Vibe Dining statt Fine Dining – Wie Berlin aktuell isst, feiert und gestaltet.

Berlin bleibt eine Stadt, in der ständig neue Restaurants eröffnen, Trends kommen und wieder verschwinden – und trotzdem geht es am Ende immer um dasselbe: gute Gastgeber:innnen, guteAtmosphäre und Menschen, die gerne zusammenkommen.

Kaum jemand beobachtet diese Entwicklung so aufmerksam wie Maria-Silva Villbrandt von Klub Maison. Mit ihr sprechen wir über die spannendsten Neueröffnungen, Sharing Plates, Design, Lieblingsbars, den Blick Richtung Osteuropa, die Frage ob Restaurants die neuen Clubs sind und ihren persönlichen Blick auf Wien.

Autor: Matthias Balgavy
Fotos: Jules Villbrandt

Bei Klub Maison läuft ja weit mehr als Newsletter und Insta – es wirkt auf mich wie Food Studio, Magazin, und Raum an dem Events, Design und Agentur zusammenkommen. Da geht viel. Mit welcher Idee hast du und deine Schwester Julia Klub Maison gegründet?

Zum Spaß sage ich immer, wir sind wie ein Trojanisches Pferd voller verschiedener Ideen, Projekte und Talente. Meine Schwester Jules hat vor über 15 Jahren einen Stand im bekannten Berliner Mauerpark mit selbstgemachtem Schmuck betrieben. Wir hatten alles in Vintage-Koffern dabei, die voller Überraschungen waren. Ähnlich läuft es mit Klub Maison. Dieses Projekt ist als Folge vom Blogazine Herz&Blut entstanden, hier hat meine Schwester Jules einen Blog für Interiordesign, Lifestyle-Themen allgemein hochgezogen. Im Vordergrund standen immer Interior und Homestorys. Mit der Zeit kam schnell mehr dazu, weil am EndeInteriordesign überall eine Rolle spielt. Machen wir uns nichts vor, auch Restaurants, Bars und Hotels suchen wir auch nach dem Look aus. So kam eins zum anderen. Klub Maison soll und ist unser Klubhaus. Die Idee ist es kreative Menschen bei Events zusammenzubringen, neue und schöne Produkte im Newsletter zu präsentieren, von Restaurants und Reisen zu berichten und zu inspirieren. Wir zeigen, was wir persönlich mögen, richten Dinner Partys und Mittagstische aus und haben Spaß, wenn Leute zusammenkommen in unserem Klub. Die letzten zwei Jahre hatten wir dafür auch einen Eventspace im Concrete Style angemietet. Das war echt cool, aber wirtschaftlich und energietechnisch nicht die glorreichste Idee. Aber wir bleiben unserem „einfach machen-Motto“ treu. Es wird nie langweilig und wirschauen, wohin die Reise weitergeht.

 

Berlin gilt seit Jahren als eine der spannendsten Food-Städte Was hat sich in den letzten zwei bis drei Jahren am stärksten verändert? Welche Entwicklungen findest du besonders inspirierend?

Manchmal frage ich mich echt, woher Leute die Power und vor allem das Geld nehmen, denn hier sprießen neue Lokale wie Pilze aus dem Boden. Wir müssen aber gleichzeitig auch betonen, dass es eine extreme Fluktuation gibt und viele Restaurants, die ich sehr mochte von der Karte verschwunden sind. Im Grunde sind alle neuen Lokale vom Konzept her recht ähnlich: visuell sehr stark, immer Sharing Konzepteund good Vibe orientiert. Tendenziell gehen die Lokale alle mehr auf Spaß,

 

und Casual Dining. Fine Dining ist in Berlin nicht tot, aber seien wir ehrlich, wer kann sich das leisten? Es muss wieder der Spaß und das Zusammenkommen zelebriert werden. Saint Farah, Gardine oder Basta Berlin sind solche Orte für mich. Alle Lokale von Vadim Otto Ursus sind nicht nur ein Augen- , sondern auch ein Gaumenschmaus. Ganz frisch ist jetzt das Bravo Berlin in aller Munde. Sehr cool.

Wächst in Berlin gerade eine stärkere Community zwischen Restaurants, Produzent, Food-Design-Studios und Kreativen – oder machen alle eher ihr Ding mit Ellenbogen raus?

Die Konkurrenz schläft nicht wie man so schön sagt. Ellenbogen sehe ich eher weniger, sondern eher Cross-over Pop-ups unter den Lokalen und gemeinsames Schaffen. Einige Lokale scheinen ziemlich raschzu Pilgerorten bestimmter Gruppen zu werden. Wenn das Restaurant den Club ersetzt, das ist auch typischBerlin. Oder einfach typisch für Szenelokale, davon haben wir jetzt einige.

Wenn du auf die aktuelle Gastro-Szene blickst: Welche Trends werden glaubst du bleiben – und welche sind eher kurzlebige Hypes? Welche Trends würdest du dir wünschen?

Sharing Plates sind toll, aber manchmal wünsche ich mir meinen eigenen Teller zurück. Die Portionen werden kleiner, die Kosten allerdings nicht. Das finde ich manchmal nervig und kann mir vorstellen, dass wir hier vielleicht bald zurückrudern. In Berlin kann man gefühlt sich durch die ganze Welt essen, asiatische Küchen sind sehr stark hier. Es kommen auch immer neue Läden mit so tollem Essen. Der neueste heißeZuwachs ist das thailändische Restaurant Rram auf der Torstraße. Ich denke die Bistros mit Sharing Plates bleiben weiter stark, ich habe nichts dagegen, wenn Läden nicht nur Naturwein auf der Karte hätten.Ansonsten kann ich mir gut vorstellen, dass die osteuropäische Küche aus den Nachbarländern immerattraktiver wird.

Klub Maison verbindet Kulinarik, Atmosphäre und Design auf besondere Weise. Wann wird deinerMeinung aus einem Restaurant mehr als nur ein Ort zum Essen?

Vibe Dining ist das Stichwort. Ein gutes Restaurant zeichnet für mich aus, wenn du dich als Gastwillkommen fühlst, egal, ob du eingeladen wurdest, nicht perfekt gestylt bist oder zum ersten oder zehnten Mal kommst. Wenn der Service herzlich und mitdenkend ist, ist das schon die halbe Miete. Leider ist das in Berlin so eine Sache.

Guter Geschmack endet bekanntlich nicht am Tellerrand. Welche Rolle spielen Interieur, Licht,Materialien oder Keramik dabei, wie wir ein Essen wahrnehmen? Gibt es Gestalter oder Studios, deren Arbeit dich aktuell begeistert?

Das Auge isst mit! Das ist genau mein Punkt: selbst wenn man durch die Straßen spaziert, hat man doch ein Auge auf Läden, die schon auf den ersten Blick cool aussehen, oder? Durch Instagram und Co wird uns sowieso ein bestimmter Look suggeriert. Visuell stark sind auf jeden Fall die Trattoria Breda (Interior Design Allen Kaufmann) , auch das Pamela Restaurant von der Big Squadra-Gruppe ist filmreif. Für mich ist und bleibt das Bistro Jolie einfach the sexiest Restaurant in Town. Das Interior Design stammt hier vom Hamburger Studio TH2 Interior Design.

 

Reisen ist oft die beste Welche Städte oder Länder haben in letzter Zeit deinen Blick auf Gastfreundschaft, Kulinarik oder Design nachhaltig geprägt – gab es Überraschungen?

All in für den Osten! Ich bin gerade erst zurück von einer Reise nach Litauen. Meine Mama kommt ausVilnius, ich war dort jeden Sommer seitdem ich denken kann und wow! Das Land verändert sich rasend! Es gibt so hippe und sehr coole Lokale dort! New Baltic Cuisine ist nicht nur ein Hype, sondern in jedem Fall einen Besuch wert. Richtig wunderbar ist von Location bis alles, was auf den Teller kommt, das Nineteen18Restaurant. Hier zaubert die brillante Köchin Vita Bartinkaitė mit ihrem Kollegen Justinas Misius kulinarische Erlebnisse auf den Teller. Das Restaurant hat fast etwas Sakrales. Nicht ohne Grund wurde es mit einem Michelin Stern ausgezeichnet.

Sehr spannend finde ich alles, was auf dem Balkan abgeht. Athen scheint kulinarisch gesehen in einem zweiten Frühling zu sein, auch fand ich im letzten Jahr meinen Kurzbesuch in Belgrad mehr als spannend. Ich mag, wenn die westliche moderne Interior-Bubble mit lokalen Konzepten crusht.

Drinks erleben gerade eine neue Aufmerksamkeit – von alkoholfreien Alternativen, zu Appertivos, minimalistischen Highballs bis zu aufwendig komponierten Signature Drinks. Worauf achtest du persönlich an einer guten Bar, und was macht für dich einen wirklich gelungenen Cocktail aus?

In erster Linie trinke ich gern einen guten Weißwein, bei Cocktails bin ich auch recht klassisch unterwegs.Whiskey Sour Paloma und seit meinem Trip auf den Seychellen ist der Pina Colada bei mir zurück. Das ist kein Spaß! Ich habe ganz vergessen, wie großartig dieser Retro-Drink sein kann!

Ein Drink muss gut balanciert sein, mit einer Flasche Wasser kommen und in bester Atmosphäre genossen werden. Meine Wohnzimmer-Bar ist die Höschen-Bar. Hier treffe ich immer bekannte Gesichter und hab sogar eine Stammgastkarte. Ambiente und Drinks sind in der Listeningbar Rhinocerus einfach unschlagbar gut.

Wenn du Menschen einen kulinarischen Berlin-Tag zusammenstellen müsstest – vom Kaffee bis zum Absacker – welche 5 Orte würdest du aktuell empfehlen?

Frühstück im Café Schröder mit einer dick belegten Stulle starten.

Lunch: Hier Restaurant. Farm to table-Mittagstisch aus der Region. Oder wer es rustikal mag: Bistro Sarajevo im Wedding in der Triftstraße. Bestes Burek und Čevapčiči der Stadt!

Samstags: Schlemmen über den Kollwitzmarkt (bitte alles am Bert&Boni an Käse probieren, daneben Gemüse vom Hof kaufen)

Aperitivo: Jolie Bistro nur für Austern und Wein oder im Pluto für Wein & Drinks und kleine Snacks einkehren

Dinner im Saint Farah oder Sterne-Restaurant Hallmann&Klee: beides einfach fantastisch!

Wie nimmst du Wien wahr? Gibt es Aspekte der Wiener Gastro-, Kaffeehaus- oder Designkultur, die dich besonders interessieren? Und was würdest du bei deinem nächsten Besuch hier gerne erleben?

Wien ist ein wenig von meinem Radar verschwunden. Ich war schon ein paar Jahre nicht mehr dort. In meiner Erinnerung ist Wien eher klassisch und traditionell. Was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, dass dort vermehrt auch ältere Leute im Service arbeiten, das vermisse ich hier in Berlin total. Auch das ältere Menschen in Lokalen „stattfinden“ und überhaupt sind. Das find ich immer bereichernd, wenn nicht nur eine gewisse Bubble an bestimmten Orten is(s)st. Beim nächsten Besuch hätte ich natürlich Lust auch die angesagten, gehypten Läden zu checken, aber auch alteingesessene, von den Locals geliebte Spots zu besuchen.

Abschlussfrage zum Wasser: Still oder prickelnd?

Man wird älter, also still.

4. August 2026
Schluss mit Listen: Warum das Bauchgefühl mitreisen sollte

Kommentieren

Die E-Mail Adresse wird auf der Website nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet und müssen ausgefüllt werden.