Was bleibt: Harry Bader über zeitloses Brillendesign.

Ein Interview mit Harry Bader, ehemaligem Designer von Robert La Roche und Gründer von +43 BADER

Als langjähriger Designer bei Robert La Roche hat Harry Bader unzählige Trends kommen und gehen sehen. Mit seiner eigenen Marke +43 BADER verfolgt er heute eine klare Haltung: Brillen sollen nicht nur modisch wirken, sondern vor allem langfristig funktionieren. Im Gespräch erzählt er, woran er zeitloses Design erkennt, warum Passform wichtiger ist als jeder Hype und weshalb eine unabhängige Marke aus Wien heute international eine echte Chance hat.

Wenn du zeitloses Brillendesign definieren müsstest: Was macht eine Fassung zeitlos?

Eine zeitlose Fassung ist für mich nie zu präsent: Der Rahmen sollte nicht zu dick sein und sich harmonisch in die Gesichtsform einfügen. Als besonders zeitlos empfinde ich die pantoskopische Form, also eher rund und nach unten schmäler werdend. Sie tauchte schon in den 1920er- und 1930er-Jahren auf und ist bis heute nie ganz verschwunden.

 

Harry Bader

Fotos © Julie Oberhauser

 

Du hast als Designer für Robert La Roche viele Trends kommen und gehen sehen: Woran erkennst du früh, ob etwas bleibt oder nur ein kurzer Hype ist?

Viele Trends in der Brillenmode kommen direkt aus der Fashion und bleiben deshalb oft nur in sehr modeaffinen Zielgruppen relevant, wie aktuell etwa schmale, ovale Formen. Solche Trends entfalten meist keine breite, langfristige Wirkung.

Länger halten sich eher markante Entwicklungen. Ich habe vor 20 Jahren viele randlose Brillen verkauft,danach kam der Trend zu dicken Acetatfassungen, der bis heute geblieben ist. Vor einigen Jahren kam dann zusätzlich die Nachfrage nach goldenen, dünnen Metallrahmen zurück. Und ich glaube, dass auch der randlose Trend wiederkommt. Teilweise taucht er hier und da schon wieder auf.

Ein Paradebeispiel für Zeitlosigkeit ist für mich die klassische Aviator- oder Pilotenform, ob eckiger oder runder interpretiert. Sie zählt seit den 1950er-Jahren in unterschiedlichsten Varianten zu den Klassikern.

Welche No-Gos altern bei Brillen am schnellsten?

Am schnellsten altert oft die Farbe. Bei Robert La Roche musste ich meine Designs rund ein Jahr im Vorausfertigstellen und mich dabei an den Trendfarben der kommenden Saison orientieren, die man ja bereits im Vorfeld kennt. Das funktioniert vor allem für Fashion-Brillenlabels, besonders bei Sonnenbrillen, die nach jeder Saison wieder in den Sale gehen können.

In meiner eigenen Kollektion orientiere ich mich dagegen stärker an zeitlosen Farbtönen, weil meine Modellpolitik nicht zu schnell galoppieren soll. Besonders schön (und zeitlos!) finde ich Havanna-beziehungsweise Tortoise-Töne, die fälschlicherweise oft als Horn bezeichnet werden.

Harry Bader

Fotos © Julie Oberhauser

 

Vom Designer zum Gründer: Welcher Moment war ausschlaggebend, deine eigene Brand zugründen?

Nachdem ich fünf Jahre lang sehr erfolgreich für die Weltmarke Robert La Roche designt habe und einengroßen Anteil daran hatte, die Marke wieder auf die internationale Brillenbühne zurückzuführen, dachte ich mir irgendwann: Das kann ich auch für mich selbst machen.

Ich habe in dieser Zeit unglaublich viel gelernt und sehr viele Kontakte in alle Richtungen geknüpft, wofür ich sehr dankbar bin. Neben dem Design hatte ich auch in vielen anderen Bereichen viel Mitspracherecht,musste aber natürlich auch Kompromisse eingehen. Das muss ich jetzt nicht mehr.

Worauf legst du beim Design deiner Brillen besonders Wert, damit sie langfristig funktionieren? Und wie beginnt bei dir der Gestaltungsprozess?

Ich habe einen anderen Zugang zum Brillendesign als viele andere Designer, weil ich auch Optikermeister bin und seit 37 Jahren tagtäglich Kund:innen die etabliertesten Brillenmarken aufsetze. Damit Brillen langfristig funktionieren, müssen sie vor allem eine sehr gute anatomische und proportionale Passformhaben. Es bringt nichts, das auffälligste Design zu entwerfen, wenn die Brille nicht sitzt, drückt, zu schwer ist oder sich wie ein Fremdkörper im Gesicht anfühlt.

Auch die Gesamtbreite eines Brillenrahmens ist immens wichtig. Es gibt eine Standardbreite, die vermutlichetwa der Hälfte aller Gesichter passt. Die andere Hälfte braucht entweder eher schmale Brillen, oft Frauen, oder sehr breite Größen, oft Männer.

Deshalb beginnt mein Gestaltungsprozess immer mit der Frage: In welche Gesichter sollen meine Brillen überhaupt passen?

 

Harry Bader

Fotos © Julie Oberhauser

 

Als österreichische Marke im internationalen Markt: Wie behauptet man sich gegen die großen Brands? 

Ich bin seit 37 Jahren in der Brillenbranche und seit 22 Jahren Shopmanager in einer exklusiven WienerBrillenboutique, der Brillenmanufaktur. Deshalb kenne ich den Markt und die Konkurrenz sehr gut. Weltweit gibt es in vielen Städten ähnliche Nischen-Boutiquen wie die Brillenmanufaktur. Diese Geschäfte zeichnen sich dadurch aus, dass sie gezielt Marken ausgewählter Independent Labels führen, also abseits der großen italienischen und chinesischen Konzerne mit ihren Lizenzprodukten kommerzieller Brands. Dort und in ausgewählten Concept Stores möchte ich auch mit +43 BADER präsent sein. In Läden, die ständig auf der Suche nach neuen unabhängigen, exklusiven Brands sind, die in höchster Qualität produzieren und transparente Produktionsabläufe haben.

Das internationale Feedback ist sehr positiv. Viele schätzen es, dass es seit 1973 (Robert La Roche) wieder eine unabhängige Brillenmarke aus Wien gibt.

Ein Blick nach vorne: Was dürfen wir uns von +43 BADER noch erwarten?

Ich bin Perfektionist und möchte die Kollektion ständig weiterentwickeln und verbessern. Mein Ziel ist es,die Marke international als fixe Größe zu etablieren. Nach dem Markteintritt in Europa, den ich im Februar in Mailand gestartet habe, möchte ich langfristig auch in Amerika, Asien und Australien Fuß fassen. Geplant ist, Carry-over-Modelle als fixe, zeitlose Designs in der Kollektion zu belassen und vor allem über Farbvarianten weiterzuentwickeln.

Natürlich reagiere ich aber auch gerne auf Trends, speziell bei Sonnenbrillen.

Die Kollektion soll immer ein guter Mix aus Zeitlosigkeit und modischer Bewegung bleiben. Geplant sindaußerdem Kollaborationen mit Fashiondesigner:innen und Künstler:innen aus Wien.

Welche drei Tipps gibst du jemandem beim Kauf einer Brille?

Bei optischen Brillen würde ich immer zuerst auf den Komfort achten: Wenn man eine Brille oft über Jahre trägt, muss sie im Alltag wirklich gut sitzen. Zweitens sollte man sich überlegen, ob die Brille eher Charakter zeigen oder sich harmonisch ins Gesicht einfügen soll. Beides kann richtig sein, das hängt ganz von der Persönlichkeit ab.

Und drittens ist die Form entscheidend: Eine eckigere Brille kann ein rundes Gesicht markanter wirken lassen, eine rundere Form ein kantigeres Gesicht weicher. Wobei ich glaube, dass die meisten Menschenohnehin sehr genau wissen, wie sie mit einer Brille aussehen wollen. Deshalb will ich, wenn Kund:innen mich um meine Meinung fragen, gar nicht zu sehr vorgeben, sondern eher beratend zur Seite stehen.

Ein Satz, den ich sehr mag, bringt es schön auf den Punkt: „A face is like a work of art — it deserves a great frame.“

Bei Sonnenbrillen darf man meist etwas mutiger sein und auch eher einem Trend folgen. Vielleicht auch interessant: +43 BADER Brillen sind alle genderneutral.

Zum Abschluss: Still oder prickelnd?

Am liebsten superprickelnd.

Text: Stefan Kalvoda

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