Schluss mit Listen: Warum das Bauchgefühl mitreisen sollte
Eine Reise will natürlich geplant sein. Man will ja alles richtig machen. Also fragt man herum: nach Restaurants, Bars, Hotels, Vierteln, Museen, kleinen Plätzen, schönen Aussichten. Aus diesen Empfehlungen wird schnell ein eigenes Projekt. Man schaut durch, was gut aussieht, was eher nicht, speichert Links, setzt Sternchen, liest Bewertungen, und plötzlich gibt es neben der Reise noch eine zweite. Eine, die schon feststeht, bevor man überhaupt losfährt.

Foto © Carly Johnson
Irgendwann beginnt die Reise dann doch. Zumindest das, was von ihr übrig bleibt. In einem der Restaurants, die ich anhand der Bilder (!) auswählen musste, habe ich gerade noch einen Tisch bekommen. Die Speisekarte liegt vor mir, ist aber eigentlich nur noch Formsache, entschieden habe ich mich ja vorher schon.
Neben mir fotografiert jemand seine Vorspeise, während wir noch ein wenig warten müssen. Auf das Essen, aber natürlich auch auf die Bestätigung, dass es richtig war, hier zu sitzen und nicht woanders.
Alles richtig machen wollen. Und hoffen, dass einen das, was man vorher ausgewählt hat, jetzt bitte noch überrascht.

Foto © Carly Johnson
Und da kommt sie, serviert mit dem letzten Gang, einem Miso-Caramel-Brownie: die Bestätigung, alles richtig gemacht zu haben. Man hat verglichen, gespeichert, sich entschieden. Gegen andere Restaurants, gegen andere Küchen, gegen andere mögliche Versionen dieser Reise. Und jetzt sitzt man da und bekommt genau das, was man bestellt hat. 1:0 für die Liste!
Wäre es überteuert gewesen, das Essen schlecht oder der Service unfreundlich, hätte man wenigstens etwas gegen die Liste in der Hand gehabt. Das Problem ist nur: Man wird ja für die eigene Vorsicht belohnt, deshalb macht man ja immer weiter damit. Weil es sich am Ende eh meistens ausgeht. Wir müssen halt damit leben, dass wir uns vorher so viel davon erzählen lassen, bis der eigentliche Moment kaum noch eine Chance hat, größer zu werden als unsere Erwartung. Der Abend war schön, das Essen ausgezeichnet.
Es hat nur nicht mehr viel passieren können, weil am Ende trotzdem etwas fehlt, das jedes Essen, jede Begegnung, wahrscheinlich überhaupt jedes Erlebnis ein bisschen größer macht: der Überraschungseffekt.

Foto © Carly Johnson
Einen Freund zufällig auf der Straße zu treffen, wird immer aufregender sein, als wenn man sich verabredet. Obwohl es derselbe Freund ist. Genauso freut man sich, wenn der Lieblingssong im Radio läuft, obwohl man ihn jederzeit selbst abspielen könnte. Und aus demselben Grund führen auch Trailer von Filmen selten zu etwas Gutem. Meistens weiß man danach entweder zu viel oder erwartet das Falsche. Viel schöner ist es, in einen Film zu gehen, ohne etwas darüber zu wissen, und dann begegnet man plötzlich Scarlett Johansson und Bill Murray in Tokio, und man weiß nicht sofort, worauf das hinausläuft, also gibt man sich den beiden hin. Erst ein bisschen, dann immer mehr, und irgendwann verliebt man sich erst in sie, dann in ihn, dann in den Gedanken, einmal nach Tokio zu fliegen, dann in Tokio selbst und irgendwann, wenn es ganz um einen geschehen ist: in den ganzen Film.
Man nimmt sich ja nicht nur die Überraschung, wenn man alles vorher prüft. Man verliert auch ein bisschen das Vertrauen in sich selbst.
Nicht, weil wir zu wenig wissen, sondern weil wir jederzeit noch mehr wissen könnten. Und das ziehen wir dann oft dem eigenen Bauchgefühl vor. Bis es irgendwann aus unserem Leben verschwindet. Ganz nebenbei, ohne dass wir es mitbekommen.
Vielleicht muss man die Liste gar nicht abschaffen, um dieses Problem zu lösen. Vielleicht reicht es, sie ein bisschen weniger ernst zu nehmen. Ein paar Orte speichern, meinetwegen. Als Orientierung. Aber dann vor Ort nicht so tun, als hätte man einen Auftrag zu erfüllen. Eine Liste darf eine Liste bleiben, sie muss nicht gleich zur Urlaubsroute werden. Man könnte wieder öfter irgendwo hineinstolpern, etwas ausprobieren, ohne vorher alles darüber zu wissen. Das kann natürlich schiefgehen. Man zahlt zu viel, isst schlecht oder landet in einer Touri-Falle und ärgert sich dann kurz. Aber auch das ist eine Erfahrung, vielleicht nicht die schönste, aber eine, die zu einer Reise dazugehört. Nicht alles muss sich am Ende gelohnt haben.

Foto © Carly Johnson
Und vielleicht merkt man dann auch, dass Bauchgefühl nichts ist, was man hat, sondern etwas, das man benutzen muss.
Die gute Nachricht ist: Man kann sich im Leben vieles verfügbar machen, aber eben nicht das Gefühl, überrascht zu werden. Das wird immer etwas Besonderes bleiben.
Text: Stefan Kalvoda