Fehlern, seinen Unsicherheiten und seinen Schattenseiten. Das ist oft der unbequemere Teil.
Ich bin bis heute unglaublich selbstkritisch. Aber ich sehe Selbstkritik mittlerweile nicht mehr als Gegner, sondern als Werkzeug. Solange sie mich besser macht und nicht davon abhält, Dinge umzusetzen, hat sie ihre Berechtigung.
Ich glaube, echter, authentischer kreativer Ausdruck beginnt genau dort, wo man aufhört, jemand anderes sein zu wollen. Und ich habe gelernt, dass Persönlichkeit am Ende viel spannender ist als Perfektion.

Du hast in unterschiedlichen Küchen gearbeitet, wurdest ausgezeichnet und gleichzeitig erlebt, wie hart die Branche sein kann. Was hat dich persönlich am meisten geprägt: der Erfolg oder die Reibung?
Definitiv die Reibung. Erfolg zeigt dir, was du gut kannst. Reibung zeigt dir, wer du bist.
Ich glaube, Persönlichkeit entsteht nicht dann, wenn alles gut läuft, sondern dann, wenn es unbequem wird. Genau in diesen Momenten lernt man, wie man mit Druck umgeht, was man aushält und wofür man wirklich einsteht. Man entdeckt nicht nur seine Stärken, sondern auch seine Grenzen, und genau daran wächst man. Erfolg kann einem dieses Wachstum nicht geben.
Natürlich bedeuten mir Auszeichnungen unglaublich viel und ich bin sehr dankbar dafür. Aber ich glaube auch, dass sie gefährlich sein können, wenn man anfängt, sich darauf auszuruhen oder den eigenen Wert davon abhängig zu machen. Für mich waren sie deshalb nie eine Endstation, sondern eher eine Bestätigung, dass ich auf dem richtigen Weg bin.
Ich habe bisher tatsächlich bei jeder einzelnen Preisverleihung geweint. Nicht wegen der Trophäe, sondern weil in diesen Momenten all die Phasen hochkommen, in denen ich an mir selbst gezweifelt habe und kurz davor war, alles hinzuschmeißen. Deshalb bedeuten mir diese Auszeichnungen so viel. Sie erinnern mich daran, dass sich Durchhalten manchmal lohnt.

Jaimy Reisinger

Fotos: © Thomas Klier, Cliff Kapatais

Mit Kuliktiv setzt du auf Austausch statt Konkurrenz. Warum ist dir dieses Miteinander gerade in der Gastronomie so wichtig?
Die Branche ist leider sehr von Konkurrenzdenken geprägt. Das habe ich ehrlich gesagt nie verstanden. Ich bin überzeugt, dass wir alle weiterkommen, wenn wir unser Wissen teilen, statt es zu verstecken. Gute Ideen werden nicht kleiner, wenn man sie weitergibt – sie werden größer.
Ich glaube, Konkurrenz entsteht oft aus Unsicherheit. Wenn ich weiß, was ich kann und selbstbewusst meinen eigenen Weg gehe, muss ich niemanden klein machen oder Angst haben, dass mir jemand etwas wegnimmt. Im Gegenteil: Ich kann mich für andere freuen und von ihnen lernen. Dann kann ich Wissen teilen, andere unterstützen und mich trotzdem weiterentwickeln.
Genau dafür steht das Kuliktiv. Für Austausch statt Ellenbogen. Für gegenseitige Inspiration statt Konkurrenz. Denn am Ende profitieren wir alle davon, wenn wir uns gegenseitig unterstützen.

„Gute Ideen werden nicht kleiner, wenn man sie weitergibt – sie werden größer.”

Du gibst Wissen bewusst weiter und unterrichtest auch. Was möchtest du jungen Menschen nicht nur fachlich, sondern auch menschlich mitgeben?
Ich wünsche mir, dass junge Menschen neugierig bleiben und nie aufhören zu lernen. Die kreative Freiheit, die viele in unserem Beruf so bewundern, fällt einem nicht einfach zu. Man muss sie sich hart erarbeiten. Am Anfang heißt es vor allem: zuhören, Fragen stellen, beobachten und üben. Mehr Fragen als reden.
Genauso wichtig finde ich aber, dass niemand glaubt, psychische Erniedrigung wäre Teil einer guten Ausbildung. Harte Arbeit gehört zu unserem Beruf, respektloser Umgang nicht. Gute Führung kann streng sein, aber sie muss nicht laut werden oder Menschen klein machen. Wenn man in einem Betrieb ständig erniedrigt wird, ist es völlig in Ordnung, weiterzugehen. Kein Arbeitsplatz ist es wert, die eigene psychische Gesundheit dafür aufs Spiel zu setzen.
Und etwas, das mir persönlich unglaublich geholfen hat: lesen. Nicht nur Fachbücher, sondern auch Bücher über Persönlichkeitsentwicklung. Kochen lernt man in der Küche. Sich selbst kennenzulernen, passiert oft außerhalb davon. Ich glaube, beides ist wichtig, wenn man seinen eigenen Weg finden möchte.

Jaimy Reisinger

Fotos: © Thomas Klier, Cliff Kapatais

Wenn du heute der jüngeren Jaimy, die gerade erst loslegt, einen Satz sagen könntest – welcher wäre das?
Du musst niemand anderes werden, um erfolgreich zu sein. Vertraue darauf, dass genau deine Art, die Dinge zu sehen, einmal deine größte Stärke sein wird.

Was bedeutet #jungbleiben für dich?
Jungbleiben bedeutet für mich, neugierig zu bleiben. Sich Dinge zu trauen, Fragen zu stellen, Neues auszuprobieren und sich immer wieder begeistern zu können. Für mich hat das nichts mit dem Alter zu tun, sondern mit einer Haltung dem Leben gegenüber.

Und zum Schluss: Ohne, mild oder prickelnd?
Ohne. Ganz unspektakulär. 😄

 

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