snorre upcycling
Foto © Valentina Lazzi

Bei Snorre wachen Lattenroste wieder auf

Keine halben Sachen. Das ist die Prämisse des Wiener Unternehmens snorre, das die ungenutzte Ressource “alte Lattenroste” von Mülldeponien holt und sie im wahrsten Sinne des Wortes zu neuem Leben erweckt. Thomas Maurer und Maximilian Klammer sind die Köpfe hinter snorre, die sich den schnarchenden Wikinger der bekannten TV-Show aus den 70ern humorvoll zum Vorbild nahmen und so gar nicht Verschlafenes aus den Lattenrosten machten. Von Couch- über Beistelltische bis zu Pflanzenständern werden in sozialen Werkstätten in Wien gefertigt. Das #jungbleiben Magazin hat mit dem Gründer gesprochen, um mehr über die Design-Innovation zu erfahren.

Wie kam es zu der Idee aus alten Lattenrosten Pflanzenständer und Kleinmöbel zu kreieren?

Thomas Maurer: “Die Idee zu einem verstellbaren Mechanismus  aus Lattenrosten kam Max bereits während seines Architekturstudiums. Aus den Prototypen wurde dann snorre, ein multifunktionales Upcyclingmöbel, lokal hergestellt bei sozialen Organisationen. Auch wenn die ursprüngliche Idee eher der Faszination des Mechanismus geschuldet ist, so treffen wir nun mit snorre absolut den Zeitgeist. Der Großteil der Möbelproduktion erfolgt immer noch global und linear. Als Beispiel: Holz als Ausgangsmaterial kommt oft aus Nordeuropa, wird dann in Osteuropa zum Möbel verarbeitet, in Wien letztendlich verkauft und nach einmaliger Nutzung am Sperrmüll entsorgt. Hier wollen wir mit snorre zeigen, dass es auch völlig anders gehen kann.”

snorre couchtisch

Foto © Valentina Lazzi

Welche Herausforderungen musstet ihr meistern, um snorre von “ausgeschnarchten Lattenrosten” zu erwecken?

Thomas Maurer: “Einige! Ein Start-Up zu gründen ist immer eine Achterbahnfahrt. Wir sind seit der Gründung vor 2 Jahren ständig gewachsen und von einzelnen Unikaten zur standardisierten Serie. Hier müssen auch die sozialen Organisationen für die Produktion gefunden und auf deren Bedürfnisse genau eingegangen werden. Eine Herausforderung war auch die Standardisierung und die damit verbundene Sortierung der Bettlatten. Es werden ja die unterschiedlichsten Lattenroste zur MA48 gebracht und wir können Farben und Größen nie vorhersagen. Hier hat uns die Partnerschaft mit ADA, einem traditionsreichen Polstermöbelhersteller sehr geholfen, durch die wir neben dem Sperrmüll, Bettlatten auch direkt aus dem Produktionsausschuss beziehen können, was vor allem bei der Sortierung sehr hilfreich ist.”

“Wir versuchen zu zeigen, dass auch Weggeworfenes wieder zu einem Designobjekt werden kann.” – Thomas Maurer, snorre

snorre

Maximilian Klammer und Thomas Maurer (von links) sehen Upcycling und Design in keinem Widerspruch. Müll als Ressource hat für die Gründer großes Potential, um Nachhaltigkeit und lösungsorientiertes Unternehmertum unter einen Hut zu bringen. Fotos © Valentina Lazzi

Wie muss das Material aka ehemaliger Abfall aufbereitet werden?

Thomas Maurer: “Unsere Wertschöpfungskette funktioniert so: Alle Lattenroste, die in Wien auf einen der 26 Sperrmüll-Plätze der MA48 abgegeben werden, werden für uns gesammelt. Diese werden natürlich zuerst von den MA48 Mitarbeitern begutachtet. Völlig kaputte oder verschimmelte Lattenroste können wir natürlich nicht verwenden. Die meisten Stücke die weggeschmissen werden, sind aber noch in top Zustand oder nur eine Latte von vielen gebrochen. Meistens ist daher nicht mehr notwendig, als sie einmal abzuwischen.  Nachdem die Lattenroste zentral in Stadlau gesammelt werden, holt die Volkshilfe Logistik / SOEB diese ab und zerlegt. Die Latten werden anschließend sortiert und entweder lackiert oder direkt zu snorre verarbeitet bei der Wörkerei – einer Werkstätte der Caritas und Volkshilfe. Die gesamte Produktion ist also ein fein abgestimmtes Zusammenspiel aus einer kommunalen Institution und mehreren sozialökonomischen Betrieben innerhalb der Wiener Stadtgrenzen.”

Die Wiener Magistratsabteilung zur Müllentsorgung, die MA48, ist mit an Bord. Wie oft seid ihr auf den Deponien unterwegs? Welche Fundstücke habt ihr abseits von Lattenrosten gemacht?

Thomas Maurer: “Die MA48 sammelt ausgemusterte Lattenroste für uns. Das sind etwa 100 Stück im Monat. Das Gute ist, dass die MA48 für Upcycling Projekte wie unseres bereits einen zentral organisierten Prozess etabliert hat. Wir bezahlen daher die MA48 pro gesammelten Lattenrost, müssen nicht selbst auf den Deponien unterwegs sein und können uns daher mehr aufs Kerngeschäft konzentrieren. Für unsere neue Möbelserie haben wir auch schon ein besonderes Material im Auge. Die ersten Prototypen stehen bereits, mehr dazu gibt es dann 2024 zu sehen.”

snorre wien moebel firma

Fotos © Valentina Lazzi

Habt ihr auch andere Dinge gefunden, die ihr zu Produkten verwandeln möchtet? 

Thomas Maurer: “Über die neue Möbelserie können wir noch nicht zu viel verraten. Nur, dass sie nichts mit Lattenrosten zu tun hat und sich mehr auf Industrieabfälle fokussiert. Hier konnten schon erste Kooperationen mit großen Produktionsfirmen im Umfeld von Wien geschlossen werden. Max hat als Designer die Gabe in vielen Materialien, schöne neue Dinge zu sehen. Die ersten Tischplatten für snorre haben wir z.B. aus ausgemusterten Kabeltrommeln gebaut. Die textilen Übertöpfe von snorre werden aus ausgemusterten Segeln von Segelschulen an der Alten Donau genäht. Unsere neuen Tischplatten sind auch aus recyceltem Plastik gemacht. In einer Tischplatte stecken da schon einmal bis zu 3000 Plastikflaschen-Verschlüsse.  Es gibt also sehr viel Material, was sich zu hochwertigen Möbeln und Accessoires verarbeiten lässt.”

 

Upcycling kommt immer mehr in westlichen Breitengraden an, es fehlt aber oft noch an Innovationsideen. Wie groß schätzt ihr das wirtschaftliche Potential ein, aus “alten” Dingen etwas Neues zu machen?

Thomas Maurer: “Sehr groß! Das Wort Kreislaufwirtschaft schwirrt ja gerade überall herum. Aber fast niemand kann damit schon etwas anfangen. Wichtig ist einfach zu zeigen, dass unsere Ressourcen auf dem Planeten endlich sind und wir uns neue Wege überlegen müssen wenn wir in Zukunft nicht im Müll untergehen wollen. Auch wenn wir hier zu den Ersten der Branche gehören, wird sich sicher viel bewegen. Und auch bewegen müssen in den nächsten Jahren. Eine Reformierung des Abfallwirtschaftsgesetz und CO2 Bepreisung sind hier zwei ganz wichtige Punkte, die es brauchen wird, um Upcycling auch wirtschaftlich kompetitiv mit herkömmlichen Wertschöpfungsketten zu machen. Wir versuchen, unseren Teil dazu beitragen, indem wir zeigen, dass auch Weggeworfenes wieder zu einem Designobjekt werden kann. Mit einem snorre setzt man somit ein richtiges Statement für Nachhaltigkeit zu Hause oder im Büro.”

Titelfoto: Valentina Lazzi

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